Notizen zur evangelischen Kirche im Nationalsozialismus

Man will Widerstand geleistet haben – nicht nachhaltig genug, nicht tapfer genug, nicht breit genug (wie das dann in der Stuttgarter Schulderklärung (siehe unten) eingestanden wurde) – aber dennoch. Ja, das ist auch zweifellos vorgekommen, dass man sich an der einen oder anderen Stelle widersetzt hat. Hitler wollte die Kirchen vernichten, liest man heute sogar gelegentlich unter Berufung auf einzelne seiner Äußerungen. Da ist auch wohl etwas dran: Irgendwann nach dem Endsieg, nach Opportunität und mit hinterletzter Dringlichkeit [vgl. Rißmann, 88-89]. Nationalsozialismus und Christentum deshalb zu antagonistischen Prinzipien zu stilisieren, ist trotzdem ein schlechter Witz.
Ich halte nichts von historischen Aufrechnungen – die handelnden Personen sind überwiegend tot, ihre Weltsicht nur noch mit Mühe rekonstruierbar, die Lage grundlegend verwandelt. Wenn sich allerdings jemand aufspielen möchte, sich beteiligen möchte an der Abgrenzung vom Nationalsozialismus, die zu einem Kernstück gegenwärtiger politischer Identität und politischer Auseinandersetzungen in Deutschland geworden ist (eine höchst problematische Fehlentwicklung, diese Fixierung auf eine schlimme Vergangenheit), dann wird sich dieser Aspekt kaum vermeiden lassen. Und vielleicht ist hier auch einiges sonst für die Gegenwart zu verwerten.
Man macht sich ja selten klar, wie kurz die zwölf Jahre nationalsozialistischer Herrschaft, halb Frieden, halb Krieg, waren; die bemühte Abgrenzung lässt den Gegenstand und seine Zeit anschwellen. So lässt sich dann auch übersehen, wie viel in heutigen Antifa-Umtrieben ohne weitere Auseinandersetzung "miterledigt", "mitverdrängt" werden soll, was gar nicht spezifisch mit dem Faschismus / Nationalsozialismus in Verbindung zu bringen ist. Nicht, dass es zum überwiegenden Teil etwa eine "zweite Chance" verdient hätte, aber eine erhöhte Aufmerksamkeit ist manches davon schon wert. Und sei es darum, dass unerfreuliche Tatsachen nicht durch das Verschließen der Augen zu beseitigen sind.

Mit Freude und Hoffnung

Um den zentralen Punkt vorwegzunehmen: Die evangelische Kirche hat die Machtergreifung Hitlers breit begrüßt. Man hat die Weimarer Republik als chaotisch wahrgenommen und als eine mangelhafte, ja ungenügende Obrigkeit beurteilt. Weite Kreise haben die Rede von der "Deutschen Revolution", dem "neuen Staat" ernst genommen. Zum ersten Mal gab es "seit der Revolution eine parlamentarische Mehrheit von bewusst nationaler Haltung." "Es werden unter uns nur wenige sein, die sich dieser Wendung nicht von ganzem Herzen freuen." (Otto Dibelius, zit. b. Scholder I, 293).
Das war Anfang März 1933. Später kamen Ent-täuschungen, gingen die Wege auseinander, kam es – bei einer kleinen Minderheit – zu echter Gegnerschaft zum nationalsozialistischen Staat. Doch zunächst – das heißt die nächsten zwei bis drei Jahre – taten sich innerhalb der Kirche mannigfaltige Fronten auf wegen einer Frage, die noch ganz von Enthusiasmus des vorgeblichen Neubeginns geprägt war. Wäre eine Neugestaltung des Verhältnisses von Kirche und Staat nicht ebenfalls an der Zeit? Und was für eine Kirche braucht der neue Staat? Ein Reformbedarf war unstrittig, die Fähigkeit und der Mut dazu nicht vorhanden – und nachher war man froh darum.
Man muss betonen, dass dies in erster Linie ein innerkirchliches Problem war. Hitler erwartete sich nichts Besonderes von der evangelischen Kirche: Einen zuverlässigen, unpolitischen Partner, der still hielt, wo er nicht unterstützte, und der ein Gegengewicht gegen die katholische Kirche mit ihrer selbstbewussten politischen Identität bildete, die verständlicherweise seine Hauptsorge darstellte. Es waren Kräfte innerhalb der Kirche, die ein aktiveres Eintreten für den neuen Staat wollten, eine Fortführung der Reformation gewissermaßen. Die Volkskirche für die Volksgemeinschaft sein wollten – beides in Form einer gewachsenen völkisch-rassischen Einheitlichkeit verstanden.
Und es waren ebenso Kräfte in der Kirche, die dem gegenüber zäh auf dem überkommenen Modell der ideologischen Arbeitsteilung bestanden – auf einer unabhängigen Kirche neben dem Staat. Der "Kirchenkampf" der mittdreißiger Jahre war nichts anderes als die Krise der Kirche selbst – und allerdings auch die staatliche Reaktion auf diese Krise.

Ja - aber

Es gab eine ganze Reihe von Auseinandersetzungen zwischen der / den evangelischen Kirche(n) und dem nationalsozialistischen Staat bzw. der Partei. Es liegt entsprechend nahe, hier in eine Falle literarischer Ökonomie zu tappen: nämlich die Geschichte dieser Auseinandersetzungen im Schema von "Die Guten gegen die Bösen" aufzufassen und weiterzuerzählen. Und die Guten geben es den Bösen (wer nachher noch übrig ist, sind immer die Guten, vielleicht haben sie ja Opfer bringen müssen, aber nichtsdestotrotz ...). Und bringt man es nicht selber so vor, dann tragen es die Leser so hinein.
So ist das aber hier nicht, auch und gerade wenn die Geschichte immerfort stark vereinfacht so erzählt wird. Sondern, um ein für alle mal dieses hier unbrauchbare Schema hinter sich zu lassen – die Bösen in den kirchenpolitischen Auseinandersetzungen waren ganz überwiegend die teils hilflosen, teils dussligen, teils verwirrten Menschen guten Willens. Die eine Lösung der Krise von Staat und Volk – so, wie sie diese Krise wahrzunehmen gewohnt waren – suchten und deshalb auch die nationalsozialistische Lösung begrüßen mussten. Jedenfalls zu Anfang. Hauptsache Ordnung, Hauptsache ein starker Staat.
Die Guten waren ganz überwiegend Leute, denen nichts über die Selbsterhaltung und Selbständigkeit ihrer Institutionen ging. Traditionalisten, Verwalter. Institutionen brauchen so Leute, wenn man nicht die Institution an sich ablehnt, darf man sich über derartige Leute nicht beklagen. "Die Konsistorien bestehen aus charakterlosen Geldverdienern, die dem gegenwärtigen System gegenüber einen krummen Buckel machen." (Gauleiter Kube, gewissermaßen Ziehvater der Bewegung der "Deutschen Christen", 1931, zit. b. Scholder I, 253) Das Weimarer "System" ließ sie ja auch in Ruhe, trotz ihrer allgemein ablehnenden Haltung zu dieser Republik. Als der Staat sie dann nicht mehr in Ruhe ließ, stellten einige von ihnen ihre Stacheln auf und wurden biestig – so gut Pfarrer so etwas eben hinkriegen – und erwarben sich teilweise durchaus so etwas wie Charakter.
In diesen beiden Fraktionen hat man fast den gesamten deutschen Protestantismus jener Zeit versammelt, und in dieser Gliederung fiel er kopfüber in den Nationalsozialismus hinein. Es gab Ausnahmen, einige von ihnen gewannen im Verlauf an Einfluss und Anhängerschaft. Einzelne liberale und sozialistische Theologieprofessoren, kleine Gruppen religiöser Sozialisten. Angesichts von ca. 18 000 Pfarrern im Deutschen Reich möchte man gar nicht erst anfangen zu zählen und zu vergleichen.

Politische Theologie

Man kommt der Sache wahrscheinlich deutlich näher, wenn man von einer Fraktionierung in eine politische und in eine unpolitische Theologie ausgeht, auch wenn das Assoziationen an Totalitarismustheorien erweckt. Vielleicht konnte man – irgendwo in Mecklenburg, wo sowieso alle Nachrichten mit fünfzig Jahren Verspätung eintreffen (Bismarck) und das Leben seinen naturnahen Gang ging, noch naiv eine "unpolitische Theologie" und eine entsprechende Gemeindepraxis haben (unter einer allzeit gemäßigten, später deutsch-christlichen Kirchenleitung). Taufe, Hochzeit, Beerdigung, Erntedank, und im Sonntagsgottesdienst um Segen für die Regierung bitten, dass die alles schon irgendwie gut geregelt kriegen.
Außerhalb solcher Reservate (und der Platz in ihnen muss definitiv schon knapp geworden sein) war man dringlich zu einer Stellungnahme zur politischen Situation – zur "Not von Volk und Staat" – verhalten. Man konnte sie allerdings auch bewusst verweigern – den Kopf in den Sand stecken, würde man unter anderen Umständen dazu sagen.
Man sollte es ihnen also durchaus als guten Willen anrechnen, dass ein großer Teil der Pfarrerschaft usw. Stellung bezog. Allerdings fiel das eben ganz überwiegend so aus, wie es auf Grund der politischen, sozialen und persönlichen Hintergründe der Kirche und ihrer Vertreter nicht anders zu erwarten war: deutschnational bis nationalsozialistisch, meist mit genug selbstverständlichem ("ist ja wissenschaftlich begründet") Rassismus, dass auch ein innerkirchlicher Arierparagraph kaum weiter aufregen konnte.

Zeit für einige O-Töne. Hirsch gegen Barth, Februar 32: "Wollen Sie leugnen, dass die Eingliederung in Volk und Staat und in die geschichtliche Stunde und die geschichtliche Aufgabe von Volk und Staat mit meiner Existenz als Mensch so verwoben ist, daß ich sie nur in Ungehorsam gegen den, der mich in sie gesetzt hat, verleugnen könnte und nur durch Abgleiten in nicht existenzielles, also theologisch belangloses Gerede nicht zum Grundpunkte desjenigen Verständnisses von Volk, Staat und Krieg machen könnte, welches mir als Theologe aufgegeben ist?" (zit. b. Scholder, I, 223)
Ein Primat der konkreten historischen Situation also und ihrer Anforderungen, und zwar durchaus um Gottes willen, der durch die Menschen in der Geschichte wirkt. Das hat etwas sehr Solides, das könnte man glatt für eine Befreiungstheologie brauchen – jedenfalls so lange, wie man einen Bogen um den Bedeutungskomplex "Volk" macht. Kirche ist Teil – ja lebendiges Glied – der Gesellschaft und hat im Rahmen ihrer Werte und Maßstäbe (wie sie ihr in der Schrift gegeben sind) an deren Gestaltung verantwortlich mitzuwirken.
Barths Antwort darauf wirkt blass: Der Grundpunkt muss "oberhalb und jenseits" der "politischen Erregung" gesucht werden. Gott, Evangelium, Kirche (verstanden offenbar als spirituelle Gemeinschaft der Gläubigen). Theologie muss Theologie bleiben. Nur das kann vor falschen Identifikationen schützen, vor der Verführung durch die "geschichtliche Stunde".
Die Sache ist nicht damit zu erledigen, dass man sich erinnert, dass Hirsch für die Nazis eintrat (Mitglied allerdings erst 1937) und Barth Sozialdemokrat war, jedenfalls aber einer der wenigen politisch leidlich klar sehenden Theologen, die es damals überhaupt gab. Man muss sich auch die Kosten und Gefahren seiner Position zu vergegenwärtigen suchen: Macht sich nicht Kirche hier einfach aus der Welt davon? Gibt das nicht der Kirche (als Institution) auch wieder den Freibrief für beliebige Kompromisse, solange ihr Status und eine begrenzte Anzahl ihrer Anliegen gewahrt sind? Widerstand auf dieser Grundlage musste es von Anfang an schwer haben. [Vgl. Rehmann 110-124, 135]

Nun kommt es selten vor, dass Theologie sich so unmittelbar mit den Anliegen der Zeit beschäftigen muss. (Vielleicht ist auch seitdem die Zeit für "große" Theologien mit intellektuellem Gehalt, öffentlicher Resonanz und Folgen vorbei; man mag sich da ggf. überraschen lassen.) In den bleiernen Arrangements der Nachkriegszeit jedenfalls konnten Theologien wieder modisch wechseln – und konnte sich andererseits, nun unverbindlich entschärft, auch der konservative und nationale Grundzug des Protestantismus für lange Zeit beharrlich und nahezu alternativlos halten.
Genau so haben wir Nachkriegsfrüchtchen schließlich unsere Kirche kennen gelernt. Die kleinen Amis, denen man in der Sonntagsschule von klein auf die ganzen Geschichten einprägt, die kriegen ihre ersten Zweifel an so Fragen wie "Woher hatte Kain seine Frau?" Ich hatte ein entsprechendes Erlebnis erst in deutlich höherem Alter, als unser Pfarrer eine unanfechtbare Autorität zitierte, nämlich den Generalfeldmarschall Hindenburg, der gesagt haben sollte, er spüre es an der Front, dass in der Heimat nicht mehr gebetet werde. Haben also die anderen besser gebetet, und was sollte Gott überhaupt vom ersten Weltkrieg halten?
Dumme Frage: Gott mit uns! Weil wir eben ... nun ja, mit einem Wort ein Kulturland sind. Und unsere Sache als die der Menschheit erscheinen konnte (so etwa auch Gerhard Hauptmann und vielen anderen schätzenswerten Köpfen damals, 1914). So richtig übel war das wilhelminische Reich auch gar nicht, da war viel Wertvolles und Produktives, das man später vermisst hat.

Weimar, die sabotierte Republik

Damit haben wir einen Zipfel einer Antwort darauf, warum die politische Theologie der Weimarer Republik eine rechte (und zum Völkischen hin offene) politische Theologie war. Gegenüber dem Kaiserreich musste diese Republik ein irreparables Legitimitätsdefizit haben, zu dem Dolchstoßlegende und allerlei anderes nur noch hinzutrat, wenn auch mit gewaltiger Wirkung. Das Wort "System / Systemzeit" bringt einen hier auf die Spur: Diese Republik war gemacht, nicht gewachsen, sie war neu – auch das Kaiserreich war 1871 "gemacht" worden, aber erstens mit beträchtlichem Vorlauf, und zweitens und vor allem konnte es als Wiederherstellung eines "guten alten" Zustandes interpretiert werden, konnte es stützende Traditionen gewissermaßen an sich ziehen.
Nicht so Weimar. Entstanden aus der militärischen Niederlage, entstanden als ein Bruch, aber als ein kompromisshaft entschärfter. Entstanden auch als ein radikaler Modernisierungsschritt – "jetzt müsste all das angepackt werden, was man zuvor noch unter den Teppich kehren konnte" – tja, müsste ... – und als liberale Republik unter Bezug auf Ideen und Traditionen, die man teils verdrängen, teils im Unverbindlichen hatte lassen können. Die auch gerade als "westlich" mit den militärischen Gegnern identifiziert worden waren.
Paul Tillich hat das 1932/33 in seiner Schrift "Die sozialistische Entscheidung" als die Frage des Verhältnisses zu einem Ursprung analysiert. Dabei stellt er z.B. die Frage, warum die Sozialdemokratie nie Dank ernten konnte für das, was sie in den Anfangsjahren der Republik wirklich für die Nation getan hat? Weil der Ursprungsbezug, wie er im (deutschen) Begriff des Nationalen angelegt ist, von den älteren, traditionalen Kräften vereinnahmt ist, von solchen Kräften, die gar keinen Gedanken daran verschwenden, dass eine Modernisierung, d.h. eine erst vollständige Durchsetzung bürgerlicher Werte und Normen überhaupt notwendig sei.
Diese Situation besteht in ihren Grundzügen bis heute fort; in den Auseinandersetzungen um doppelte Staatsbürgerschaft und Einwanderungsgesetz geht es ja weniger um die Sache, als um die Behauptung von Zuständigkeiten und Identitäten, entsprechend unterscheiden sich die Politikstile. Die SPD kann nicht so agitieren wie die CDU, und täte sie es trotzdem, würde es ihr nichts nützen. Durch eine Anbiederung "moderner" politischer Parteien an die Kirche(n) ist das nicht zu beheben; hier läge Handlungsfähigkeit allenfalls bei der (evangelischen) Kirche selbst. Aufgrund eines anderen Verständnisses von Kirche, Staat und Politik fällt es der katholischen Kirche leichter, sich im Hinblick auf eine rationale Durchsetzung ihrer Interessen an allen relevanten politischen Standorten wohl zu fühlen – 2003 nicht anders als 1933.
1934 wird sich dann Hirsch damit brüsten, während der gesamten Zeit der Republik Widerstand gegen sie geleistet zu haben, und Tillich wird ihn – schon aus der Emigration – in einem offenen Brief fragen, warum denn gerade dieser Staat abzulehnen gewesen sei – schließlich habe sich der Protestantismus in seiner Geschichte schon unter allerlei Obrigkeit gefügt. Ja, warum? Weil die Weimarer Republik schon von ihrer Entstehung her für traditional orientierte Menschen mit dem Vermerk "Das darf doch nicht wahr sein!" versehen war.

... und noch mehr Gründe

Nennen wir kurz einige weitere Faktoren, die für die de facto nationalsozialistische Entscheidung der vorherrschenden politischen Theologie bestimmend waren: Zunächst natürlich den sozialen Standort der Pfarrerschaft (übrigens eine Aufstiegslaufbahn, vergleichbar, wenn auch exklusiver, dem Beruf des Volksschullehrers, und was man schwer erworben hat, daran hängt man ganz besonders), die mannigfachen, noch aus dem 19. Jahrhundert herrührenden politischen Allianzen der Kirche, das eingefleischte lutherische Ordnungsdenken, die als "Abwehr des Bolschewismus" aktualisierte Gegnerschaft auch gegen die Sozialdemokratie. Konnte man glauben, von einem kommunistischen Umsturz bedroht zu sein, während die KPD zwar tatsächlich in den Großstädten Massen mobilisieren konnte, aber dann nicht wusste, wohin mit ihnen? Man konnte es offenbar.

Freund und Feind

In welchen Feindbezügen sah sich die evangelische Kirche in Deutschland? Natürlich in einem von Eifersucht und nicht geringem Neid geprägten Verhältnis zum Katholizismus, aber daran war herzlich wenig zu machen. Ansonsten aber gab es in ihrer Wahrnehmung zwei Gefahren, die unbedingt abgewehrt werden mussten: Bolschewistischen Atheismus und völkisches Neuheidentum. Studien wie die von Ulrich Nanko zeigen, dass Letzteres grandios überbewertet wurde; so interessant die weltanschaulichen Exkurse und Spekulationen in dieser Zeit auch für eine Rezeptionsgeschichte diverser heute "esoterischer" Lehren sein mögen, sie blieben doch eine Sache von Minderheiten – und den politischen Zielsetzungen der NSDAP untergeordnet. Auch die Auseinandersetzungen um Rosenbergs Mythus (der ja seitens der NSDAP zur unverbindlichen Privatarbeit erklärt worden war) haben so nur den Charakter eines erfolgreichen Ablenkungsmanövers, in dem sich Widerstandskräfte verschlissen.
Deutlich davon zu unterscheiden ist davon die Bewegung der Deutschen Christen, eine innerkirchliche Erneuerungsbewegung völkisch-sozialer Ausrichtung. "Für sie war der Begriff der Volksgemeinschaft vor allem ein sozialer Begriff, ein Stück Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit, und es ist gewiß kein Zufall, daß sich gerade Pfarrer aus Arbeitergemeinden den Deutschen Christen anschlossen." (Scholder I, 269) In ihnen erkannte die etablierten Kirche eine plebejische Schwärmerbewegung wieder, wie man sie schon vorzeiten hatte klein halten müssen [Vgl. Rehmann 49-50]. Vom NS-Staat anfangs begünstigt und nach ihrem Erfolg bei den Kirchenwahlen im Juli 1933 zu einer ernsten Bedrohung der traditionellen Kircheninstitutionen geworden, waren sie letzten Endes nur politische Manövriermasse: Spätestens nach der Einigung mit den gemäßigten Kirchenführern verlor die "SA Jesu Christi" die staatliche Protektion. Die DC hatte nie eine einheitliche theologische Plattform, und entsprechend zerfiel sie in der Folgezeit in allerlei Fraktionen.

Zwischen Kirche und Arbeiterbewegung hatte in Deutschland immer ein gespanntes Verhältnis bestanden, das von beiden Konfessionen aus zu einer bewussten Konkurrenz ausgebaut worden war, in der Kultur der katholischen Vereine durchaus erfolgreicher als im evangelischen Bereich. Das rächte sich spätestens 1918/19, als Teile der SPD versuchten, ihr Parteiprogramm in die Tat umzusetzen – Religion als Privatsache, Trennung von Kirche und Staat, laizistische Schule – nicht gerade revolutionäre Vorstellungen, so hat mans anderswo auch? Aus zeitgenössischer Perspektive eine Katastrophe – vor allem hinsichtlich der kirchlichen Finanzen. Die darauf folgenden Auseinandersetzungen – nirgends wurden diese Programmpunkte tatsächlich umgesetzt – vergifteten das Verhältnis zwischen Kirche und Sozialdemokratie während der gesamten Dauer der Weimarer Republik.
Vom Bolschewismus und der Sowjetunion gar nicht erst zu reden: Hier schien den Kirchen der Leibhaftige selbst am Werk zu sein, und die atheistische Propaganda, die tatsächlichen Verfolgungen und Unterdrückungsmaßnahmen gegen Kirche und Christen dort (die sich ja erst milderten, als Stalin 1941 den Rückhalt der orthodoxen Kirche im Krieg suchte) überdeckten bequem, dass dieser neue Staat einem noch ganz andere Besorgnisse einflößte. Die kirchliche Front "gegen den Osten" stand von Anfang an stabil, fast möchte man sagen: bis 1990, bis es mit dem "Osten" alle war. Dass die Kirche in dieser Frage unerschütterlich an der Seite des Nationalsozialismus stand, war gar keine Frage: "Wie ja auch merkwürdigerweise weder für die Kirche in Deutschland insgesamt noch für die Bekennende Kirche der Krieg gegen Rußland im allgemeinen ein wirkliches Problem dargestellt hatte", erinnert sich ein Zeitzeuge. [Greschat 117, Joachim Beckmann] Gar nicht so merkwürdig, und die Reaktion der offiziellen ("gemäßigten") evangelischen Kirche ist zu schön, um sie hier nicht zu zitieren:

"Sie haben, mein Führer, die bolschewistische Gefahr im eigenen Land gebannt und rufen nun unser Volk und die Völker Europas zum entscheidenden Waffengang gegen den Todfeind aller Ordnung und aller abendländisch-christlichen Kultur auf. Die Deutsche Evangelische Kirche ist mit allen ihren Gebeten bei Ihnen und bei unseren unvergleichlichen Soldaten, die nun mit so gewaltigen Schlägen daran gehen, den Pestherd zu beseitigen, damit in ganz Europa unter Ihrer Führung eine neue Ordnung entstehe und aller inneren Zersetzung, aller Beschmutzung des Heiligsten, aller Schändung der Gewissensfreiheit ein Ende gemacht werde." [Telegramm des geistlichen Vertrauensrates der Deutschen Evangelischen Kirche an Hitler, 30. 6. 1941; zit. bei Greschat, 97-98]

Die Kirchen hatten während der Weimarer Republik gemessen an Kirchenaustritten und vor allem am Gottesdienstbesuch erhebliche Einbußen hinnehmen müssen – nichts im Vergleich zu der Entwicklung in der zweiten Jahrhunderthälfte, aber genug, um alarmistische Stimmungen hervorzurufen und eine "Umkehr zur Kirche" dringlich wünschenswert zu machen.
Einen Staat, der mit der "Reparatur der Verhältnisse" (Ordnung herrscht, wenn wir oben sind) auch eine religiöse Erweckung des Volks zu liefern versprach, konnte die Kirche nur begrüßen, und zu Beginn wurde der NS-Staat diesen Erwartungen auch durchaus gerecht. Es gab Zuwächse beim Gottesdienstbesuch, bei Taufen und Wiedereintritten [Statistiken bei Rehmann, 54], und der Einfluss der Kirchen auf das Erziehungswesen wurde gefestigt: Religionsunterricht als Pflichtfach, Ausweitung des konfessionellen Schulwesens. Man nahm das dankend entgegen. Darüber konnte es keinen Streit geben.

Allgemeines Krisenbewusstsein

Theoretisch interessant ist es auch, dem in den zwanziger Jahren sehr starken und weit verbreiteten Gefühl nachzugehen, man lebe in einer entscheidenden historischen Umbruchszeit – so ähnlich, wie man sich dann fünfzig Jahre später subkulturell allerlei Gutes und Böses von einem anbrechenden Wassermannzeitalter erwartete, damals allerdings durchaus bei kulturell hegemonialen Kreisen. Über Erklärungen aus den historischen Situation und Überlegungen zu tatsächlichem vs. wahrgenommenem kulturellen und gesellschaftlichen Wandel hinaus verweist das auf Theorien der Moderne und Modernisierung als Prozess ihrer Entfaltung. Zwar war der Zug längst abgefahren und waren die Weichen gestellt, dennoch vollzieht sich Modernisierung ungleichmäßig, greift an unterschiedlichen Stellen an und tut manchmal mehr und manchmal weniger weh.
In jener Zeit sind Zeitdiagnosen und Analysen der kulturellen Entwicklung entstanden, denen man auch heute, siebzig Jahre später, einen erheblichen Scharfsinn bescheinigen wird. Einseitigkeit wäre vielleicht zu bemängeln, aber verlangt man nicht zu viel, wenn man neben einer zutreffenden Trenddiagnose auch noch die Erörterung der Widersprüche verlangt, in die er sich verwickeln wird? Es ist eine typische und wiederkehrende Erscheinung, dass man am sozialen Wandel zuerst und erheblich deutlicher die Verluste gegenüber den gewohnten Verhaltensweisen und Wertorientierungen wahrnimmt. Die Gewinne – oder zumindest das Neue, das sich in diesen Prozessen herausschält – werden erst nach und nach deutlich. Entsprechend darf man nicht überrascht sein, dass Analysen, die die Ambivalenz und die Potentiale dieser Prozesse wahrnahmen, eher engeren Kreisen vorbehalten blieben und teilweise erst mit jahrzehntelanger Verspätung ihre Wirkung entfalteten.
Dazu kommt: Quelle von Innovationen sind in der Regel junge Menschen – die erstmal da hinriechen sollen, wo man schon ... also gegen die es Schranken aufzurichten und Besitzstände zu wahren gilt. Als Reaktion entstand daher schon vor dem ersten Weltkrieg eine freie Jugendbewegung als Auskoppelung aus den starr gewordenen Institutionen und Konsensen (Abbau eines Anpassungsdefizits – vielleicht kann man sich die Verwirrungen der 60er Jahre ähnlich erklären). Die prompt erfolgenden feindseligen Reaktionen gegen diese Bewegungen trugen ihrerseits dazu bei, dass es den Beteiligten so erscheinen konnte, als sei "jung" bzw. "Jugend" nicht nur ein Zustand, sondern auch ein politisches und kulturelles Programm. [Vgl. Rehmann 35] In der Situation der Weimarer Republik verschärfte sich dieser Gegensatz noch in der Gestalt des Gegensatzes von Frontkämpfern und Daheimgebliebenen.
Modernisierungsabwehr fußte auf einem Verständnis von Moderne als Pluralität, "Durcheinander", "Anarchie", Verlust von Bindungen, entsprechend losgelassenem "Individualismus". Wie weit es mit dem Individualismus wirklich her war, mag man gar nicht anfangen zu fragen; genug, dass es kaum eine mögliche politische oder kulturelle Position geben konnte, die einen so konzeptualisierten Prozess kulturellen Wandels etwa hätte gutheißen können.
Und die Antwort der Theologie? Man kann sie z.B. an Friedrich Gogartens so genannter "Politischer Ethik" (1932; einer Neuinterpretation von Luthers Lehre von Amt, Stand und Beruf) exemplifizieren: Also Leute, ihr seid ja gar nicht frei, ihr seid ja als Väter, Mütter, Söhne, Töchter, Arbeitgeber / -nehmer usw. – in einer Vielzahl sozialer Rollen, wie man später gesagt hätte – einander verpflichtet, und zwar nicht bloß eben so, sondern richtig tief und fest, ihr seid einander in letzter Verbindlichkeit hörig. Dahinein sollen sich die Individuen finden (wie sie das tun, bleibt ihnen überlassen: als seien sie nur aus Jux und Tollerei aus solchen Bindungen heraus- oder gar nicht erst hineingeraten), und der Staat soll den Rahmen schaffen – dann kann Gesellschaft wieder so sein, wie Gogarten und viele andere sie sich wohl gewünscht haben, nämlich zäh klebrig wie Fliegenleim. Es sollte wieder so werden, wie es nie war.
Was ist da, vom Geschichtsphilosophischen abgesehen, verkehrt daran? Der Mensch steht schließlich in vorgängigen Ordnungen, in einer recht beschränkten Anzahl von Situationen, er gehört der Erde an; er ist dem gegenüber jedoch nicht zu blindem Gehorsam, wenn auch zu Respekt und Klugheit verhalten. Für eine Parole "Nieder mit dem Freiheitsdenken!" (Kreuzberg 2003, umgehend übermalt) gibt es heute noch viel mehr Anlass. Klar ist jedoch, dass es keine rein moralischen Lösungen dafür geben kann, keinen beliebigen individuellen Entschluss zur Umkehr (dessen Ausbleiben sonst als Schuld zuzurechnen wäre). Man muss beinahe von einer Gunst des Schicksals sprechen, wenn sich auch nur in kleinstem Maßstab Arbeit, Sinn und Liebe von Menschen zu verbindlicher Gemeinschaftlichkeit zusammenfügt, in der abstrakte Freiheit (wie sie das Geld verspricht, "wenn man nur genug hätte") gar kein Thema mehr ist.

Zu einem Prozess der Individualisierung (zeitgenössisch wohl eher Entwurzelung zu nennen) gibt es allerdings eine paradoxe Konsequenz, die zumindest praktisch mühelos und allseits erkannt wurde: Nur wer eben für sich, freigestellt, ist, den kann man auch total in Dienst stellen – für die jeweiligen Zwecke und Ideale mobil machen. Wie denn auch geschah ... und unweigerlich zu Konflikten führte.

Kirche und Staat

Ein längeres Zitat mag das bisher Angerissene zusammenfassen:

"Halten wir fest: Eine Vergangenheitsbewältigung, die die Zustimmung zum Faschismus an der Macht auf den Einbruch der ›völkischen‹ Ideologie in Kirche und Theologie zurückführt, verschleiert mehr als sie erklärt. Die alten Kirchenleitungen und die Mehrheit der evangelischen Pfarrer sind gegen die ›völkische‹ Eroberung der Kirche durch die DC, aber für einen neuen Zugang der Kirche zum ›Volk‹. Sie lehnen die plebejisch-kleinbürgerlichen Strömungen in der faschistischen Bewegung ab und wollen den Faschismus als starken, repressiven Staat, der durch die Ausschaltung der Arbeiterbewegung und der bürgerlichen Parteien die kirchlichen Stellungen stärkt. Ausschlaggebend ist nicht, daß der Faschismus von außen als ›Irrlehre‹ in die Kirche einbricht, sondern die Vernetzung zwischen Kirche und Faschismus gelingt in einem zentralen Interessenbereich: Nachdem die evangelische Kirche durch die Revolution 1918/19 vom Machtzentrum des Staates weg an die Peripherie gedrängt wurde, sieht sie jetzt – nach der Krise des Parteisystems – die Chance, mit Hilfe der faschistischen Regierung eine dominante Position in der ideologischen Vergesellschaftung zurückzugewinnen." [Rehmann 54]

Doch hinsichtlich dessen hatte Hitler und die NSDAP durchaus andere Vorstellungen. Ein irgendwie intimes Verhältnis zwischen Altar und Reichskanzlei als zeitgemäße Wiederholung der Übereinkunft von Thron und Altar wäre durchaus nicht in ihrem Interesse gewesen – von den praktischen Hindernissen einmal abgesehen. Man hatte schließlich selbst etwas vor – und Hauptsache, die Kirche stand dabei nicht im Wege.
Das traditionelle Verhältnis lässt sich in der Formel "Kirche im und neben dem Staat" fassen – und genau darauf, eine eigenständige ideologische Macht "neben" sich zu haben, war der NS-Staat nicht scharf. "Totaler Staat" hatte damals insofern eine wirkliche Bedeutung (neben seiner heimlich utopischen und seiner unheimlich demagogischen, die wir uns heute beide kaum noch vergegenwärtigen können), als dieser Staat alles unter sich haben wollte, wobei er sich zwar an manchen Stellen sogar als recht liberal erwies und ihm gesellschaftliche Bereiche, Berufsgruppen usw. in unterschiedlichem Maße aus eigener Initiative entgegen kamen – aber überall wurde Kontrolle oder wenigstens der Anspruch auf sie gefordert.
Auch die Deutschen Christen kamen dem Staat in solcher Weise entgegen, mit halbgaren, aber nicht unbegründeten kirchenpolitischen Reformvorstellungen, durch die sie ihrerseits auf eine Rückgewinnung des Volks für die Kirche hofften. Daher dann – aus innerkirchlicher Initiative – der Versuch der Schaffung einer einheitlichen, gleichgeschalteten evangelischen Reichskirche, der an einer umfassenden Koalition aller anderen kirchlichen Kräfte scheiterte. "Ich bin einmal so blöd gewesen und wollte zwanzig Länderpäpste vereinigen ..." [Hitler 1942, zit. Rißmann, 88] Nun gut, die Kirche hat sich dagegen behauptet; ob sie dem NS-Staat und seinen Projekten deshalb sonderlich hinderlich sein konnte oder auch nur wollte, steht auf einem anderen Blatt.

Die ideologische Ressource »Volk«

Man kann die Konfliktlage zwischen Staat und Kirche auch an Hand des Begriffs des Volks verdeutlichen – eines Begriffs, der für beide Parteien in unterschiedlicher Weise eine herausgehobene Bedeutung hatte.
›Volk‹ war im Verständnis beider eine Abstammungsgemeinschaft und daher verpflichtende Schicksalsgemeinschaft der Generationen, der Lebenden und der Toten. Volk ist verallgemeinerte Blutsverwandtschaft, man ist überall zu Hause, heimisch, in der Heimat (und das Gegenteil von Heimat ist schließlich Elend). Der Begriff "Volksgemeinschaft" (1919 von dem späteren Kommunisten Alfred Kurella geprägte) ist insofern so etwas wie ein "Weißer Schimmel", denn ›Volk‹ in diesem emphatischen Sinne ist immer schon Gemeinschaft (versus ›Gesellschaft‹). Anders eben Bevölkerungen, da ist Gemeinschaft immer Glückssache (d.h. die Zugehörigkeit zu bestimmten besonderen Gemeinschaften, oder eben auch gänzliche Unzugehörigkeit, Atomisierung). Zum Volk gehört Lebensraum, seine Heimat – zum Blut der Boden: den Theologen ist das geläufig als das Land, das dir der Herr, dein Gott geben wird – wenn du Vater und Mutter ehrst, dich also in dein Volk einfügst. (Heimat, unverwunderlicherweise, ist immer nur "Land", ist da, wo in ganzheitlich körperlich-geistiger Arbeit der Natur das Leben abgerungen wird; die Stadt kann keine Heimat sein, sie bindet nicht, sie hält auch nicht, man kann herausfallen aus dem Volk, weil man schon entwurzelt ist.) – Schöne Begriffe, denen eine umfassend reale Verwirklichung zu geben im Nationalsozialismus nicht Tat noch wirklich Absicht (worüber man freilich ohne absehbaren Gewinn streiten kann) war, wenn es sich das denn "tun" oder wenigstens "anbahnen" ließe (zur symbolischen Vergegenwärtigung, einschließlich ihrer trivialen Hemmnisse, vgl. Karow 1997). Was er als Konsequenz dieser Begriffe in die Tat umsetzte, war vor allem die physische Beseitigung der angeblich nicht zur Volksgemeinschaft Gehörigen.

Volk ist Gemeinschaft, Unterschiedslosigkeit nicht aus Neutralisierung von Unterschieden (die im Ernstfall, "eigentlich", ja doch immer wieder zusammenbricht) heraus, sondern aus substantieller Gleichheit (adieu, Parteien, adieu, Klassen) – die hier als biologische, als Gemeinsamkeit der Abstammung gedacht werden konnte. Volk hat somit eine naturhafte Existenz – es ist einfach da – und bringt einen Volksgeist mit sich, ein ethisches und epistemologisches Apriori, ganz so, wie man es aus anderen und minderbelasteten Konstruktionen von der Sprache her kennt ... welche immer ja auch Sprache eines bestimmten Volkes ist. Die Grenzen meiner Welt, ich kann nicht anders ... "mit meiner Existenz als Mensch so verwoben", wie Hirsch es ausdrückte, dass alles andere Verrat wäre.
Volk allerdings ist, ohne aus dieser transzendental fundierenden Rolle entlassen zu werden, gleichzeitig auch nicht da – niemand täuschte sich darüber, dass es sich beim deutschen Volk um eine Mischung dessen handelte, was man als Rasse definiert zu haben meinte, ganz zu schweigen von den sittlichen und sonstigen Qualitäten, die man von "guter Rasse" erhoffte. Deshalb Arierparagraph, deshalb Nürnberger Gesetze: Volk stand ständig zur Reparatur nach Maßgabe der ihm als eigene untergeschobenen Idee. Die Kluft zwischen Realität und Idee füllte der Führer aus; es ist der Wille der Gefolgschaft, sich nach der Decke zu strecken. (Und triumphiert der Wille nicht, so ist es doch ein gutes Gefühl, sein Bestes gegeben zu haben.)

Protestantische Theologen waren (und sind) mit diesem emphatischen Begriff des Volks durchaus bestens vertraut. Im Alten Testament ist das Volk eine Einheit der Abstammung, in der es zwar Streit unter den Stämmen gibt, aber auch die Geschlossenheit gegen die Anderen; es hat einen hohen Wert und eine Exklusivität gegenüber den anderen Völkern (mit ihren verfluchten fremden Göttern, dito fremden Frauen) – nicht zuletzt daher, dass das Volk ja der Geschäftspartner, Bundesgenosse Gottes war, der Zusammenschluss des Natürlichen mit einem bestimmten – dem unübertrefflichen – Geist.
Oder so sollte es jedenfalls sein; hätte nicht das Volk ständig im Abfall gelebt, fremde Götter angebetet, sich vermischt usw., wovon es wieder und wieder zurückgerufen werden musste. Und Propheten – die eben hier die Kluft zwischen Realität und Idee ausfüllen – reden, wie man sich erinnern sollte, nicht nur, sie eifern auch tätlich, führen heilige Kriege, schlachten die Priester fremder Götter ab.
Hier gilt es nun einen Sprung zu machen in zeitgenössische Geschichtstheologie: Volk ist die Wirklichkeit des Handelns Gottes in der Geschichte. Geschichte ist damit eine fortlaufende Offenbarung (dagegen richtete sich dann der allgemein bekannt gewordene Satz der Barmer Erklärung, Jesus Chrisus sei das eine (d.h. einzige) Wort Gottes). – Und wie konnte Er uns den Weltkrieg verlieren lassen? Doch nur auf Grund des Abfalls ... in der Heimat. Die Niederlage (1918 wie 1945 dann wieder) war als Gericht über das deutsche Volk aufzufassen. Auf den Abfall und das Gericht muss die Umkehr folgen, die man freilich nicht einfach machen kann, sondern die der Hilfe von oben bedürftig ist ... aber wer Volk sagt, kauft Messianismus mit. Dem kam die Rhetorik Hitlers und Goebbels' gern entgegen. [Vgl. die Belege bei Rißmann, z.B. 80-81]
Was ist hier übersprungen? Die Ent-Ethnisierung vom Volk zur Gemeinde / Kirche als Vertragsnehmer des Neuen Bundes. Gewiss ein meisterhafter Weitsprung, motiviert durch nationale institutionelle Interessen, auch wenn man zugeben muss, dass Katholiken leichter zu einer konkreten Vorstellung von allgemeiner Kirche kommen. (Wem dies zu holzschnittartig vorkommt, der mag sich gern in die Details der unterschiedlichen Konzeptionen von Kirche und ihrer Entwicklung verstricken – es wird am Ergebnis nichts ändern.)

Es fällt nun leicht, den Konflikt zwischen Kirche und Staat in biblischer Typologie zu fassen – sind wir wieder mit Moses, dem archetypischen Führer, auf dem Auszug in eine überwältigende Zukunft? So die Position der Deutschen Christen, die an das beabsichtigte Neue des neuen Staats glaubten. Oder ist dieses Reich wieder so ein Reich wie viele vor ihm, und von Zeit zu Zeit muss ein Prophet beim König vorstellig werden und ihn zur Ordnung rufen? Dies die gemäßigte wie die bekennende Position – mit allerdings unterschiedlicher Aufmerksamkeit und Konfliktbereitschaft.

Eine politische Religion?

Hier stellt sich auch die Frage nach dem NS als politischer Religion, eine Frage, die sorgfältiger Unterscheidungen bedarf, um irgendwie triftige Antworten zu ermöglichen, wo doch der Begriff "Religion" selbst notorisch unbestimmt und unbestimmbar ist, nicht nur zum Verdruss der Religionswissenschaftler, sondern auch all derer, die unter verfassungsmäßigen Garantien der Religionsfreiheit versuchen möchten, den Gegnern Religion abzusprechen. Ein Kultus, soviel sollte man dabei sogleich feststellen, reicht zur Bestimmung nicht aus, wie eng auch immer seine Praktiken an die der institutionalisierten Religionen angelehnt sein mögen. Das Aufkommen säkularer Kulte – Goethe, Schiller, Bismarck u.v.a., man erinnere sich auch an die vielfältigen Denkmalsvereine – im 19. Jahrhundert ist ein interessantes Thema für sich, es handelt sich jedoch gerade um ein Symptom der Schwächung institutionalisierter Religion. Übrigens handelt es sich um eine internationale Erscheinung, man denke an den zeitgenössischen Bestseller On Heroes and Hero-Worship von Thomas Carlyle. Inzwischen haben wir noch allerlei andere Heldenkulte erlebt und überlassen das der Popmusik und den Halbwüchsigen, die können das auch am frischesten und besten. Doch so gut kreischende Mädels und die von ihnen freigesetzten emotionalen Intensitäten in die meisten Religionen passen, sie machen sie eben nicht aus.
Auch der Nationalsozialismus hatte seinen Kultus, und mit der Thematisierung der Reichsparteitage kann man sich durch die Studie von Yvonne Karow einen zentralen Bereich davon vergegenwärtigen. Alltagsnah wäre auch auf die Einführung zusätzlicher Feiertage und Gedenkanlässe zu verweisen, dito auf die Inszenierung der Führerreden und den Einsatz des neuen Mediums Rundfunk dabei (der wunderbar zweideutige Begriff des Gemeinschaftsempfangs), usw. Den deutschen Gruß nicht zu vergessen – aber macht eine dichte, alles durchdringende Symbolik schon eine Religion aus? Eher nicht.

Der NS bot jedoch auch in weltanschaulicher und politischer Hinsicht vielfältige und detaillierte Deutungen, Sinngebungen und Identifikationsmöglichkeiten. So etwas wird man auch ohne überrascht zu sein bei einer erklärten Religion vorfinden; und daher mag die Begriffsbildung der "politischen Religion" ihre Berechtigung haben. Volk, Vaterland, Rasse, usw. sind durchaus Dinge, an die man auch glauben kann (und in Bezug auf sie war denn auch viel von Glaube die Rede, gerade auch unter und zu jungen Menschen), sie sind im Stande, die gleichen kognitiven Prozesse auszulösen, die gleichen Seelenkräfte zu vereinnahmen, wie die Inhalte und Sinnangebote traditioneller Religionen. Dennoch waren diese "religionsfähigen" (und vielfach mit Versatzstücken insbesondere der christlichen Religion ausgestatteten) ideologischen Inhalte des NS in ihrem verpflichtenden Minimalbestand (Treue zu und Opferbereitschaft für Volk, Führer und Vaterland) anders – nämlich strikt diesseitig – orientiert und in andere soziale Formen eingebettet, als es die Inhalte und Angebote der Kirchen und sonstigen Religionsgemeinschaften waren. Man hat von einer "Eschatologisierung" des Protestantismus in dieser Zeit gesprochen, einem durch Krisenbewusstsein verstärkten Rückzug auf die letzten Dinge – um so mehr Gelegenheit zur Trennung von Geltungskontexten. Sie überschnitten sich nur in Teilen, und so überrascht es nicht, dass sich viele Menschen konfliktlos als Christen und Nationalsozialisten fühlen konnten. Loves Jesus, and America too beschreibt Tom Petty seine Exfreundin in einem Lied ... und wo soll da ein Problem sein? Wir sehen doch immer noch, dass so etwas geht, solange es nicht überstrapaziert wird.

Man konnte allerdings auch die weltanschaulichen Angebote des NS in solchem Umfang aufgreifen und sich zu eigen machen, dass sie die christlichen Identifikationen ersetzen – eine Minderheitenoption, auch wenn sie an höchsten Stellen vorkam, und die um des sozialen Friedens willen nicht öffentlich diskutiert oder gar propagiert werden sollte. Die Deutschen waren schließlich zu 95% Kirchenmitglieder, rund zwei Drittel davon Protestanten.

Und dann ... musste es vor allem weitergehen

Die Stuttgarter Schulderklärung

Der Rat der EKD begrüßt bei seiner Sitzung am 18./19. Oktober 1945 in Stuttgart Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen:
Wir sind für diesen Besuch um so dankbarer, als wir uns mit unserem Volke nicht nur in einer großen Gemeinschaft der Leiden wissen, sondern auch in einer Solidarität der Schuld. Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.
Nun soll in unseren Kirchen ein neuer Anfang gemacht werden. Gegründet auf die Heilige Schrift, mit ganzem Ernst ausgerichtet auf den alleinigen Herrn der Kirche, gehen sie daran, sich von glaubensfremden Einflüssen zu reinigen und sich selber zu ordnen. Wir hoffen zu dem Gott der Gnade und Barmherzigkeit, daß er unsere Kirchen als sein Werkzeug brauchen und ihnen Vollmacht geben wird, sein Wort zu verkündigen und seinem Willen Gehorsam zu schaffen bei uns selbst und bei unserem ganzen Volk.
Daß wir uns bei diesem neuen Anfang mit den anderen Kirchen der ökumenischen Gemeinschaft herzlich verbunden wissen dürfen, erfüllt uns mit tiefer Freude.
Wir hoffen zu Gott, daß durch den gemeinsamen Dienst der Kirchen dem Geist der Gewalt und der Vergeltung, der heute von neuem mächtig werden will, in aller Welt gesteuert werde und der Geist des Friedens und der Liebe zur Herrschaft komme, in dem allein die gequälte Menschheit Genesung finden kann.
So bitten wir in einer Stunde, in der die ganze Welt einen neuen Anfang braucht: Veni, creator Spiritus!
Stuttgart, 18./19. Oktober 1945
gez. D. Wurm, Dr. Lilje, Dr. Heinemann, Martin Niemöller, Asmussen DD., Hahn, Smend D. Dr., Lic. Niesel, D. Meiser, Held, Dibelius
[Greschat, 1985, 45-46]

Würdige Worte, zweifellos, mit einer zentralen Lüge darin: Ob man mit irgendwelchen Geistern gekämpft hat, lässt sich schwer überprüfen; gegen das "nationalsozialistische Gewaltregiment" hingegen sah der Kampf eher dürftig aus - und man muss sich auch vor Augen halten, um was da allenfalls gekämpft wurde: Vordringlich um die traditionelle Stellung der Kirche dem Staat gegenüber.

"Wer nach kirchlichen Widerstandshandlungen sucht, die sich explizit und öffentlich gegen die Zentren der faschistischen Herrschaft richten, wird - abgesehen von kirchlich ungedeckten Einzelaktionen - kaum etwas finden. Der kirchliche ›Widerstand‹ bleibt in das Herrschaftssystem des Faschismus eingebunden. Er beschränkt sich auf die Verteidigung der kirchlichen Einflußbereiche in der Gesellschaft und der kirchlichen Institutionen, Sakramente und Werte." [Rehmann 96]

Im Ausland erwartete man eine derartige Stellungnahme der Kirche, bevor man wieder zu normalen Beziehungen zurückkehren konnte - denkt man an die Kirchen der besetzten Länder Europas, so war dies sicherlich keine unbillige Erwartung. Es gehört zur Idiotie der zeitgenössischen Situation, dass den Kirchen und ihren Vertretern diese Erklärung zutiefst verübelt wurde - niemand wollte an nichts schuld gewesen sein. Oder wenigstens sollte auf die Kriegsverbrechen der Sieger auch hingewiesen werden, im Rahmen der geläufigen Aufrechnungsargumentation. Daher war denn die Erklärung zunächst ja vorsichtshalber auch nicht in Deutschland publiziert worden [Greschat, 17], sondern eine rein deklamatorische Aktion der Leitungen. Im Nachhinein betrachtet war es hingegen ein ausgesprochen billiges (und schönfärberisches) Eingeständnis, das Geld und Lebensmittel nach sich zog. Der politisch-taktischen Relevanz dieses Bekenntnisses braucht sich niemand zu schämen. Das war - ganz nüchtern betrachtet - im nationalen Interesse.
Greschat spricht jedoch von einem "tiefgreifenden Wandel", den die Autoren des Textes vollzogen hätten. "Anders als in der Zeit nach 1918, die sie alle miterlebt und z.T. im Blick auf den Weg der evangelischen Kirche erheblich mitgestaltet hatten, lösten sie sich nun ein erhebliches Stück von der Identifikation von Protestantismus und Nationalismus, von der kritiklosen Ineinssetzung der deutschen evangelischen Kirche mit den Belangen der deutschen Nation." [Greschat, 13] Eben weil sie 1918 bewusst miterlebt hatten, war ihnen klar, dass ein erneutes "Augen zu und durch", so tun, als hätte man den Krieg nicht wirklich verloren, nicht ging, dass man etwas Neues unternehmen musste. Wie "erheblich" die Lösung von den vergangenen Konzeptionen war - man kann Greschats Lob ja auch als ein interessantes Urteil über die Zeit 1918-1945 lesen - da mag man seine Zweifel nicht verbergen. Erheblich genug, sie in der Folgezeit nach und nach zu verharmlosen und zurück zu nehmen - "im Namen der drängenden Gegenwartsaufgaben" (hier: das tatsächlich leidende und trostbedürftige deutsche Volk, aber auch die "geistige Front" gegenüber dem "Osten", vgl. S. 29) bedeutet immer nichts anderes als "im Namen der Kontinuität". "... bleibt doch festzuhalten, dass der Rat der EKD insgesamt die von ihm selbst mit der Stuttgarter Schulderklärung eröffnete Chance einer tiefgreifenden und fruchtbaren geistigen sowie geistlichen Wegweisung für die evangelische Kirche und für das deutsche Volk nicht wirklich wahrzunehmen vermocht hat." [Greschat, 35; vgl. Krusche, ebda., 91]

Man kann die stark negative öffentliche Reaktion auf diese Erklärung vielleicht am besten als ein Beispiel für die Risiken nehmen, die Geschäftsführung ohne Auftrag mit sich bringt. Konkret also als Leiden aus dem Verständnis als Volkskirche und auf Grund des damit verbundenen Machtanspruchs - die Erklärung musste so verstanden werden, als hätte man wirklich einen Auftrag dazu, als spräche man wirklich für die Nation. Und das war eben nicht mehr der Fall und wäre auch nicht mehr möglich gewesen.
Es ist nicht ganz müßig, sich zu überlegen, was die Kirche vor allem in den ersten Jahren des Nationalsozialismus hätte tun können und hätte tun sollen, auch wenn es sich dabei durchgängig um Gedankenspiele handelt, denen keinerlei Möglichkeitsgehalt zukommt. Wenn man in diesem Rahmen phantasiert, kommt man, ganz gleich, welche konkreten Maßnahmen man für wünschenswert hält und sich vorstellen mag, auf den Punkt, an dem man erkennt: Das hätte die offene Wendung gegen den Staat und gegen die Mehrheit der eigenen Mitglieder bedeutet, über alle zu befürchtenden staatlichen Unterdrückungsmaßnahmen hinaus schmerzhafte Trennungen nach sich gezogen - in ein Wort gefasst: Freikirche. Was in der innerkirchlichen Diskussion jener Jahre immer wieder als Drohung an die Wand gemalt wurde, vielleicht gelingt es ja in diesem Jahrhundert unter dem Druck im Einzelnen noch unabsehbarer Verhältnisse ... man soll ja die Hoffnung nie aufgeben.

Auch wenn man versucht, dieses Dokument als "innerkirchlichen Vorgang", als rein theologisches Dokument wahrzunehmen - hat man sich denn anders für die Aufgaben der Welt sensibilisiert, hat man denn hinfort "treuer gebetet" und "brennender geliebt"? Auch in dieser verengten Perspektive kann die Antwort nur "nein" lauten. "Werden die Christen sich jetzt entschlossen dem Dienste Christi zuwenden?" (61, Hans Asmussen) Eben weil man die aktuelle Not nur einmal mehr als einen Anlass zur Volksmission gesehen hat ... damit es wieder so werde, wie es nie war ... eben darum konnte das Resultat bis auf wenige Ausnahmen nur ein Rückzug in die Innerlichkeit sein, geeignet, um allerlei Wunden zu lecken. "Ich und mein Herrgott, uns geht's gut" - das allerdings sprechen nur manche Sekten so offen aus.


Es war oben vom schwer verifizierbaren Kampf mit Geistern die Rede. Natürlich musste die gesamte neuzeitliche Entwicklung verkehrt sein ("Der große Abfall", wie der Titel von Walter Künneths Buch von 1947 lautet). Je größer der Horizont, desto mehr Manövriermasse, desto geringer auch die Nötigung zu irgendwelchen praktischen Schritten und Maßnahmen.
Das folgende Dokument (die Hervorhebungen stammen von mir) enthält in seltener Kürze und Klarheit Hinweise darauf, wie man sich kirchlicherseits den Nationalsozialismus erklären mochte, und zukunftsweisend auch wesentliche Topoi bürgerlicher Betrachtung des NS: Es war eine Revolution, ein Ausnahmezustand als Unterbrechung der "harmlosen" Normalität (was natürlich Unfug ist), Schuld an allem ist der Dämon Hitler, und ansonsten die halbintelligenten, unbeschäftigten Prolls ... und nun lasst uns wieder ran, dann kommt alles in Ordnung. Wie denn auch nach dem Krieg unter der CDU (als Erbe nicht nur des Zentrums, sondern auch der DNVP) das phantasmatische Gesellschaftsprojekt einer Fortsetzung an der Stelle aufkam, wo man 1933 hatte aufhören müssen - diese Phantasie erklärt einem übrigens auch viele kulturelle Absonderlichkeiten der Adenauerära.
Merke: "Die Welt geriet in heillose Unordnung, als sie den Priester absetzte und ihn durch den vernünftigen Politiker oder geschickten Propagandisten oder den der Aufklärung dienenden Schulmeister zu ersetzen versuchte." [Greschat 59, Hans Asmussen]

Grundsätze des Frankfurter Untersuchungsausschusses (15.6.1945)
...
Im Folgenden gestatten wir uns, Ihnen die von uns aufgestellten Grundsätze für die Beurteilung des Verhaltens von Geistlichen, Kirchenbeamten und kirchlichen Angestellten zur NSDAP mitzuteilen. Es dürfte sich empfehlen, sie, zur Herbeiführung eines einheitlichen Verfahrens, den Leitungen in Darmstadt und Wiesbaden mitzuteilen. In der Revolution 1933, die von Hitler und seinen Genossen eingehend vorbereitet war, haben sie die Millionen deutscher Arbeitslosen zu einem Angriff auf den Staat organisiert. Wie in allen Revolutionen war die Grundlage eine soziale. Die Bewegung umgab sich aber mit einer Ideologie, welche nach der Behauptung ihrer Führer geeignet sein sollte, die Notlage des deutschen Volkes radikal zu beseitigen. Im Gegensatz zu den wissenschaftlichen Darstellungen und den Äußerungen der bürgerlichen Parteien wurde der Verlust des Weltkrieges ausschließlich aus dem Verrat der Linksparteien erklärt und die Revolution von 1918 als die Niederlage nicht nur verschärfend, sondern allein verursachend hingestellt. Dazu kam die Persönlichkeit Hitlers und ihre Anziehungskraft, die rational nicht zu erklären ist. Zu diesem Phänomen verweisen wir auf das, was Goethe im 20. Buch von "Dichtung und Wahrheit" gesagt hat: "Am furchtbarsten erscheint das Dämonische, wenn es in irgend einem Menschen überwiegend hervortritt ... Es sind nicht immer die vorzüglichsten Menschen, weder an Geist noch an Talenten, selten durch Herzensgüte sich empfehlend; aber eine ungeheure Kraft geht von ihnen aus, und sie üben eine unglaubliche Gewalt über alle Geschöpfe, ja sogar über die Elemente, und wer kann sagen, wie weit sich eine solche Wirkung erstrecken wird? Alle vereinten sittlichen Kräfte vermögen nichts gegen sie; vergebens, daß der hellere Teil der Menschen sie als Betrogene oder Betrüger verdächtig machen will, die Masse wird von ihnen angezogen, ... und sie sind durch nichts zu überwinden als durch das Universum selbst, mit dem sie den Kampf begonnen."
Die Anhängerschaft, welche sich Hitler erwarb, läßt sich in drei Kategorien einteilen.

1. Anhänger aus Überzeugung. Zu ihnen gehören Menschen, welche der Ideologie Hitlers anhingen, ferner solche, die beitraten in der Meinung, innerhalb der Partei dahin wirken zu können, daß die Bewegung in richtigen Bahnen verlief, endlich (und das ist die Mehrzahl) Leute, die der Dämonie der Persönlichkeit Hitlers erlegen sind. Sie wurden Opfer der Massenpropaganda. Das Vorhandensein von Millionen Arbeitsloser, die seit dem Ersten Weltkrieg keine regelmäßige Arbeit mehr gehabt hatten und die nun ihre ganze Zukunft auf die Versprechungen Hitlers setzten, führte diesem eine Gefolgschaft zu, die sich mit ihm auf Gedeih und Verderb verband.

2. Aus Eigennutz wandten sich unzählige Menschen der Revolution zu. Zu diesen gehört die große Masse der gescheiterten Existenzen, insbes. auch die Halbintelligenz, die sich zu höheren Stellungen berufen fühlte, ohne ihnen irgendwie gewachsen zu sein.

3. Die größte Zahl ihrer Mitglieder hat die Partei durch Erpressung erworben oder sich erhalten. Dazu gehörten die jungen Leute, denen man die Beitrittserklärung abnötigte, wenn sie in einer Staats- oder Gemeindestellung oder auch in irgend einer Stellung der Wirtschaft unterkommen wollten. Dazu gehörten ferner die vielen, die ihren Beitritt als verfehlt erkannt haben, aber durch das Austrittsverbot gehindert wurden, ihren Schritt rückgängig zu machen. Für unsere Aufgabe ist wesentlich, daß ein Zwang, der Partei beizutreten, auf Geistliche nicht ausgeübt worden ist.

Die Frage, ob der Beitritt zur Partei den Mitgliedern als ihre Schuld anzurechnen sei, beurteilt sich hiernach verschieden, je nach den Beweggründen des Beitritts oder des Verbleibens in der Partei. Zunächst ist davon auszugehen, daß der Beitritt die Erklärung der unbedingten Anhängerschaft an Adolf Hitler bedeutete und daß die Beteiligten die Folgen davon tragen müssen. Sie müssen es unter allen Umständen tun, wenn sie eine Tätigkeit in der Partei ausgeübt haben, nachdem etwa seit 1935 deren christentumsfeindliche Einstellung deutlich erkennbar war. Der steigende Terror und die Gesetze, welche dem deutschen Volk in Nürnberg am 15. September 1935 aufgenötigt wurden, ließen über den moralischen Charakter der Partei keinen Zweifel mehr. Wer nach dieser Zeit, insbesondere nach den Judenverfolgungen im November 1938, noch für die Partei in einer organisatorischen Stellung tätig gewesen ist, hat grundsätzlich keine Entschuldigungen.

Wenn von seiten des Auslandes das deutsche Volk als Ganzes für die Untaten des Nationalsozialismus [verantwortlich] gemacht wird, so ist darauf zu erwidern, daß das Leiden, welches die übergroße Mehrheit des Volkes zu tragen hat, ohne an den Untaten irgendwie beteiligt gewesen zu sein oder sie auch nur zu kennen, der Volksgemeinschaft entspringt, in der es sich nun einmal mit den Missetätern befunden hat. Ebenso wie eine sonst tüchtige Familie durch die Taten eines entarteten Mitgliedes der Öffentlichkeit gegenüber belastet wird, auch wenn sie vielleicht selbst unter den Ausschreitungen gelitten hat, so ist auch das gegenwärtige Schicksal des deutschen Volkes als ein Leiden für fremde Schuld, ruhend auf einer sozialen Volksgemeinschaft, anzusehen. Eben darum aber sind auch innerhalb der evangelischen Kirche Geistliche, Kirchenbeamte und kirchliche Angestellte, welche die Arbeit und Taten der Partei gefördert haben, zur Verantwortung zu ziehen. Sie haben gegen fundamentale Grundsätze der Heiligen Schrift verstoßen. Sollten sie beweisen können, daß sie ihre Sünde in Reue und Buße bekannt und versucht haben, deren Folgen wieder gut zu machen, so wird darauf die gebührende Rücksicht zu nehmen sein.

gez.: Dr. Heldmann Senatspräsident a.D.
Dr. Schmidt-Knatz Justizrat
Dr. Otto Schumann Studienrat u. Universitätsprofessor

[Quelle: Clemens Vollnhals: Entnazifizierung und Selbstreinigung im Urteil der evangelischen Kirche. Dokumente und Reflexionen 1945-1949. München: Kaiser, 1989, 58-60.]


Literaturempfehlungen zum Thema:

Scholder, Klaus: Die Kirchen und das Dritte Reich. Band 1: Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918-1934. [Zuerst 1977, hier FfM: Ullstein, 1986, diverse spätere Ausgaben] - Band 2: Das Jahr der Ernüchterung 1934. Barmen und Rom. [Zuerst 1985, hier Mchn: Propyläen, 2000] - Band 3, verfasst von Gerhard Besier: Spaltungen und Abwehrkämpfe 1934-1937. Mchn: Propyläen, 2001
Eine beide Konfessionen umfassende, sehr detailreiche Darstellung, eine Fortsetzung steht zu erwarten.

Rehmann, Jan: Die Kirchen im NS-Staat: Untersuchungen zur Interaktion ideologischer Mächte. Berlin: Argument, 1986
Wem von Scholders / Besiers Masse der Fakten und Aspekte schwindelt, findet hier einen präzise ausgelegten roten Faden.

Greschat, Martin, Hrsg.: Im Zeichen der Schuld: 40 Jahre Stuttgarter Schuldbekenntnis. Eine Dokumentation. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1985
Enthält neben dem Text des Schuldbekenntnisses und der Entwürfe dazu Dokumente und Kommentare zur Wirkungsgeschichte.

Rißmann, Michael: Hitlers Gott: Vorsehungsglaube und Sendungsbewußtsein des deutschen Diktators. Zürich, München: Pendo, 2001

Nipperdey, Thomas: Religion im Umbruch. Deutschland 1870 - 1918. (München: Beck 1988)
So viel historische Information, wie eben auf ca. 150 Taschenbuchseiten passt - gut gegliedert, nüchtern und angenehm erzählt.

Die meisten etwas breiter gehaltenen Oral-History-Projekte zum Nationalsozialismus enthalten auch Hinweise und Spuren zum Thema Religion; ich fand z.B. einige interessante Details in Lothar Steinbach: Ein Volk, ein Reich, ein Glaube? Ehemalige Nationalsozialisten und Zeitzeugen berichten über ihr Leben im Dritten Reich. Bonn: Dietz, 1983, wobei sich dies (sonst vielfältig kritisierbare) Buch zweifellos durch beliebige Texte ähnlicher Machart ergänzen ließe.

Wenn man noch ein paar mehr heute peinliche Originaltexte aus beiden Konfessionen sucht, so findet man sie bequem bei
Nikolaus von Preradovich und Josef Stingl: "Gott segne den Führer". Die Kirchen im Dritten Reich: Eine Dokumentation von Bekenntnissen und Selbstzeugnissen. Burg: Medien-Gruppe-Nord, 2001 (Lizenz Druffel-Verlag). - Unbezweifelbar sind die Herausgeber Leute von rechts, die es leid sind, allein im Regen zu stehen ... nun gut, deshalb haben sie trotzdem fleißig gesammelt. Ein bisschen mehr Kommentar wäre zu wünschen gewesen; denkbar jedoch, dass die Herausgeber so Kontroversen und Relativierungen vermeiden wollten.


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