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Kronzeuge Adorno?
Überlegungen zu "Aberglaube aus zweiter Hand" (GS 8 / Soziologische Schriften I, 147-176)
In manchen gegen die Esoterik gerichteten Veröffentlichungen wird einem das ganze Prestige eines wenn auch hinsichtlich seiner Theorie nicht unproblematischen, so doch in jedem Fall sehr respektablen Philosophen entgegengehalten: Theodor W. Adorno habe doch - längst vor der während der letzten ungefähr 20 Jahre aufgekommenen Popularität von "Esoterik" - das abschließende Wort dazu bereits gesagt. Nur leider halt nur in seiner unnachahmlichen und nicht immer leicht verständlichen Weise ... eben seiner Selbststilisierung folgend - "wäre nicht wissenschaftliche Erkenntnis selbst so esoterisch geworden, daß nur wenigen solche Konsequenzen einsichtig würden" (175).
Aber Vorsicht, man kann es ja nachlesen, und so schlimm ist das alles gar nicht mit der Verständlichkeit, Esoteriker sind ja Kummer gewöhnt. Die unmittelbaren Äußerungen zu Fragen des "Okkultismus" finden sich in zwei Abhandlungen von begrenztem Umfang, die sich zudem auf das gleiche Forschungsprojekt beziehen und sich eher in der Ausführlichkeit der Darlegung als in ihren Inhalten unterscheiden. Es liegt nahe, sich auf die jüngere und kürzere zu konzentrieren.
Drei Monate lang - im Winter 1952/53 - hat nämlich Adorno systematisch Horoskope gelesen, etwas daran vorgenommen, was er "content analysis" nennt (man könnte sich dabei über methodische Details streiten, aber das wäre hier wenig nütze) - und hat sich etwas dabei gedacht, durchaus in vollem Einbezug dessen, was er und die anderen Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung in den voraufgegangenen Jahrzehnten als "kritische Theorie der Gesellschaft" erarbeitet hatten.
Damit zeigt sich zunächst erstens eine Einschränkung des Geltungsbereichs seiner Aussagen auf die Astrologie (die allerdings, in sinnvoll modifizierter Form, auf alle Techniken der Orakel und auch sonstige Vorhersagen ausdehnbar wären) - man wird also einmal mehr gegenüber der als pauschale Diffamierung dienenden Restkategorie "Esoterik" ("ist alles, was uns nicht passt") auf der Vielfalt und spezifischen Eigenart dessen bestehen, was unter diesem Namen zusammengefasst wird.
Zweitens zeigt sich das Problem, dass man sich bei einer Erörterung seiner Aussagen zur Astrologie wohl oder übel mit Kernbestandteilen der kritischen Theorie anlegen muss, ohne dass sie in irgendeiner Weise hinreichend kritisch gewürdigt werden könnten. Insbesondere sind dieser Variante des Marxismus ja geschichtsphilosophische Konzeptionen implantiert worden, wie sie sich in solcher Gestalt weder bei Marx noch etwa bei Lenin finden und deren Sinnhaftigkeit heute mehr denn je angezweifelt werden muss. Man muss nur den Namen Walter Benjamin nennen, um daran zu erinnern, dass die hier zum Tragen gebrachte geschichtsphilosophische Orientierung selbst in den näheren Frankfurter Kreisen keinen allgemein anerkannten Konsens darstellte. Man stößt sehr schnell auf Begriffe wie Fortschritt, Regression usw., ebenso auf die (nie als "Imperialismus" benannte, aber der Leninschen Argumentation zweifellos verwandte) These eines neuen Stadiums kapitalistischer Entwicklung (und einer für dieses Stadium charakteristischen Kulturzerstörung), einer dazu passenden Interpretation des Nationalsozialismus bzw. Faschismus - und gerade hier, wo Exaktheit der Unterscheidung dringend notwendig wäre, wird man sich angesichts des Umfangs der relevanten Zusammenhänge mit Thesen begnügen müssen.
Ein drittes Problem begegnet einem schon am Anfang von Adornos Äußerungen, wenn er sich zu einer "psychoanalytisch erfahrenen Soziologie" bekennt. Dies war die Soziologie und die Gesellschaftstheorie der Frankfurter Schule durchaus (übrigens waren dies auch etliche andere soziologische Theorien jener Zeit), und da sich die Erfahrung zwischenzeitlich sehr vermehrt hat, wäre man ja eher geneigt, von einer "psychoanalytisch belasteten Soziologie" zu sprechen. Man wird den Freudianismus - jene äußerst folgenreiche Pseudowissenschaft des vergangenen Jahrhunderts - mittlerweile bestenfalls noch als eine Heuristik würdigen können, die Hinweise auf Probleme liefert, zu deren Lösung ihr theoretisches Instrumentar, erst recht so, wie es Adorno zur Verfügung stand, keineswegs hinreichend ist. Allerdings stellt sich das Problem der "psychoanalytischen Infektion" der kritischen Theorie im Verlauf als deutlich geringer heraus, als man zunächst befürchten könnte. Anders als hinsichtlich der Geschichtsphilosophie bleiben die überwiegende Menge der Aussagen der vorliegenden Texte triftig, auch wenn man von ihren psychoanalytischen Bezügen und Weiterungen absieht. Man könnte vielleicht, so schwer dies auch angesichts der "Studien über Autorität und Familie" fällt, auf den Gedanken kommen, die Psychoanalyse sei der kritischen Theorie generell nur äußerlich hinzugefügt und angeschlossen worden; eine genauere Erörterung würde hier jedoch zu weit führen.
Für den polemischen Gebrauch hätte man mit den aufgeführten drei Stichpunkten - Beschränkung auf Astrologie, fragwürdige geschichtsphilosophische Hintergründe, Mesalliance mit dem Freudianismus - genug Argumente zur Hand, um Adorno als Zeugen grundsätzlich abzuweisen und in Frieden fortzuschicken. Es wäre aber schade darum. Eine nähere Vergegenwärtigung von Adornos Argumenten zeigt nicht nur Voraussetzungen und Bruchstellen seines (und vieler verwandter) Diskurse zur Esoterik auf, sie gibt auch Hinweise auf Schwachstellen und Gedankenlosigkeiten auf "esoterischer", also hier astrologischer Seite.
Die Beschränkung auf die allgemein missbilligte Zeitungsastrologie ist dabei kein Hindernis, genauso wenig wie das Alter der Stichprobe - man erkennt die Beispiele mühelos wieder. Paradoxerweise ist es auch kein Hindernis, dass Adorno von Astrologie - ihren Lehren, ihren Methoden, ihrer Praxis - herzlich wenig zu verstehen scheint - man erkennt das neben einigen Merkwürdigkeiten seiner Kritik an gelegentlichen fragwürdigen Aussagen über "sinistre Reden von bevorstehenden Katastrophen und drohendem Weltuntergang" (8,152), wie sie nun gerade für die Astrologie nicht so recht typisch sind.
Macht nichts, denn einerseits ist die Astrologie sowieso und von vornherein schon verurteilt, andererseits dient sie nur als Modell einer Verflechtung "rationaler" und "irrationaler" Momente in gesellschaftlichen Bewegungen.
Verurteilt ist die Astrologie am Maßstab der zeitgenössischen Naturwissenschaft, als Aberglaube:
"Auf früheren Stufen war Aberglaube der wie immer unbeholfene Versuch, mit Fragen fertig zu werden, die damals anders und vernünftiger nicht sich hätten lösen lassen. Die Abspaltung der Chemie von der Alchimie, die der Astronomie von der Astrologie ereignete sich verhältnismäßig spät. Heute aber widerspricht der fortgeschrittene Stand der Naturwissenschaften, etwa der Astrophysik, kraß dem Glauben als Astrologie. Wer beides nebeneinander toleriert oder gar zu vereinen trachtet, hat bereits eine intellektuelle Regression vollzogen, die einst nicht vonnöten war." (149)
Dem interessierten Leser sträuben sich hier schon die Haare. Gab oder gibt es denn keine Fragen mehr, die man anders und vernünftiger nicht lösen kann? - Offenbar müsste die Antwort wie die des Gorgias dreifach ausfallen: Nein, und wenn es sie doch gibt, dann muss man ihre erweisliche Unbeantwortbarkeit hinnehmen, und was dann schließlich noch übrig ist, das muss dann wohl unerheblich sein und kann mit einem Schulterzucken abgetan werden. - Man muss und kann mit einer solchen Auskunft nicht zufrieden sein; bei weitem nicht alle Fragen, die einem Astrologen gestellt werden, sind so leichtgewichtig wie die des Gänseblümchenorakels - sie liebt mich, sie liebt mich nicht - und nicht immer kann man leichten Herzens auf Antworten verzichten. Dies verweist insgesamt auch darauf, wie wenig "Alltag" und die Probleme, die sich Menschen in ihrem Alltagsleben stellen, für eine Gesellschaftstheorie vom Zuschnitt der kritischen Theorie ein Thema sein können - das mag, angesichts der Weltereignisse, die sie durchlebt haben, bei den Begründern der Theorie plausibel und verzeihlich sein; für ihre jüngeren Schüler, Nachfolger und Fans ist es dies sicherlich nicht.
Zweitens aber hatte die Astrologie immer schon Interessen, die weit über die in die Astronomie hinübergeretteten der Erkundung der Himmelskörper und der Verwendung ihrer Bewegung für die Zeitmessung hinausgingen. Neben der Quantität der Zeit interessierte auch immer ihre Qualität, was Fragen der Entwicklung und ihrer eben nur in der günstigen Stunde erfolgenden Kulmination einschloss. Ebenso standen die "Sterne" immer nicht nur am Himmel, sondern ebenso in der Brust der Menschen und bildeten so die Grundlagen "psychologischer" Typenlehren. (Ersatz für sie zu finden und eine "wissenschaftliche" Persönlichkeitstheorie und -typologie an ihre Stelle zu setzen, ist ein hartnäckiges Streben der Psychologie, bei dem sie nur mäßige Erfolge aufweisen kann.) Alles dies ist nicht von Astronomie oder Astrophysik beerbt worden (die freilich auch ihre kosmologisch-ideologischen Interessen haben, ganz zu schweigen vom Projekt SETI); diese Begriffe und Konzepte sind auch - verstreut über allerlei andere Disziplinen -, erst teilweise wieder neu erfunden worden. Ähnlich sähe es mit der Alchemie und Chemie aus - der Sein der Weisen war nie einer wirtschaftlichen Verwertung halber begehrt, und man wird das Versprechen, Gold zu machen, auch eher als einen riskanten und halb bauernschlauen, halb verlogenen Weg zu einem Forschungsstipendium sehen müssen. Eher schon war es für die Alchimisten motivierend, dass der Stein heilt; darum aber die Erzeugnisse der Pharmaindustrie als seine Wahrheit und Verwirklichung anzusehen, mag einen doch schon schwer ankommen.
Drittens plagen Adorno keinerlei Zweifel an den Aussagen der "(Natur-)Wissenschaft" - sie und die ihr auf dem Fuße folgende Technik haben zwar höchst bedenkliche Folgen, aber das wird quasi nur als weiterer Beweis genommen, dass sie zweifellos reelle Erkenntnis gewinnt, Naturbeherrschung produziert. Eine Kritik an positivistischer, unreflektierter Wissenschaft, wie sie auch hier eingeflochten ist, geht in einer semantischen Doppeldeutigkeit zwischen Ideal und Wirklichkeit verloren (174-75). Hier haben sich zwischenzeitlich ganz andere Komplexitäten entfaltet; der Ausbau naturwissenschaftlicher Theoreme zum Weltbild hat nie den Beifall Adornos gefunden, und dass das Schulsystem der BRD selbst haushaltstypische und alltagspraktische naturwissenschaftliche Grundkenntnisse nur noch in Ansätzen vermittelt, weniger noch als "Halbbildung", kann wirklich niemanden freuen.
Insgesamt aber wird man bei aller gebotenen Vorsicht "Wissenschaft" herabsetzend definieren als "das, wofür Wissenschaftler bezahlt werden und womit sie ihren Tag herumbringen" - und das ist in der Tat mancherlei und von höchst unterschiedlichem Wert. Eben darum ist das Gegenteil von Wissenschaft auch nicht "Schwindel", wie Adorno nahe legt (165), sondern einfach ein anderes, konkurrierendes Wissen. Die Last und Verantwortung der Unterscheidung fällt auf uns, quasi die Verbraucher, die denkbar schlecht darauf vorbereitet sind; wenn nun aber Wissenschaftler im Gewande eines so genannten "Verbraucherschutzes" daran gehen, ihre diskursive Vormachtstellung und ihre Pfründen zu verteidigen, so sollte man diese absurde Darbietung mit dem angemessenen Gelächter quittieren. Vernunft, wie der Heilige Geist, lässt sich nicht in Institutionen einfangen.
Viertens ist mit dem Stichwort "Regression" eine geschichtsphilosophische Verortung im Rahmen eines Konzepts von historischem Fortschritt vorgenommen, mit der zahlreiche Probleme verbunden sind. Auch wenn solcher "Fortschritt" in der kritischen Theorie nie linear im Sinne eines "Kulturfahrplans" (so der Titel eines beliebten Tabellenbuchs geschichtlicher Daten) konzipiert war und diese Philosophen sich nie auf die Vorstellung einer greifbaren Zukunft, eines "nächsten" (und womöglich letzten) Gesellschaftszustands eingelassen haben (geschweige denn auf die Rede von "fortschrittlichen Menschen" für die Anhänger sozialistischer Parteien) - das Konzept ist so fragwürdig geworden, dass man es nach Möglichkeit vermeiden wird. Geschichtsphilosophie ist eine stark euphorisierende Droge, doch nüchterner lebt man ohne sie.
Damit fällt freilich auch die Konzeption einer "Höhe der Zeit" (oder "erreichten Stufe universaler Aufklärung", 149), auf der sich zu befinden ein gebildeter Mensch moralisch verpflichtet wäre, und hinter der man als intellektuelles und ineins moralisches Versagen zurückfallen könnte - wofür es dann Beispiel wäre "sich der Astrologie zu überantworten". Für die Polemik (und gilt da nicht verschärft die Freudsche Losung "was dumm war, soll dreist werden"?) ist es daher immer in Ordnung, dieses Konzept schlicht zur Mode herabzusetzen - "und dass wir nicht in Mode sind (bloß gut so) beweist ihr uns ja einmal mehr"; man kann dies von Fall zu Fall mit pluralistischer und multikultureller Rhetorik und Dialektik garnieren.
Wie verhält es sich ernsthaft damit? Wohl haben wir unvermeidlich Vorstellungen davon, was jeweils gegenwärtig möglich oder nicht möglich sei (die übrigens, den Grenzen unserer individuellen Kenntnis entsprechend, nur beschränkt zutreffend sein können), doch wir werden hoffentlich gar nicht erst auf die Idee kommen, politische und moralische Maßstäbe daran zu knüpfen. Und wir nehmen es als selbstverständlich, dass sich unterhalb dieser Grenze eine bunte Vielfalt von Kulturen, Traditionen, Lebenswelten und Geisteszuständen findet - "Ungleichzeitigkeit" (der neutralere Begriff Ernst Blochs) ist überall, in uns und außer uns. Aufgrund der Trennung der Lebensbereiche und ihrer Isolierung gegeneinander arbeiten wir typischerweise in einer anderen Zeit als der, in die unser "Privatleben" fällt, die Beispiele ließen sich vermehren und ausdifferenzieren. Entsprechend bunt haben wir uns auch längerfristige Zukunftsszenarien vorzustellen; man sollte diese Offenheit durchaus als Gewinn fassen, auch wenn die düsteren Szenarien realistisch überwiegen werden.
Formulieren diese Aussagen nicht auch eine "Höhe der Zeit", nur eben eine andere, bescheidenere, modisch angepasste? Nun gut, "Geschichte" ist selbst eine Metapher, die schon das "und dann" des Erzählens samt der Vielfalt der zeitlichen Ordnungsbegriffe beinhaltet, einschließlich der haltlosen Hoffnung eines "Fortsetzung folgt", "es muss doch irgendwie weiter gehen". Ersatzbegriffe, die an die Stelle von "Geschichte" treten könnten - bis hin zu dem einer menschlichen Natur als evolutionärem Kondensat vorzeitlicher Praktiken - sind ausgesprochen schwer zu hantieren und haben ihre eigenen Probleme und Erblasten. So kann es im Umgang mit dem Begriff der Geschichte nur darum gehen, diejenigen Implikationen und auf sie gestützte Manöver zu meiden, die sich als falsch erwiesen haben, und so praktisch Schäden zu begrenzen. Sehr viel leichter als von dem klebrigen Doppelsinn von "Geschichte" und "Modernität" kann man sich übrigens von ihren moralischen Anhängseln lösen - man muss nicht "modern" sein, wo kommen wir denn da hin? Es hieße ja in der Gegenprobe auch, das Gute und Rechte partiell vergegenwärtigt zu finden, und die Einwände dagegen sind ja nur zu offensichtlich.
Damit ist auch schon ausgesprochen, dass der Begriff der Regression weder in geschichtsphilosophischer noch in seiner individualpsychologischen Bedeutung des Rückgangs oder Rückfalls auf eine "vorerwachsene" Entwicklungsstufe noch sonderlich erhellend sein kann. (Den Illusionen einer Parallelisierung von Phylogenese und Ontogenese widmen wir dabei ein entschiedenes Stirnrunzeln.) Man muss die hier angezeigten Sachverhalte begrifflich anders fassen und anders werten; unproblematisch sind sie zweifellos nicht. Regression in dem breiten, hier intendierten Verständnis ist überall, wir leben in einem Mosaik von Zuständen, die zu unterscheiden und richtig zu integrieren regelmäßig misslingt. Hauptsächlich ist hier jedoch auch nur Schadensbegrenzung gefordert, nicht die Illusion, es könnte grundlegend anders sein, und erst recht keine gut gemeinten Synchronisationsversuche, mit denen und deren Folgen man mittlerweile auch Erfahrungen sammeln konnte.
"Regression" hat freilich für Adorno unmittelbare politische Implikationen - man regrediert nicht irgendwohin, sondern in einen Zustand der "Rohheit" oder "Barbarei" - wie man es in Nazideutschland und auch anderswo als spezifischer Verflechtung von Irrationalität und Rationalität (letztere exemplifiziert in hoch entwickelter Technologie) gesehen habe. Man findet sich hier mit der Schwierigkeit konfrontiert, dass diese Begriffe zweifellos evokativ sind - Beispiele aus dem Gedächtnis hervorsprudeln lassen - und doch weder einer historischen Analyse des Nationalsozialismus (geschweige anderer Fälle totalitärer Herrschaft) gerecht werden, noch auch nur seine kulturellen und atmosphärischen Merkmale befriedigend umschreiben können. Man findet sie selbst von den sozialpsychologischen Untersuchungen der Frankfurter Schule - den Konstruktionen eines autoritären Charakters, fragwürdig, wie sie aus viele Gründen geworden sind - nicht in vollem Umfange gedeckt.
Auf ganz andere Weise haben solche Vorstellungen freilich an Aktualität gewonnen: Wenn die wahrscheinlichsten Zukunftsszenarien auf objektive Rückfälle - Energienot und Versagen der Technik, Fortfall von Lebensgrundlagen, Völkerwanderungen usw. - hinauslaufen, wie lässt sich dann Regression (als eine erzwungene Rückkehr zu einer schlichteren Produktionsweise, mit allem, was damit verbunden ist) wo nicht steuern, so doch sanft gestalten? Wenn man sich die unvermeidlichen Neuen Horden als wenigstens geringfügig veredelte Wilde wünscht, welche Mythen, die allein den Abstand zwischen ohnmächtiger Theorie und praktisch wirksamem Handeln überbrücken können, muss man dann heute und in Zukunft erzählen? Wie kann man mit der evolutionär krumm gewachsenen menschlichen Natur einen Frieden schließen, der noch ein wenig Wärme und Glanz an sich hat? Das ist nicht nur eine Herausforderung für Science-Fiction-Autoren; es ist weit gehend unbewusst Thema vieler "esoterischer" Unternehmungen, ein Thema, dessen Bedeutung und Dringlichkeit viele Absurditäten entschuldbar und verteidigenswert macht. Dass man dabei von der Offizialität der Wissenschaften nur Hohn und Spott zu erwarten hat genauso wie die rücksichtslose Sabotage all solcher Kräfte, die statt einer Zukunft, in der sie nicht mehr vorkommen, lieber gar keine in Kauf nehmen, das versteht sich von selbst. Man ist mit einer Frage von äußerster Bedeutung an die realen und elektronisch-virtuellen Stammtische verwiesen - aber man kann sie ja nicht nicht stellen.
Kehren wir zu Adorno und spezifischer zu seinen Schriften zur Astrologie zurück. Immerhin dürfte es nach diesem angekündigt überlangen Exkurs deutlich werden, was es heißt, wenn Adorno Astrologie (und genauer eben die Horoskopspalte der LA Times) als Modell für den "Chemismus der Massenbewegungen" (148) und die ihr eigene Verflechtung von Rationalität und Irrationalität untersucht. Es kann auch nicht mehr überraschen, wie randständig und beliebig die Astrologie für ihn ist - sie ist eben bloßes Beispiel, an dem sich gesellschaftliche Tendenzen ablesen lassen sollen, von denen ihm für die Zukunft viel zu fürchten scheint. Man wird auch nicht überrascht sein, dass er die von ihm diagnostizierten gesellschaftlichen Entwicklungen mit einem deutlich apokalyptischen Unterton kommentiert (172-173).
Ein geschulter Leser wie Adorno findet in der Tat bei einem solchen Unternehmen viel, was von allgemeinem soziologischen und politischem Interesse ist, und hier müssen dann wenigstens stichwortartig die Ergebnisse seiner Lektüre referiert werden. Zuvor jedoch eine Warnung: Wir sind hier nicht bei Garfinkel oder Goffman, auf die Frage, was der Konsument des Horoskops wirklich tut, bekommen wir keine Antwort. "Die Wirkung der astrologischen Spalte auf die tatsächliche geistige und psychische Verfassung der Leser ist nur hypothetisch zu unterstellen." (151) Das mag man eifernden Sektenverfolgern jederzeit unter die Nase reiben, ebenso wie sich ja auch ihr reflexhafter Einwand der "anecdotal evidence", die bloßes Geschwätz sei und mangels Wiederholbarkeit und Repräsentativität nichts weiter zu besagen habe, trefflich gegen sie selbst wendet. - Mein Eindruck wäre, dass gerade Zeitungshoroskope als ein weit gehend unverbindlicher Zufallsgenerator benutzt werden, mit dem man die Monotonie des Alltags ein wenig auflockert - "na ja, achten wir mal auf so etwas" - man ließe sich angenehm von ihnen überraschen, wenn auch, wie Adorno richtig beobachtet, im Rahmen eines nicht sehr umfangreichen Repertoires von Standardsituationen.
Als Erstes wäre dann eine Erläuterung zum Titel des Aufsatzes nachzureichen - Aberglaube, nun gut, eine Frage der Definition, so wie ja auch ein Schelm die Domain aberglaube.de besetzt und auf vatican.org umgeleitet hat - doch was heißt da "aus zweiter Hand"? Mit dieser Formulierung zielt Adorno auf den medialen Vermittlungszusammenhang der in den Horoskopen erteilten Auskünfte und Ratschläge. Der oder die Verfasser der Horoskope treten als Vertreter einer gesellschaftlichen Institution von "Astrologie" auf, ihre Aussagen sind bis ins Detail auf aktuelle gesellschaftliche Gegebenheiten beziehbar, und sie tun es in einer Sprache und rhetorischen Positionierung, die ganz von medialen Gesichtspunkten her bestimmt ist. Alles dies sind zutreffende Beobachtungen, die man jederzeit auffrischen und präzisieren könnte, und die einem Bewusstheit hinsichtlich der eigenen Äußerungen abnötigen. Horoskope zu schreiben erfordert Wissen auch über die eigenen Begrenzungen, von einer gehörigen Zurückhaltung angesichts der Wirkungen von Aufmerksamkeitslenkung und Suggestion ganz abgesehen.
Nur in minder triftiger Weise bezieht sich die Rede von der "zweiten Hand" auf die zwar stellenweise vorhandenen, aber sehr unterschiedlich ausgeprägten Neigungen zur Repristination esoterischer Lehren. In der Tat sollte man das Kokettieren mit "uraltem Wissen" unterlassen; wo es nicht unmittelbar Zweifel an der Informiertheit herausfordert, kann es immerhin Zweifel an Haltbarkeit und Relevanz erzeugen. Auch das Gebot, man solle keine Hexen unter dem Volk dulden, ist übrigens nach üblichen Maßstäben uralt: Der Versuch, aus dem Alter Geltung zu erschleichen, kann einen in Teufels Küche bringen. "Formen eines mehr oder minder künstlich wieder erweckten Aberglaubens aus längst vergangenen Epochen" - das trifft die Sache Astrologie jedoch nur recht beschränkt und führt darüber hinaus manipulationstheoretische Anklänge ein, die leicht in die Irre führen. Angesichts dessen, wie harmonisch sich auch das Schlechte zu einem Ganzen fügt - niemand kann sagen, er habe die Selbstorganisation gepachtet - hat die Vorstellung, "sie" hätten es so gemacht, etwas von falschem Trost und von Denkfaulheit (vgl. 173). Nicht, dass "sie" nicht gelegentlich auch allerlei täten, aber man muss schon unterscheiden. - Übrigens entlastet ein Konzept von Selbstorganisation auch von der naheliegenden, aber problematischen Vorstellung, es müsse ja alles auch noch einen außer ihm selbst liegenden Zweck haben, eine Funktion oder Wirkungsabsicht, wie sie Adorno mit problematischem Rückgriff auf Freud konstruiert (158). Es nimmt der Analyse und Kritik zunächst gar nichts, wenn sich hier nur einer oder mehrere Astrologen ihren Unterhalt verdient haben, die Zeitung nur ihren Lesern geboten hat, was die Herausgeber für einen Teil des "normalen" Niveaus gehalten haben, usw. Zwecke verschlingen sich viel leichter und zwangloser ineinander, als man vermutet. Es hindert auch nicht daran festzustellen, dass Ihre Produkte quasi resonanter, bewirkter und mitwirkender Bestandteil eines gesellschaftlichen Klimas sind, das tatsächlich nicht zum Träumen ist, so vergnüglich sich Adornos materiale Analysen auch lesen.
Die Figur des Experten und seine Autorität sind uns mittlerweile zu deutlich fragwürdig geworden, als dass man Adornos Kritik hier mehr als ein freundliches Nicken widmen würde - "Seine Idee [die des Fachmanns], die scheinbar für Rationalität steht, hat selber etwas Magisches angenommen" (170) - und zwar ist dies allgemein gesagt, quer durch die Fächer und Themen. - Es lohnt sich aber, darauf hinzuweisen, dass auch inhaltlich die Kritik nicht nur die Astrologen trifft - Adorno zeigt insbesondere mehrfach Parallelen zur Populärpsychologie (und hierunter könnte man ja die gesamte Psychologie verstehen, soweit sie öffentlichkeitswirksam ist) und ihrer Beratung auf; hier könnte manchem eifernden Psychologen die Suppe versalzen werden. ("Popularpsychologie wird zum sozialen Opiat", 157). Auch hier wird oft dem Beratenen bzw. dem Leser der Texte die Last objektiv unbeantwortbarer Fragen und damit die Last selbst verantworteter Entscheidungen abgenommen, unvermeidlich oft auch mit einer Rückversicherung am zeitgemäß Üblichen. Das verbindet sich mit der Suggestion, es gebe solche Fragen gar nicht, "dem Ingeniör sei nichts zu schwör" - ein Experte muss einem Sorgen abnehmen, sonst bleibt er keiner. - Freilich baut eine solche Kritik auf schwankenden Grund, nämlich eben auf die oben angesprochene Ignoranz des Alltags. "Vernünftig sein heißt in ihr [der gesellschaftlichen Realität] nicht: irrationale Bedingungen in Frage zu stellen, sondern aus ihnen das Beste machen." (153) In unserer begrenzten Lebenszeit mit ihren vielfältigen Aufgaben und Anforderungen ist Letzteres keine triviale Frage, die sich aus philosophischer Distanz abweisen ließe, ideologisch wie sie sein mag. Man wird viel in Frage stellen und sich öfters auch fügen - der Alltag ist ein ständiges Ineinander von Verrat und Bewährung, das vor moralischen Prinzipien, geschweige denn Reinheitsgeboten, keineswegs gerechtfertigt werden kann.
In der gleichen Argumentationslinie wird auch der Begriff des Schicksals problematisch, den man nicht durch eine "rationale Durchdringung der Verhältnisse" auflösen kann. Wir haben unvermeidlich ein Schicksal, das über systemische Zwänge, Selbstverantwortung und Fremdverschulden hinausgeht; dies sei es als Begriff, sei es als besondere Ausprägung im einzelnen Leben dingfest zu machen, ist eine schwierige Aufgabe, bei der die Tradition wenig Hilfen bietet. Eine Begründung jedenfalls als Undurchschaubarkeit der Verhältnisse (oder, moderner, als faktisch gegebene und schlich notwendige Überkomplexität) trägt nicht weit genug, so richtig die zu Grunde liegenden Feststellungen auch sind.
Eine wesentliche Beobachtung betrifft die problemlose Koexistenz einander widersprechender Wissensbestände, sowohl was die halbe, skeptische Akzeptanz astrologischer Aussagen anbetrifft wie die einander widersprechenden Ratschläge, die den Horoskopen zu entnehmen sind. Nun ja, der Leser liest harmonisierend, so wie es in sein jeweiliges Bezugssystem passt (155); er oder sie findet auch in der Verteilung der Ratschläge auf Situationen und Hinsichten die mangelnde Integration seiner Lebensbereiche abgebildet. Eine "Zerlegung in Komponenten" (161), Aufteilung in der Zeit und nach Anwendungsbereich, ist eine oft nicht unzutreffende, aber nur partiell tragfähige Deutung; sehr häufig gehen die Widersprüche jedoch auch intimere Verbindungen ein, die zu explizieren eine lohnende sozialpsychologische und ideologietheoretische Aufgabe sein kann.
Im Vorbeimarsch mag man auch auf die Macht der schiefen Abstraktionen hinweisen, an denen Dialektik ihre Sparringpartner hat - "Die Situation ist einigermaßen paradox: wer den herrschenden Lebensbedingungen sich anpassen will, muß die eigenen, partikularen Interessen - die des Individuums - rücksichtslos verfolgen, er muß sich anpassen durch Nicht-Anpassung." (161-62) Dies erinnert übrigens auch an die Generativität von Geboten und Verboten, die quasi dazu gemacht sind, um ihre Übertretung herauszufordern. Mit diesem Paradox verhält es sich ja wie mit einem Vexierbild - einmal auf das offene Geheimnis hingewiesen, sieht man derartige Figuren überall.
Doch damit zurück zur Astrologie. Ihr Trick bestünde eben darin oben, am Himmel, exakt zu rechnen, unten, dem Leser gegenüber, exakt die Auskünfte zu geben, die zwar vielleicht nicht wortwörtlich, aber ihrem ideologischen Hintergrund nach, zu dessen beschränkten und bedrängten gesellschaftlichen Situation passen, und zwischen beidem einen Bezug zu behaupten, der wissenschaftlich unerweislich sei. Die Sterne lügen nicht (sie sprechen ja überhaupt nicht), die Astrologen lügen auch nicht, sondern wiederholen und verdoppeln nur das Vorfindliche ("nichts, woran sie [die Leser der Horoskope] nicht durch ihre tägliche Erfahrung gewöhnt wären", 158), der Betrug liege im behaupteten, aber nicht vorhandenen Zusammenhang, aus dem der Astrologe seine Autorität begünde - und mit dem sich Astrologie der Wissenschaft anbiedere.
"Astrologie, wie der Okkultismus insgesamt, hat das entschiedenste Interesse, inmitten hochgesteigerter Rationalisierung den Verdacht magischer Praktiken abzuwehren. Wissenschaftlichkeit ist ihr schlechtes Gewissen. Je irrationaler ihr Anspruch, desto beflissener wird betont, nichts Schwindelhaftes sei daran." (165)
Das hat eine sehr ernste Spitze, die durchaus über das Zeitungshoroskop hinaus geht - man möchte dieses Zitat dem Deutschen Astrologenverband ins Stammbuch schreiben (wenn er denn eins hätte). Wer etwas von einem Astrologen wissen will, der möchte eine Antwort eben aus einer magischen Praktik und soll sie, unter Beachtung der schicklichen Begrenzungen, auch so haben - zumindest würde man sich das so wünschen. Versuche, Astrologie zur Wissenschaft zu machen, sollten füglich unterbleiben, und plausibilisierende Maßnahmen - astrologische Forschung - sollten so angelegt sein, dass kein Widersinn dabei herauskommt und das zentrale Anliegen der Astrologie nicht dementiert wird. In magischen Praktiken (wie auch in der Kunst, die manchmal gar nicht so weit davon entfernt ist) ist Vieles aufbewahrt, was Leben und seine Qualität ausmachte, bevor es von der Aufklärung ersatzlos gestrichen und die darauf verwendete Zeit und Kraft der Menschen anderweitig beschlagnahmt und vernutzt wurde. Um dessentwillen wird Astrologie ausgeübt und befragt, anderes ließe sich sonst anders entscheiden, vielleicht nicht immer besser, sicher aber oft einfacher. Wir sprechen ja auch von einem Zeit-Bild, nicht von Sternenstrahlen, die auf die Menschen einwirken ...
Zu einem Zeitbild verdichtet sich schließlich auch Adornos Analyse - die Worte werden heftiger, der Ton schriller, der Astrologie wird mehr zugetraut und vorgeworfen, als er ihr noch am Anfang seines Aufsatzes zugestanden hatte. Seis drum: Wie sieht es aus, und wie hat es sich über 40 oder mehr Jahre (der Aufsatz wurde 1962 überarbeitet) gehalten?
"Die astrologische Mode dürfte während der letzten Dezennien zugenommen haben: nicht allein als wirtschaftliches Neuland für Schamanen sondern auch wegen steigender Anfälligkeit der Bevölkerungen. Jene ist psychologisch und gesellschaftlich weit fataler als die Astrologie selber. Sie hat ihre Basis am Phänomen der universalen und entfremdeten Abhängigkeit, der inneren und der äußeren. Von ihr geht das Horoskop aus: es vertuscht, nährt und exploitiert sie. Dabei handelt es sich nicht einfach um die traditionelle Abhängigkeit der Mehrzahl der Menschen von der organisierten Gesellschaft, sondern um die anwachsende Vergesellschaftung des Lebens, die Erfassung des Einzelnen durch unzählige Fangarme der verwalteten Welt." (171-72)
So weit, so gut - die Fangarme spüren wir wohl, in gewissem Maße erklärungsbedürftig, warum es gerade sozialdemokratische Arme sind, die sich so besonders schmerzhaft festsaugen, ebenso, wie viele Menschen es fertig bringen, sich darin wohl zu fühlen und sich vielleicht sogar mehr davon zu wünschen. Die Absage an sie muss vordringliches Kriterium sein, wo es um Kooperation und Allianzen geht, mehr als ideologische Erblasten und sachliche Dissense. (Der Begriff "verwaltete Welt", "a world caught by administration", darf einen nicht auf den Gedanken bringen, ihr sei mit der in den letzten Jahrzehnten populär gewordenen Forderung nach "Deregulierung" beizukommen; das gesamte Thema des Zusammenhangs von höherem Organisationsgrad bzw. Vernetzung und stärkerer Disziplinierung ist hoher Aufmerksamkeit wert. Von hier aus ergeben sich auch alternative Zugriffe auf das, was Adorno als "Regression" bezeichnet. - Allerdings scheint es unbestreitbar zu sein, dass, wer von Astrologie oder "allem so'm Kram" nichts wissen will, gegenwärtig die mächtigeren Freunde hat.)
Die Trenddiagnose setzt sich fort mit der Behauptung einer Renaissance von unmittelbarer Herrschaft gegenüber der Auslieferung an subjektlose ökonomische Mechanismen; man wird das nicht komplett abweisen können, wenn damit vielleicht auch der Eindruck erweckt wird, es könnte politischer Gestaltungswille beliebige Ziele erreichen. Aufgewertet, wie dieser insgesamt sein mag, sehen wir doch aktuell die Politik wollen, was sie muss, mit Standort, Globalisierung und Weltmarkt - eben ökonomischen Zwängen - als sowohl Triebkraft wie Alibi.
Das "Bewußtsein der permanenten Krise", die Gefühle der Ohnmacht und Hilflosigkeit, die Adorno sowohl diagnostiziert wie prognostiziert, sind zwischenzeitlich modisch stärker und schwächer vorhanden gewesen, wenn sie auch jederzeit aktualisierbar sind. "Zum Gefühl, erfaßt zu sein und nichts über das eigene Schicksal zu vermögen, tritt das hinzu, das System treibe ungeachtet seiner funktionalen Rationalität der Zerstörung durch sich selbst entgegen." (173) Zur Stunde wird das energisch verleugnet; die Gefühle, denen durch die Medien neue, unvorhergesehene Spielräume des Imaginären eröffnet worden sind, vagabundieren durch die Prezession der angesagten Themen.
"Selbst solche, die für normal gelten, und vielleicht sie besonders, akzeptieren Wahnsysteme: weil diese immer weniger von dem ihnen ebenso undurchsichtigen der Gesellschaft zu unterscheiden, aber einfacher sind." Realitätsverlust ist durchaus ein Thema, aber es will sich nicht in Adornos psychiatrische Kategorien schicken. Selbst Paranoia ist zu anstrengend, eine Sache von Minderheiten. Wenn denn von einem Wahnsystem die Rede sein kann, dann lautet sein Slogan "Alles wird gut".
Und der Astrologe, dessen Kunstfertigkeit den Vortrab totalitärer Ideologie abgeben sollte (173)? Der fühlt sich zurückgeblieben, und ist gar nicht böse drum - nicht zuletzt wegen die Narrenfreiheit, die ihm schon manche neiden. Denn nur von solchem Hinterland aus, in dem er ja auch nicht lange allein bleibt, ist Zukunft zu erreichen. Nicht, dass das einfach wäre oder mit einem "Abrakadabra" getan.
Literatur:
- Die oben erwähnte ausführliche Darstellung von Adornos Astrologie-Forschungsprojekt ist veröffentlicht unter dem Titel
The Stars Down to Earth. A study in secondary superstition. Gesammelte Schriften 9,2 (Soziologische Schriften II,2) FfM 1975, 7-120. Während die theoretischen Teile dieser Arbeit (meist in direkter Übersetzung) in "Aberglaube aus zweiter Hand" übernommen (und dort stellenweise erweitert) wurden, bietet diese Fassung umfangreiche Beispiele aus den Horoskopen, einige zusätzliche auf US-Verhältnisse bezogenen Erläuterungen und nicht uninteressante ausführlichere Hinweise zum psychoanalytischen Hintergrund der Interpretationen.
- Unter zahlreichen kritischen Arbeiten zur Psychoanalyse allgemein wäre besonders hervorzuheben:
Manfred Pohlen und Margarethe Bautz-Holzherr: Psychoanalyse - das Ende einer Deutungsmacht. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1995
- Einen Überblick zur Astrologie und ihren wissenschaftlichen Ambitionen bekommt man bei:
Christoph Schubert-Weller: Wege der Astrologie. Schulen und Methoden im Vergleich. Mössingen: Chiron, 1996
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