Das Manifest des Unabombers - Einleitung

Ein Stück selbständiges Nachdenken über die gegenwärtige Lage - mit allen Stärken und Schwächen, die ein einsames Nachdenken mit sich bringt.

Zu den Stärken gehört zunächst die durch die Distanz ermöglichte Einsicht: Da stimmt nicht nur "etwas" nicht, es ist alles krumm, schief, absurd, und es kann keinen Bestand haben. Es geht krachen, und auf dem Weg dahin wird uns noch manches Scheußliche begegnen.

Konsequenz: Auf Reformen kann man keine Hoffnungen setzen. Das ist nicht neu, doch wenn man bedenkt, wie viel Hoffnung und Enttäuschung sich hier in Deutschland noch jüngst um einen gewissen Oskar L. gruppiert hatte, so kann man nur feststellen, dass die Lektion noch lange nicht gelernt ist.

Die Schwächen sind offensichtlicher; sie fangen bei Sprache und Stil an - tatsächlich musste ich mich beim Übersetzen immer wieder zurückhalten, nicht zu glätten, nicht durch freundliche Formulierungen überzeugender machen zu wollen, was nun einmal rau und grob gefügt wurde. Deutlich bemerkbar macht sich auch immer wieder das Fehlen eines passenden Begriffs - es macht uns nur zu deutlich, wie sehr auch das vermeintlich eigene Denken und Erkennen an bestimmte Diskurse gebunden ist. Drastischer ausgedrückt: Sollten wir je von den Schultern der Riesen, auf denen wir uns bewegen, abspringen, dann haben wir auch nichts Besseres zu erwarten.

Der Text ist nicht nur aus diesem Grunde auf ein produktives Weiterdenken angewiesen. Es gibt genug Stellen, wo das sprichwörtliche Baby mit dem Badewasser ausgegossen wird, doch jeder dieser Stellen liegt ein echtes Problem zu Grunde. Auf manche dieser offenen Fragen gibt es keine überzeugende Antwort, bei anderen kann es nicht schaden, sich auf die vorliegenden Antworten zu besinnen und sie gegebenenfalls auch anhand der historischen Entwicklung neu zu überdenken. Sozusagen ein gesellschaftstheoretischer Übungsfelsen mittleren Schwierigkeitsgrades? Nun ja, schon auf diese Weise wäre der Text nicht ganz nutzlos. Ebenso eine Mahnung, das Science in Science Fiction ernster zu nehmen.

Schließlich sind aus der Einsamkeit und Unberatenheit, aus der der Text entstanden ist, auch die praktischen Konsequenzen zu erklären, die der Verfasser aus seinen Einsichten gezogen hat - sie sind falsch, ansonsten nicht mit "tragisch" oder sonstigen edlen Adjektiven zu versehen, sondern einfach bedauerlich. Wir wissen, dass wir über Geschichte nicht einfach durch unser individuelles Handeln verfügen können - wo immer individuelles Handeln einflussreich oder gar entscheidend wirkte, da war es, weil ihm die Situation als günstige Gelegenheit, als "Stunde Gottes" auch entgegenkam.


Update 2005

Die vorliegenden Notizen zum Manifest des Unabombers wurden 1999 geschrieben, und auch wenn sie, soweit es Reaktionen auf sie gab, vorwiegend Unverständnis und Ablehnung hervorgerufen haben, so sehe ich auch beim Wiederlesen keinen Grund, sie zu ändern. Nach wie vor empfinde ich Respekt gegenüber diesem Versuch, sozusagen mit notdürftigem Bordwerkzeug seine historische und gesellschaftliche Position zu begreifen, und nach wie vor denke ich, dass sich hier nützliche und ungenutzte Denkanstöße verbergen.
Bei der Übersetzung hatte ich mich aus Faulheit / Zeitmangel (und auch einigen urheberrechtlichen Bedenken, Schande über mich) auf die Abschnitte beschränkt, die das betreffen, was für mich die Hauptpunkte der Argumentation darstellen:
1. Es gibt Hindernisse für eine wünschenswerte, "utopische" Gestaltung menschlichen Zusammenlebens sogar auf der Ebene der menschlichen Natur, des evolutionären Gattungserbes; man wird rückblickend bei der Untersuchung vergangener Kulturen auf einschlägige Kompensationen treffen und sie oder ihre Analoga auch in der Gegenwart wieder finden. Ebenso hätte man sie auch für mögliche Zukünfte in Rechnung zu stellen.
2. Das meist nicht bewusst benennbare Ziel vieler gesellschaftlich-politischer Kräfte, die sich als "Linke" verstehen, ist nicht Befreiung im Sinne einer "Assoziation freier Individuen", sondern eine stärkere Vernetzung und Verfilzung gesellschaftlicher Beziehungen, die im Resultat, ganz gleich, wie die Parolen lauten mögen, Individualität deutlich beschneidet – oder von ihr entlastet. Sagt ja keiner, dass das nicht auch seinen Reiz und seinen Sog ausübt, ganz gleich, ob man sich der etwas grobschlächtigen Psychologie des "Manifests" anschließen mag oder nicht. Aber es ist gut zu wissen, wohin jenes Projekt wirklich zielt.
Dies zu benennen, in welcher Form auch immer, ist ein Verdienst des Texts, und wer etwas älter ist und ein intaktes Gedächtnis besitzt, wird beim Lesen der Abschnitte über die Psychologie der Linken allerlei historisch gewordene Figuren an sich vorbeiziehen sehen, vielleicht auch sich ertappt fühlen. Nun ja: Praktisch ist gegenüber solchen "linken" Bestrebungen eine gewisse Wurstigkeit zu empfehlen – es wird schon nicht so kommen, sondern sicherlich schlimmer. Und selbst, wenn man mit ihnen einig sein sollte, so kann man sich doch die Frage stellen, ob man seine begrenzte Arbeitskraft nicht anderweitig sinnvoller und ertragreicher verwenden kann.

Inzwischen ist ein empfehlenswertes Buch zu diesem Text erschienen:
Lutz Dammbeck: Das Netz – die Konstruktion des Unabombers. – Hamburg: Nautilus, 2005, ISBN 3-89401-453-9, 186 S.
Im ersten Teil präsentiert Dammbeck historische und ideologische Kontexte des Manifests und seines Autors, was seinen Sinn vor allem gegen die Behauptungen hat, die in ihm vorgetragenen Überlegungen seien "verrückt", "krank" und "exzentrisch". Nein, durchaus nicht; es ist quasi das Gewand der Zeit, linksrum (Verzeihung!) gewendet und angezogen. Und natürlich passt es auch so, es sieht bloß etwas befremdlich aus und zeigt Nähte und Flicken.
Den zweiten und größeren Teil des Buchs (S. 77-185) nimmt eine sehr ordentliche Übersetzung des gesamten Manifests ein, in die Korrekturen von Ted Kaczynski eingegangen sind. – Dank auch von hier aus an Autor und Verlag dafür, dass sie dem Text so erneut Aufmerksamkeit verschaffen und den Zugang zu ihm einfacher gemacht haben. Für was immer – sprach ich nicht von Wurstigkeit? – es gut sein mag.


Zum Original Zur Übersetzung der Teile über die Linke

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Stellenkommentare

Die Psychologie der modernen Linken (d.h. des Sozialdemokratismus) (6-9), Unterlegenheitsgefühle (10-23), Übersozialisierung (24-32) - Insgesamt handelt es sich um eine psychologisch begründete Gesellschaftstheorie - was geschieht, individuell und kollektiv, ist abhängig von der Verfassung der handelnden Subjekte. - Dagegen gibt es grundsätzliche Einwände, deren Berechtigung pauschal gar nicht in Abrede gestellt werden kann.

Interessant allerdings, dass Psychologie hier auf eine naive, aber deshalb nicht untriftige Weise mit Aussagen und Annahmen über die menschliche Natur verbunden wird. Hier ist in der Kritik Vorsicht angebracht - dies ist nicht mehr das unschuldige und optimistische 19. Jahrhundert. Es gibt gute Gründe, die einschlägigen Zitate abzuändern - das menschliche Wesen dürfte doch schon etwas mehr sein als das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse (eher dieses in ständigem Streit mit natürlichen Voraussetzungen am Menschen begriffen, der sich in eine Vielzahl von Strategien auffächert). - Entsprechend ist der Alptraum von 1000 (Tausend? 100 000?) Geschlechtern nicht nur ein historischer, sondern auch ein biologischer, Fleisch gewordener.

Zentrale Bedeutung bekommt diese Argumentation allerdings erst in den Abschnitten zum "Power Process" - letztlich der Aussage: der Mensch braucht wesenhaft eine Erfahrung seiner selbst als sinnvoll tätigem Subjekt - "ich kann etwas zweckmäßig bewirken", und dies in einer vorgängigen Individuierung (vgl. die Abschnitte zur Autonomie). Insgesamt ist eine solche Anthropologisierung von Arbeit nicht neu, aber allemal wert, weiter spezifiziert zu werden.

Bei den Abschnitten zur Psychologie der Linken ist dem Autor wohl teilweise klar, dass es in der Hauptsache nicht um die Linke der heroischen Zeiten der ersten Jahrhunderthälfte gehen kann, auch nicht um psychologische Merkmale der Menschen aus sozialistischen Ländern. Es hat damals und dort nicht an Pathologien gefehlt, aber sie waren anders. Hier geht es um die "post-68-Linke", die kennen wir aus gelebter Erfahrung - wir wissen: an der Beschreibung (nicht an den Begründungen) ist genug dran, um einen recht nachdenklich zu stimmen. Es ist dies auch die Linke, die mit oder ohne diesen Firmennamen doch noch geraume Zeit um die Wege sein und weiterspuken wird, und man mag gar nicht versuchen vorherzusagen, ob sie, nach dem alten Slogan, nicht nur "Teil des Problems", sondern auch "Teil der Lösung" sein wird.

Was fehlt? Einerseits der Bezug auf längerfristige Prozesse sozialen Wandels - nun, für uns, mit der deutschen Sozialdemokratie vor dem geistigen Auge, ist es nur eine Fleißaufgabe, sich solche Zusammenhänge herzustellen. Eine Bewegung von Verlierern (tatsächlich; unser alter Lesebuchtext "Vater muss in die Fabrik", vertrieben aus der eigenen Landwirtschaft, der eigenen Werkstatt), die es aber durch geschicktes Taktieren und solidarisches Handeln doch zu irgendeinem (eher kleinen) Glück gebracht hat, dabei das Dorf mit seiner Enge in die Stadt trug. - Wir wissen aus anderen Zusammenhängen, dass entscheidende Orientierungen sehr lange, über Generationen hinweg, in Familien und Gruppen - Milieus, etc. - fortwirken können, da braucht einen Vieles nicht zu wundern.

Zweitens eine Spezifizierung nach Generationen und ihrer Wechselwirkung - wie kam es, dass linke Ansichten (immer in oberflächlicherer Form, mehr als verbindende Mythologeme als als verbindliche Theorie, immer auch in bunterer Sortierung als man es (einig, gestrafft, ernst und regsam, wie Mao mahnte) wahr haben wollte - für einige Zeit massenhaft akzeptabel wurden, akzeptabel wohlgemerkt einschließlich der defätistischen Gefühle der Unterlegenheit usw.? Was wurde da - zumal in Deutschland - alles miterledigt; auch (reden wir von Stellen und Prestigepositionen) wer wurde miterledigt, usw. - Ernsthafte Überlegungen zur Generationenabfolge und zum Wandel der Lebenseinstellungen und kulturellen Haltungen während er letzten Jahrzehnte sind rar, das Thema scheint durchaus einiger weiterer Aufmerksamkeit wert zu sein.

13 - Identifikation mit benachteiligten Gruppen - "Bündnispolitik" ("wollen wir es schnell erreichen, brauchen wir noch dich und dich") war immer eher ein Vorwand, und inzwischen haben sich die Gruppeninteressen identitärer Bewegungen gegenüber allgemein linker Politik als dauerhafter und stärker erwiesen - naheliegend zu sagen: weil sie besser definiert sind. Nein, man hatte auch keine Sammlung aller Ausgeschlossenen im Auge (auch wenn es zeitweilig so aussah), es bildeten sich genau solche Präferenzen heraus, wie der Autor sie am amerikanischen Beispiel beschreibt.

15 - Gerade auch die Ambivalenzen der Deutschen gegenüber dem Objekt "Amerika" - bzw. seine ambivalente Konstitution als Objekt von Diskursen - kann Gegenstand von allerlei heiteren Reflexionen sein; inzwischen freilich ist Amerika einfach nur toll, und man fühlt sich gut, wenn man sich durch anerkennende oder sehnsüchtige Aussagen mit diesem hochaufgeladenen Objekt identifizieren kann.

16 - Anti-Individualistisch ... dazu haben uns dann um 1980 Mitglieder der privilegierten Generation der Kriegsjahre die sozialwissenschaftlichen Interpretationen ("neuer Sozialisationstyp") verpasst, schönen Dank auch. - Freundlicher könnte man fragen: Wie wird sich eine Gegenöffentlichkeit (die sich immer sehr viel separater versteht und verstehen muss als sie wirklich ist, alles kurzfristige Glück von Schließungen ungeachtet) kompensatorisch ausprägen? Also wenn bestimmte "alternative" Bereiche einen widerwärtig klebrig anmuten, was spiegeln sie so wider?
"...weil er sich wie ein Verlierer fühlt" - einerseits ist dabei an historische Erblasten zu denken, andererseits hatte es seinen nicht geringen Realitätsgehalt. Und Wettbewerb, was für Wettbewerb, hierzulande, oder in Europa überhaupt - wie sang seinerzeit Jacques Prévert? "Geh nicht hinein, es ist alles abgekartet, er wird nicht mit dir boxen, er wird dir in die Eier treten und dann wird man ihn zum Sieger machen ..." [Le combat avec l'ange] - War vielleicht öfters mal besser so, nicht hinein gegangen zu sein in solche Veranstaltungen.

17 - Darf man soufflieren: Hie die Kritische Theorie, da Bhagwan Shree Rainesh? Alles Massenphänomene unserer gelebten Erfahrung.

18 - Geschwätz von jemand, der keine Ahnung hat? Ja, könnte man sagen. - Dennoch: Es bestehen einerseits Defizite an Klarheit und Deutlichkeit, das, was an "moderner linker Philosophie" (erspare man sich Namen) eben gerade rational (nun ja) und hart ist, auch ggf. an Leute zu verklickern, die andere Diskurse gewohnt sind. Und Wildwuchs auf tausend Ebenen, den gibt es wohl auch.
Wahrheit jedenfalls - scheiden, schneiden - tut weh, ist entsprechend unbeliebt. Da gehen die Spekulationen auf Motive vielleicht nicht so gar fehl (wären natürlich noch großzügig zu ergänzen). Dass dann ausgerechnet Geisteskrankheit und Intelligenztests als Beispiele herangezogen werden - aua! - ist unglücklich, während der Verweis auf Soziobiologie und evolutionäre Psychologie schon durchaus würdigere Objekte packt. Irgendwann wird es zu derartigen Thesen heißen: Ist doch einleuchtend, haben wir doch immer so gesagt. Nein: habt ihr nix von wissen wollen (und damit auch Charlatanen Spielfelder eröffnet).

20 - Masochistische Tendenzen: Ist ja schon öfter beobachtet worden; rein sein, Opfer sein, nicht Täter, noch nicht einmal Mittäter; in Deutschland aus offensichtlichen Gründen noch naheliegender als anderswo.

21 - Die Beispiele sind unglücklich, vergessen wir sie, ersetzen sie durch solche aus unserer Erfahrung. (Natürlich steckt hinter aggressiven Forderungen z.B. nach Quotenregelungen ein - hirnrissiges und erfolgloses - Rechnen auf ein Nachgeben des Gegners aus Scham - aus einer Scham, über die man selbst natürlich programmatisch hinaus ist. Das hätte gerade für Deutschland interessante Perspektiven zum weiterdenken; in Abschnitt 26 ist enthalten, wie man auf so etwas überhaupt kommen kann.) - Gut, ein bestimmtes Maß an Zoff muss sein, sonst bewegt sich gar nichts; aber wenn man kleine reformistische Ziele hat, muss man auch im richtigen Augenblick geschickt verhandeln und abkassieren. Hier beobachtet der Autor zweifellos etwas Richtiges. Statt dessen findet man meist die Menschen, die vordringlich recht haben und behalten wollen ... - Wer jetzt an Fundis und Realos denkt, muss allerdings hinzunehmen, dass sich dort Leute zusammengesellt hatten, die nie die gleichen Ziele hatten.

22 - Unter dem deutsch-sozialdemokratischen Problembearbeitungsregime könnte man sagen, nicht nur um sich aufspulen zu können, sondern um daraufhin eine Stelle als Beauftragte/r herauszuschlagen. Vgl. auch 220.

24ff. - Das ganze Thema "Übersozialisierung" krankt an den unplausiblen Darstellungen der Verursachung durch Erziehung, dabei sind die Symptome freilich wohlbekannt und viel diskutiert - Ängste unklarer Herkunft, einengende Überzeugungen, "Lebensverbote" - alles geläufige Stichworte. Man machte sich dann nach und nach frei (und wie soll man sagen? Ein zielloses Vorgehen findet zum am nächsten gelegenen Ziel, entsprechend das Thema Doppelmoral (vgl. 26). Man dachte dann eben doch ans eigene Fortkommen, kriegte Kinder usw., "verriet", "normalisierte sich" unter vielen Leiden und Windungen, die man sich - realistischere Ansätze vorausgesetzt - gleich hätte sparen können.

28 und Fußnote 4 - Funktionalismus? Nun gut, lässt sich sinnvoll umschreiben und vor allem in ökonomische Kategorien transponieren. - Der Exkurs zur Familie (und zur Familienrhetorik) verliert dabei nichts.

33-37 - "Power Process" - Von der Psychologie her gesehen wäre da grundsätzlich nur ein Häkchen dahinter zu machen; Frage höchstens, warum sich der so weit verbreitete Mangel an persönlicher Wirksamkeit nicht viel stärker sichtbar auswirkt. Nun gut; es ist ja auch jede Menge Ersatz unterwegs.

39 - Das Kriterium für Ersatz - "wenn man mit etwas anderem sinnvoll zu seiner Lebenserhaltung beschäftigt wäre, würde einem dann xyz fehlen?" - stellt natürlich auch eine Art Lockruf des Naturzustands dar (von gelegentlichen Flashbacks abgesehen). "Autonomy" - es soll also nicht nur eine "Sache" geben, die mich auf Trab hält und in der ich mich als wirksam erfahre, sondern ich will sie mir auch als meine zueignen können. So identifizieren sich Leute ja auch typischerweise mit den Zielen ihrer Firma, Organisation usw., und zwar um so leichter, als ihnen möglich wird, "sich einzubringen" (über das Photo - in nicht mehr als vorgeschriebener Größe auf dem Schreibtisch - hinaus).
Dies setzt eine bestimmte (quasi "die aktuelle") Subjektivitätsform voraus; man mag die historische Allgemeingültigkeit (damit die Zuordnung zur menschlichen Natur) bestreiten. Allerdings: Stellte sich das Problem in früheren Epochen je so deutlich wie heute? Besteht eine solche Möglichkeit der Selbsterfahrung nicht, dann liegt es nahe, dass Leute sich Möglichkeiten dazu relativ wahllos schaffen, und die sind nicht immer nett oder sozial verträglich.

45ff. - Quellen sozialer Probleme - Dieser Mangel und seine Kompensationen kommen zu den ganzen anderen Faktoren noch hinzu, die man im alltäglichen Schimpfen als "keine artgerechte Haltung" zusammenfasst (47) - Bevölkerungsdichte in den Städten, Reizüberflutung / Lärm, Arbeitstempo usw. - Letzteres fehlt, hier rächt sich die Einschätzung (40, 61), Teilnahme am Arbeitsleben sei vor allem eine Frage des Gehorsams. Auch die Aufzählung der Verluste an stabilen natürlichen und sozialen Umgebungen klingt gewohnt und plausibel. (Vgl. die Anstrengungen, die Leute auf sich nehmen, um sich ein ihnen erträgliches soziales Umfeld zu schaffen; sie schaffen damit auch Verhältnisse und Netzwerke, wie es sie sonst nie gab - mit Licht- und Schattenseiten.)

51 - In eine andere Richtung - die einer gesellschaftlichen Disziplinierung geht dann in 51 die These, eine technologische Gesellschaft müsse Loyalität zum System über alles fordern und entsprechend anderweitige Tendenzen zur Individualisierung noch weiter verstärken.
Hier rächt sich die Abstraktion "das System"; es ist nur zu naheliegend, an was für "kleine soziale Gruppen" der Autor denkt, wenn er sagt, sie könnten nicht geduldet werden, er macht sich jedoch nicht klar, dass die nächste beste Firma als gerade so eine Gruppe auftritt, die primäre Loyalität von ihren Angestellten fordert und die von Fall zu Fall sich zu staatlichen Regelungen durchaus in ein gespanntes Verhältnis setzt. (Vgl. aber das Zugeständnis in 83.)

52 - Die Frage Nepotismus vs. Leistungsbezogenheit / abstrakte Maßstäbe ist ein altes Thema der Entwicklungssoziologie / -politik; die peinliche Seite dabei ist, dass entgegen der vom Autor übernommenen Vorurteile Nepotismus auch ganz leidlich funktioniert. Eine leistungsbezogene Auswahl z.B. für öffentliche Dienste wie im Westen (oder auch traditionell in China) ist nicht die einzige effektive Vorgehensweise. (Man hat hier auch an die Frage des für die Bewertung angelegten Zeithorizonts zu denken.)

56 - Tempo des gesellschaftlichen Wandels - Im Unterschied zu den eher haarsträubend schiefen vorherigen Abschnitten verdient dieser einen zweiten Blick; tatsächlich, die Veränderungen in einigen Aspekten der Lebensführung waren recht drastisch und umfassend. Viele andere Aspekte blieben zuverlässig und stabil oder veränderten sich nur langsam. Man hat also sozialen Wandel immer in Relation zu subjektiven (und in Gruppen geteilten) Konstruktionen von Alltagswirklichkeit zu sehen; und natürlich: Es macht einen Unterschied, ob man sich als Subjekt des Wandels erfahren kann oder nur als sein Spielball.

63 - Werbung, Marketing - Eine realistische Einschätzung fehlt; als Grundeinstellung würde man sich eher skeptischen Positionen anschließen, die die gezielte Wirksamkeit gering schätzen und mehr auf sekundäre Effekte (Medium einer Segmentierung in Lebensstile usw.) hinweisen. Immerhin: Was wir hier bekommen, ist einfach linke Theorie der 60er / 70er-Machart.

69 - Die meisten Menschen scheinen in der Lage zu sein, politische usw. Rahmenbedingungen wie Wetter zu akzeptieren (so lange der Lebensstandard einigermaßen stimmt); damit käme seine Folgerung - frustriert, gedemütigt, ärgerlich - in Fortfall. Was sagt man andererseits von Demokratietheorien aus dazu?

72 - Wieder das Thema "zunehmende Disziplinierung" - genau so ein Thema, an dem "etwas dran ist", aber man hätte es gern spezifischer - und eine einfache Kalkulation "stärkere Differenzierung = mehr Regulierungsbedarf" überzeugt für sich allein nicht.

73 - "Propaganda" ist ja notorisch wenig wirksam (vgl. "Werbung" oben), eine Medien- / Ideologietheorie hätte allerdings (tut es auch weitgehend) Antwort zu geben auf das Stichwort "Propaganda ohne es eigentlich zu wissen". Die Beispiele sind wieder einmal weniger glücklich gewählt. - Insgesamt bietet sich Propaganda / Werbung dem Autor regelrecht als eine elastische Vergussmasse an, mit der er Widersprüche und gegenteilige Evidenzen zuspachtelt (vgl. etwa 80-82).

74-75 - Lebensverlängerung, Fitness, Kinderlosigkeit - Hier kann man einfach nur zustimmen: Nur wer nicht gelebt hat, muss den Tod wirklich fürchten.

76 - Ein Argument in der Form "für das Echte gibt es keinen Ersatz" ist immer fragwürdig, aber in der Tat: Abenteuerspielplätze haben nur einen beschränkten Effekt.

83 - Befriedigung des Machtbedürfnisses durch Identifikation und Teilhabe - Hier wird sehr abstrakt ein gemeinsamer Nenner für sehr unterschiedliche Verhaltensweisen gesetzt; es ist dem Autor offenbar nicht klar, wie weit eine solche Identifikation (mit den verschiedensten Gruppen usw.) verbreitet ist und reicht.

87ff. - Wissenschaft und die Dynamik ihrer Entwicklung ist so ungefähr das Vorletzte, für was man eine psychologische Deutung oder Erklärung haben möchte (auch wenn es natürlich, in manchen Diskursen, durchaus eine grundsätzlich "männliche" und grundsätzlich "weibliche" Wissenschaft gibt). Entsprechend enttäuschend fallen die Aussagen hier denn auch aus.

99ff. - Prinzipien der Geschichte - Wie der Autor seine Überlegungen präsentiert, zeigt deutlich, dass seine zu Grunde liegende Gesellschaftsmetapher die eines dynamischen, multistabilen Systems ist. Es gibt bestimmte Trends, diese fungieren als Attraktoren, nur eine erhebliche Störung kann zu einem Wechsel des Attraktors führen (und das Ergebnis ist in der Regel nicht vorhersehbar). Die Folgerung, Gesellschaften seien nicht planbar und Ergebnis einer offenen sozialen Evolution (106) ist zwar plausibel, aber auf der hier vorliegenden abstrakten Ebene nahezu wertlos. Ja klar, so planbar wie der Bau eines Hauses (max. 0,5 cm Toleranz) ist eine Gesellschaft nie. - Eine schöne Beobachtung am Rande, dass das Korruptionsniveau relativ stabil zu bleiben pflegt; ähnliches lässt sich tatsächlich auch auf andere Reformen bzw. Reformbewegungen beziehen. Wo also grundsätzliche Veränderungen vorgekommen sind - quasi, wenn man den schwer zu operationalisierenden Ausdruck nicht scheut, Veränderungen am Nationalcharakter - wie und auf Grund welcher Erschütterungen geschah das? Hier immer und in jedem Fall von einer "Revolution" zu sprechen, ist reichlich leichtfertig und lässt eine tautologische Begrifflichkeit vermuten.

111 - Reformunfähigkeit - Was einem spätestens bei der Schlussfolgerung, die industriell-technische Gesellschaft könne nicht durch Reformen überwunden werden fehlt, ist ein Hinweis darauf, wie Technologie und Disziplinierung - Einschränkung der Freiheit - verknüpft sind. Das beste, was der Autor uns bislang geboten hat, ist der historische Verweis z.B. auf die Stadtstaaten der Renaissance (95) - es gab keine Mittel zu Kommunikation und Überwachung, daher war es leicht, einer Disziplinierung aus dem Wege zu gehen. (Dies übrigens in Gegensatz zu der prinzipiellen Bestimmung "niemand habe Macht über die Menschen" von Freiheit in 94.)
Man könnte hier denken an die mannigfachen Interdependenzen und an die extrem langen Handlungsketten in modernen Gesellschaften; man könnte von daher auch fragen, inwieweit eine Vernetzung (wie sie heute informationstechnisch realisiert wird) ein unausweichliches Ziel der gesamten modernen Technologie darstellt. Wenn sich dies (plausibel wie es oberflächlich scheinen mag) nicht feststellen lässt, gäbe es (entgegen der Beweisabsicht des Autors) Anstoß zur Erörterung und Bewertung von Reformstrategen (im Sinne von Lokalisierung / Regionalisierung und Entschleunigung). Man kann hier auch schon verweisen auf die Behauptung (121, 200), die moderne Technologie sei ein "einheitliches System", die zumindest extrem oberflächlich und vermutlich auch falsch ist. Einheitsstiftende Elemente wie Energieversorgung oder Informationstechnologie wären jeweils spezifisch zu erörtern.
Der genau unter dieser Behauptung antretende folgende Abschnitt (114ff.) kommt dieser Forderung jedoch nicht nach - zu kurzsichtig konzentriert er sich auf das Muster "Erziehung zu naturwidriger Lebensweise, weil das System eben so-und-so erzogene und ausgebildete Menschen braucht". Daran ist eine ganze Menge falsch - die Konzeption, das System fordere irgendwie und habe so direkte Wirkungen, unterschlägt jede Menge von Vermittlungsschritten und von in ihrer Abfolge auftretenden Widersprüchen; ferner lässt sich eine naturnahe Lebensweise nur sehr schlecht bestimmen - auch im Falle der als Beispiel herangezogenen Indianer erfolgte natürlich eine Sozialisation hin zu einer der gegebenen Produktionsweise entsprechenden Ausprägung von Kenntnissen, Fertigkeiten, Werten usw.
Wichtig hingegen - und man darf die Liste der gesellschaftsschädigenden Gruppen hier nicht verübeln - die Feststellung (116), dass es eine Vielfalt von Widerstandsformen bzw. von widerständigen Erscheinungen gibt, die sozusagen entropisch bei der gegenwärtigen Produktionsweise unvermeidlich anfallen. Dies schränkt auch die Wirksamkeit von Propaganda (ein widerkehrendes Problem für den Autor) erheblich ein - sie ist, wie wir es ja übrigens bei der Abfalltrennung täglich in unserem eigenen Hinterhof erleben, nie so effektiv, wie es aufgrund der technischen Gegebenheiten nötig wäre.

121ff. - Mit Technologie kommen Disziplinierungen, Freiheitseinschränkungen. - Die allerdings fühlbar werden nur durch das erhöhte Tempo der technischen Veränderungen, das keine Zeit für "sanftere" Adaption lässt. Auch der Umgang mit Pferd und Wagen wollte gelernt sein, hatte seine Regeln.

129 - "Technischer Fortschritt ist unumkehrbar" - Es wird uns - spätestens wenn die fossilen Brennstoffe knapp werden - sehr viel Arbeit machen, diese Behauptung als falsch zu erweisen.

140ff. - "Eine Revolution ist einfacher als eine Reform" - Nachdem der Autor gerade noch darauf bestanden hat, dass eine rational-planende Gestaltung von Gesellschaft unmöglich ist (136-139; vgl. schon 100-106), begibt er sich nun in die Schwierigkeit, Revolution als etwas von Revolutionären, von Subjekten bzw. einem Pseudo-Subjekt gemachtes betrachten zu müssen - und die Chancen dafür wären natürlich analog ganz genauso als schlecht einzuschätzen (vgl. auch 167, 189). "Unter geeigneten Bedingungen werden sich eine große Zahl von Menschen leidenschaftlich an einer Revolution gegen das industriell-technologische System beteiligen" (141) - und dabei hoffentlich ihren lokal bezogenen Sachverstand einbringen; nur dann könnte die These plausibel werden.

143ff. - Verhaltenssteuerung - Gesellschaften erzeugen (aus einer Vielzahl von Gründen) Druck; dieser Druck findet seine Grenze an bestimmten Konstanten der menschlichen Natur, geht er über das so gegebene Maß hinaus, dann hat er vielfältige negative Auswirkungen. Es wird also eine Art Regelkreis vorausgesetzt, der gesellschaftlichen Druck in relativ erträglichen Grenzen hält. (Historisch ist hier vor allem einzuwenden, dass es trotz eines insgesamt absehbaren Rahmens der gesellschaftlichen Lebensprozesse doch keine zuverlässige Stabilität gab, man denke an Naturereignisse (wechselnd ausfallende Ernten, Brände, sonstige Katastrophen), Kriege usw. Es ist in nichts vergleichbar mit der Neutralisierung von natürlichen Einflüssen, wie man sie seit dem Ende des 19. Jh. kennt - "Es ist kalt im Mai? Na, dann drehen wir doch die Heizung an.")
Heute seien in erheblichem Umfang neue Mittel der Verhaltenssteuerung hinzugekommen: Psychopharmaka, die Unterhaltungsindustrie, Psychotherapie; Sozialarbeit und Beratung der verschiedensten Art, pädagogische Techniken. - Dies trifft zweifellos zu und die einzelnen Formen der Verhaltenssteuerung wären jeweils für sich zu erörtern und hinsichtlich ihrer stabilisierenden Wirksamkeit recht unterschiedlich zu bewerten.
Gerade aber die gezielteren Eingriffe (für die man, im Unterscheid zur globalen Wirkung des Fernsehens etwa (vgl. 156), auch genauere Wirksamkeitskriterien hat) scheinen generell überschätzt zu werden. Eine Argumentation "ohne Prozac (ohne xyz-Beratung, ohne Psychotherapie, usw.) wäre alles noch viel schlimmer, was die Liste der Stress-Symptome angeht" kann ja nicht so richtig überzeugen. Andere Mittel bzw. Medien der Vergangenheit sind übrigens auch stark in den Hintergrund getreten (und nicht beliebig reaktivierbar) - religiöse Prinzipien der Verhaltenssteuerung, Rituale, physisch-sportliche Spiele, Alkoholkonsum, Kartenspiele, Hausmusik usw. All das nicht so unwirksam, wie Fußnote 27 es behauptet.
Es fragt sich angesichts dieser Erfahrungen, was von der hier zum wiederholten Male geäußerten (und ja auch sonst recht verbreiteten) Befürchtung zu halten ist, es werde durch Gentechnik eine neue Qualität der Anpassung der Individuen an die Gesellschaft und an ihre Technologie geben. Der Autor erkennt zwar Regelkreise und adaptive Mechanismen, aber er traut ihnen nicht viel zu; das enthält gewiss auch Elemente von Wunschdenken. Eine teilweise Plausibilisierung liefert 153 mit dem Verweis auf das Tempo der gesellschaftlichen Veränderungen.

153 - Stichwort "rapid evolution" (vgl. 178); also die Überlegung, dass schon gegenwärtig biologisch-evolutionäre Anpassungsprozesse spontan ablaufen, deren Ergebnisse jedoch in keinem kompatiblen Zeitrahmen zur gesellschaftlichen Entwicklung stehen können. Das hat man zweifellos ernst zu nehmen. Hier stellt sich außerdem die Frage, an was man sich - angesichts der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Lebenssituationen in modernen Gesellschaften - überhaupt anpassen könnte; ferner sind grundsätzliche Trends eher auf eine Stagnation oder sogar einen Rückgang der Bevölkerung ausgerichtet, was evolutionäre biologische Adaptionsprozesse erschwert.

162 - Die Zusammenbruchsprognose erscheint auf den ersten Blick erschreckend simplistisch. Was kann man zu ihrer Rettung vorbringen? Natürlich vollzieht sich gesellschaftliche Entwicklung als Verschiebung von Fließgleichgewichten, mit gelegentlichen größeren Umschlagspunkten. Es werden sich also - gerade wenn man der vorhergehenden Argumentation des Autors bezüglich einer inkrementellen Einführung von Techniken usw. folgt - immer irgendwelche "passenden" Ordnungsstrukturen herstellen (mit einer gewissen Unschärfe und tolerierbaren Fehlerhäufigkeit); sie mögen ansonsten auch recht unerfreulich ausfallen. - Altertümlich anmutende Frage: Bis wohin können sie mit der Art verträglich sein, in der eine Gesellschaft ihre Lebensgrundlagen produziert? (Hier die Fragen einer Unterbrechung von Produktionsketten bzw. der Unzuverlässigkeit von Vernetzungen usw.)

163 - Entscheidende Wendepunkte liegen immer jetzt oder in naher Zukunft: Das ist jenseits aller Begründbarkeit ein narrativer Zwang, vor dem man sich in Acht nehmen müsste. - Technik habe ein inhärentes Ziel, nämlich eine vollständige Kontrolle / Steuerung über alle lebensrelevanten Parameter, dies falle mit den psychologischen Bedürfnissen der Techniker zusammen (164). Es fällt schwer, diese These auch nur in eine erörterbare Konkretion zu überführen. Kontrolle ist kein Selbstzweck; ihre Notwendigkeit lässt sich leichter behaupten (vgl. "Der Atomstaat") als plausibel machen. Immerhin: Hat Technik überhaupt inhärente Ziele, und wie sehen sie aus? Diese Frage lohnt sich durchaus weiter zu verfolgen (auch wenn ein erster Schritt dabei eine Differenzierung des Begriffs "Technik" sein müsste - trotz der in 200 und 196 thematisierten Vernetzungs- und Systemaspekte). Ebenso - und genauer als der Autor es tut - die Frage, welche Gefühle sie anspricht und bindet.

171ff. - Die Zukunft - Diese Szenarios führen näher besehen rasch auf adaptive Grenzen, die vom Autor übersehen oder jedenfalls nicht thematisiert werden.

176 - "Dienstleistungssektor" - Dieses ärgerliche Missverständnis findet sich weit verbreitet auch in zahlreichen politischen Äußerungen von Leuten, die es zweifellos besser wissen müssten. Zur Klarstellung: Was sich als Dienstleistungssektor darstellt, sind zu wesentlichen Teilen Bestandteile von Produktionsprozessen, die aus diversen Gründen verselbständigt wurden, ihnen aber unverzichtbar angehören und ihnen zugerechnet werden müssten (wie die Wartung von Maschinen usw.).

180ff. - Strategie - Eine Parade im Kern bekannter Argumente mit einigen traurigen Wiedererkennungen. Bemerkenswert, dass der Autor einerseits darauf pocht, die Geschichte und die Trends der gesellschaftlichen Entwicklung auf seiner Seite zu haben - welchen Bedeutung hat dann revolutionäres Handeln noch? In diesem Zusammenhang dann auch relativ unvermittelt die Idee, es könnte einen schrittweisen oder jedenfalls langsamen Übergang geben (189).

190ff. - Die alten Bekannten, der Haupt- und die Nebenwidersprüche ... und die Letzteren sollen warten ... (vgl. 200).

194 - "Eine grüne Partei" - Dilemma des Reformismus, wird soeben einmal mehr gespielt. Dies hat interessante Implikationen hinsichtlich des Begriffs der Herrschaft und führt auf Widersprüche zu den sonstigen Aussagen betr. Verhaltenssteuerung.

196 - Globalisierung ist gut - denn sie macht das System verletzlich; in einem gewissen Maße ist dieses Argument unbezweifelbar.

204 - "Revolutionäre sollten so viele Kinder wie möglich haben" - traurig aber wahr; und schließlich gehört es zu einer naturgemäßen Lebensweise dazu, ist es unser genetischer Auftrag.

207ff. - Zwei Arten der Technologie - Gegenteilige Argumente in 129 und noch in 203; der Autor kommt jetzt (endlich) darauf zu sprechen, dass Technologie kein geschlossenes Ganzes ist. Kriterien für eine Unterscheidung zwischen "kleiner" (small scale) und "großer" Technologie fehlen allerdings und sind wahrscheinlich auch kaum zu finden.

213ff. - Gefahren der linken Ideologie - Auch wenn die Konzentration des Autors hier nachlässt, so ist doch der Punkt, dass linke (sozialdemokratische) und libertäre Strömungen unvereinbar sind, nur zu deutlich. Man darf vom Autor nicht erwarten, dass er einem die Gründe dafür darlegt, nicht umsonst beruft er sich dann in 231 auf seine Intuition. Für eine wirkliche Erklärung der von ihm richtig erfassten Unvereinbarkeit müsste man den vorliegenden Rahmen verlassen. Die sozialdemokratische Linke hat heute ihren historischen Auftrag weitgehend erfüllt und dabei ihre genuine Kraft erschöpft; die Welt ist in ein interdependentes Beziehungsgeflecht verwandelt. Menschen, die an linker Ideologie ihren Lebenssinn fanden (man mag dies als Ersatzreligion bezeichnen; m.E. besser nicht), werden zunehmend enttäuschter werden, und einigen wird auch eine Neuorientierung zum Besseren, weg von ihren engen Deutungsmustern, gelingen. Hoffentlich. Zwischenzeitlich wird man sich immer wieder gegen verwaltende Übergriffe zu wehren haben.

219-220 - Linke sind nie zufrieden, ziehen von einem Thema zum nächsten - man hatte ja Gelegenheit, es mit anzusehen, gelegentlich auch die Gedankengänge mit zu verfolgen, die für Themenwechsel leitend waren. Der Autor stellt es nur einfach fest; wie könnten Erklärungen dazu aussehen? Erstens so, dass die Bewahrung der leitenden Emotionen (darunter eines verschrobenen Machtgefühls, eben einer ersatzhaften Realisierung) genauso wesentlich ist für die Beteiligten wie dass eine "Bewegung" (mag sie noch so ein loser Zusammenhang sein) unvermeidlich ein institutionelles Selbsterhaltungsinteresse entwickelt. Man könnte auch den Verweis auf einen falsch verstandenen Begrif von "Hegemonie" hinzufügen, denn sich überall einzumischen und zu allem seinen Senf dazu zu geben war nie darunter verstanden worden. So reißt die Linke allerlei auch von unten entwickelte Konsense und Gewohnheiten auf - Modernisierungsagent, wie man sie kennt und fürchtet - und hinterlässt dann das Feld der Verwaltung. "Eure Kinder sind nicht eure Kinder" - man kennt ja den beliebten Spruch - "nein, sie gehören dem Jugendamt": So das Resultat, auch wenn es subjektiv vielleicht gar nicht so intendiert war. Dito Umwelt und vieles mehr, was jetzt Ämtern gehört. Und schließlich gab es auf jedem neuen Feld, dessen sich die linken Bewegungen angenommen hatten, auch das eine oder andere zu ernten und zu ergattern. - Nur in der Perspektive einer Verelendungstheorie kann man über die Leistungen der Linken (in Deutschland und wohl auch den USA) erfreut sein; wer sich noch an die antiautoritären, kulturrevolutionären Anfänge der "Neuen Linken" erinnern kann, wird ein gewisses Gefühl von Scham nur schwer loswerden.

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