Vernunft oder Instinkt?

von ROBERT MÜLLER

Motto: Wir bekennen uns zu dem Geschlecht,
Das aus dem Dunkeln ins Helle strebt. Goethe.

Asien zeugete Buropa, Europa zeugete Amerika. Es ist die Genealogie der Funktionswerte. So liegt Europa zwischen Amerika einerseits, Asien anderseits, und die Gefahr ist groß, daß seine eigene [7] Entwicklung, die auch die unseres Planeten ist, durch die Elephantiasis von Nebenbestandteilen der Menschheit geschmälert werde. Um den Amerikanismus, Hybris und Hydrokephalie des Glaubens an menschliche Errungenschaft, zur Schrumpfung zu bringen, wird auf die Dauer des nächsten Jahrzehntes eine Art »Konträramerikanismus« verwendet werden müssen. Konträramerikanismus ist im ungezwungenen Sprechstil etwa durch die Haltung gegeben: Na, na, oder: Auch diese Suppe wird nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht ist.
Amerika ben Europa ist ein talentiertes Schüppchen auf dem Häutchen: Asien. Diese Einsicht ist wünschenswerte Medizin für den »Amerikaner«. Er soll erfahren, daß er von seiner radikalen Natur, die Asien, reines Asien ist, nicht loskommen kann, daß er angewachsen und durch tausend Saugröhrchen mit ihr verbunden bleibt. Aller Fortschritt ist nur eine Schnecke, die über diesen nährsamen Grund dahinkriecht. Auf der andern Seite aber äußert sich an dem heutigen Europäer – auch an dem geographischen Amerikaner – ein böser Asiatismus, eine Lust zum Rückfall in den Djungle. Gegen ihn hilft der Konträrasiatismus: der enmaschinierte Djungle.
Der Asiatismus drückt sich im Leben des Europäers als ethischer Fatalismus, Götzendienst vorm Instinkte, Exotismus, Verketzerung des Intellekts und alles jene aus, das sich unter dem literarischen Schlagworte »Tiefe« begreifen läßt. Es gibt zwischen 1890 und 1920 eine Generation, die, nach den eisigen und harten Temperaturen jenes Zeitalters, als deren repräsentative Männer Bismarck und Nietzsche auftraten, sich nach Lauheit sehnt, nach einem gut gewärmten Hintern-Ofen-Dasein. Die Vernunft war ihr plötzlich zu kühl, die Willenskraft zu wenig lustspendend, die Kraft ein zu karges Lebensgefühl, da stürzte sie sich selbstverloren, traumheischend, singsingend in die Tiefe, ihre Dichter und Künstler kamen und verkündeten sie. In dieser Zeit entstanden Gedichte, Romane, Dramen, in denen Sehnsucht nicht war, aber etwas saß da wie ein unfruchtbares Weib, hieß Sehnsucht und fing Sehnsuchten wie Fliegen an der Mauer weg. Asche gewordene Leben wollten entglimmen und harrten, bis Feuer vom Himmel fiel. Leidenschaften legten sich hin und starben, ihre Gräber aber standen auf und trauerten um sie, die knöchernen Tränen, die fielen, waren Kapseln, in denen die Tiefe verschlossen lag. Ein Krater blies dünnen Rauch empor, um das Wallen anzulocken, er blieb leer und wollte trotzdem kein Berg sein. »Wir haben kein Gefühl, wir haben keine Triebe, die Reflexion hat sie ertötet, dreimal vermaledeites Unheil des Denken- und Wollen-Müssens« kreischten die Menschen und Prozessionen taubgefühlter Schädel steinigten sich die Bußetreppen der Tiefe hinab. »Ei, so habt ihr [8 | 11] Gehirn!« ward ihnen zur Antwort. Da streckten sie die Hände flach, hart in Entsetzensabwehr und schrien das Wehe! Wehe! über die Vernunft, bange derer Helligkeit.
Es ist nicht die Tiefe des Blickes nach oben, die sie meinen, der unerhörten Sehschärfe, jener acies oculorum des Goten, die sich zu Fernrohren und Mikroskopen verkörperlichte. Es ist nicht die unerhörte Klarheit und Durchdringungskraft des geistigen Gesichtes, sondern dessen Vermummung in die milchigen Nebel eines materiellen Mystizismus. Dieses Negativ ihrer Nasenspanne mit der unbekannten Größe der Nebularwelt dahinter nahmen sie vors Antlitz und waren glücklich. Tief aber ist der Asiate, denn ihn regiert der Instinkt, die mystische Emotion, der Schreigesang der inneren Münder, und alles geht ihm wollüstig hinter dem weißen Flor vor sich. Dieser Flor, den der Europäer eben verloren hat, ist das angenehme Gespenst, das der Verlustgänger um die Geistesmitternacht aufsucht, es ist die Tiefe der Nibelungen, der zwergischen Götterwelt des Wünschens und Wollens, des dummen, leidensseligen Schuftens und der Kulimusik, die seine Höllenfahrt aufsucht. Der Gote aber rang mit diesem Geschlecht der primitiven Tiefen, das an Ecken und Enden mit Fußangeln ihm auflauerte und gnomengrinsig zwirbelig aus dem Boden wuchs.
Der Rückzug in den Instinkt, in die Leidenschaft, das Gefühl und die Sehnsucht ward vor zehn Jahren allgemein von den Künstlern und ihrem Gefolge angetreten. Aber der Instinkt wird nur für die Frigiden das bewußte Ziel und nur der Eunuche liebt die Geste der Leidenschaftlichkeit. Für den Feurigen ist stets der Intellekt Wohltat gewesen und tendenziös errichteter Willensinhalt. Die letzten großen Werte im Leben und in der Kunst werden vom Bewußtsein und vom Willen ausgearbeitet, aber das Bewußtsein und der Wille sind freilich nirgends groß, wo die elementaren Triebkräfte fehlen. Amerika ist klein, wenn Asien nicht voller Reize steckt, aber ein gut erblühtes Asien im Fleische liefert jene Kräfte, die dagegen ins Feld ziehen und dem gotischen Intellekt gegen den asiatischen Instinkt zum Siege verhelfen. Der Asiate ist auch im Kulturmenschen das Primäre, aber seit dem alten Juden ist er einmal und immer wieder überwunden, und taucht als atavistischer Typ auf, um neuerdings überwunden zu werden. Als die Juden Christum kreuzigten, ohne Verständnis für die Realität seiner Gleichnisse zu finden, verloren sie ihren Beruf als Europäer und erlangten ihn erst wieder, als sie sich zu den Goten bekannten. Christus und seine Vorgänger, die Propheten, lehrten das Bewußtsein. Die ungeheure Sache der begrifflichen Abstraktion wurde damals geboren. Mit Hilfe dieser Abstraktion konstituierte sich die [12] Wissenschaft und diese gestaltete die Erdkruste gründlich um, schuf neue Formen, Lebensmöglichkeiten und Energieen. Und doch, das große am Bewußtsein ist nicht, daß es die erkenntnistragende, sondern daß es die ethische Instanz ist. Wie und was die Welt ist, ist unserm dynamisch oder sensuell erfassenden Apparat zur Einsicht nicht gegeben, besser denn in der Erkenntnis ist die Welt in der Tat, welche gleich ist dem Ethos, verglichen. Das aber nur ist Tat, wo blanker Wille war.
Jung sein, heißt reifen wollen; das erst macht den jungen Mann aus, daß er über sich hinaus will. Auf den Straßen, in den Kaffeehäusern, in den Theatern und den Hochschulen aber begegnet man einer Jahrmarktsjugend, einem Mast-Jungsein, einer hypertrophischen Pubertät, die das Kalt- und Klugwerden mit Entsetzen und Unverständnis von sich fortschiebt, denn es ist ihr nicht Errungenschaft und Wohltat. Sie hat keinen heißen Kopf und keine glühende Seele zu erziehen, sie ist unbegabt an Jugend und darum geht sie nicht über sich hinaus, sondern hinter sich zurück und heischt den Zucker des Wahnsinns und den Träufelmet der libidinösen Zuckungen, und wähnt die reine Poesie der Kleinskind-Unverantwortlichkeit schon zu erreichen, wenn sie die Prosa des Mannes nicht akzeptiert. Diese Jugend hat genau die Fistelstimme, die aus dem Kommando asiatischer Wirtschaft ertönt, und der Eunuche, die hohle Fülle, die Unfruchtbarkeit inmitten von Vegetarismen, greint in ihr über die Potenz und darf sich für das gottgefälligere Wesen halten.
So ist Europa das Medium zweier Strömungen: des Amerikanismus und des Asiatismus. Da ist es Zeit, daß wir uns auf unsere Selbstständigkeit besinnen. Amerikanismus ist zu vertiefen, zu vergraben wie eine ungediehene Wurzelfrucht; Asiatismus ist zu heben wie ein Schatz, an dem Würmer wüsten. Und während wir europäische Schatzsucher mit diesen beiden Zielen vorm Auge unser Stück Arbeit tun, werden wir, wie unsere Kollegen im Gleichnis, erst auf unsern wahren Schatz stoßen. Viele gute, dunkle, trächtig-niederträchtige Dinge sind in uns, Lüste einer perfiden und großartigen und schöpferischen Schönheit; Leidenschaften, die unsere Mütter und Väter übten, ein verbissenes Wollen, das sich wider die klarsten Erfahrungen unseres eigenen kurzen Lebens durchsetzt. Aus diesen Fonds mögen wir schöpfen mit dem Gefässe, das gestaltet und dieses Gefäß mag das Bewußtsein sein. Die Wissenschaft und das Einmaleins lösen unsere zum Fragezeichen in der Qual gekrümmten Gehirne nicht aus der Starre. Die asiatisch tiefstehende Hingabe an die Autorität der Stimmungen, der opiatischen Einfälle und wanzengesichtigen Triebe aber sollten wir stolz leugnen. [13]
Die Kunst ist von Lüderlichkeiten und tropischer Wachswut und Schlemmerei verseucht und das firnblanke nochstirnige Gotengenie geht langsam zugrunde. Das ist nicht Jugend, was sich im Djungle der eigenen Herkunft verheckt und verhockt. Jugend und Europäertum ist, was die alten starken Spannungen des asiatischen Erbteils im Menschen durch das Bewußtsein hervorholt und zum Nutzen aller, nicht zum Vergnügen eines Einzigen, arbeiten läßt.
Konträrasiatismus, das ist die Trockenlegung hinter den Ohren, die Entsumpfung, die Gestaltung aus der Tiefe: Asien.