(Aus dem Nachlaß)
Die Romantik der modernen naturalistischen Weltanschauung gipfelt in dem Begriffe der Organisation, im Heros des Organisators, in der Ästhetik des Technischen. Gruppierung, Abhängigkeitsfunktion, Beziehung ist nicht nur konstitutiv, aufbauend, sie wirkt auch dekorativ. Die Freude am Ornament des menschlichen Zusammenhangs ist ein naiver ästhetischer Genuß, ist ein Primitivismus, eine atavistische Anwandlung. Die Freude an dieser »Kunst der Organisation« beherrscht den heutigen Durchschnittsmenschen mehr als an jeder anderen Kunst. Nichts kann die Sensationen und Lüste dieser Ereignisse spenden, kein mitklingender Nerv kann so sehr gereizt, keine verfügbare Idiosynkrasie so hochtonig angeschlagen werden, wie die Wirkungen dessen, das aus dem Rhythmus des Sozialen stammt. Ein Rausch der Ordnung, Verordnung, Überordnung, sogar der Konterordnung (Streiks, Revolutionen) hat diesen Menschen gepackt. Keine Musik kann ihn so ergreifen, wie der Takt aus dem Marsch vieler, die Pace der Trommelschritt von Heeren, Massen und [1085] Gegenmassen. Das bezieht sich auf das Kleine wie auf das Große. Der Begriff zwischen Organisation und Kunst selbst ist verwischt. Hohe Intendanzbeamte werden mit den weitestschauenden künstlerischen Vertretern der Menschheit verglichen; all das ist mehr als eine Metapher, ist Gleichsetzung, Folge eines Mittönens und ist, wie gesagt, die merkwürdige Idiosynkrasie dieses Menschen von heute. Auf der andern Seite ist die Nachfrage nach einer gewissen exakten, technisch herstellenden Art von Literatur und Kunst ins Anspruchsvolle gestiegen. Romanmaschinen haben Kolossalabsatz gefunden. Gegenstand dieser Romane selbst wieder ist das Hohe Lied auf die Mechanik und auf den Ingenieur. Die Wage ist ein Harmonium, der Hebel Anschauungsmodell für den Geschmack, das »Rad« von Joh. V. Jensen in einem köstlichen Romandaimler zum Symbol alles Geschehens erhoben, ist kreisrunde Weltanschaulichkeit. Die Brooklyn Bridge macht zumindest ebenso erschauern wie der L'homme au nez cassé des Rodin. Ich weiß nicht, ob Johannes V. Jensen dies behauptet hat, er ist Tatsachenmensch und sichert sich vor psychologischen Ausdeutungen gern ein Alibi. Aber er könnte es jedenfalls behauptet haben. In einer Art von moderner Musik wird die Instrumentation gebaut, man tut mit dem Ohr einen Blick in eine laufende Fabrikhalle, in manchem Sinn; wenn diese Entwicklung weitergeht, wird sich der Dirigent in zwanzig Jahren in einen Brigdegeneral und die musikalische Erfindung in eine Taktik mit Feuerduell, Schwarmausbildung und Höchstentwicklung der Geräuschwaffe verwandelt haben. Die Malerei baut ihre Gesichte aus einer Art kosmischen Steinbaukastens heraus auf; die Plastik sucht den praktischesten spindelförmigen Ausdruck des in ihr Ausdrückbaren; das Theater kommuniziert mit dem Kino. Der Kinoschauspieler, ein Sammler seiner besten Momente in gelungenen Aufnahmen, nimmt dem Kollegen von der Bühne Ruhm und Honorar weg, wenn er nicht im Nebenberuf dieser selbst ist. Der Operateur, der auf ihn anlegt und von dem kunstnahe Finger- und Augenfeinheiten ausgesagt werden, ist eigentlich ein Meisterschütze. Und schließlich, wo auf der Bühne nicht von Kinoschauspielern Kinostücke gespielt werden, herrscht der Regisseur vor, hochstehender Auslagenarrangeur, Reklamesucher der Akzente, Licht- und Farbenrhythmiker, aber nicht als Melodiker, sondern als Instrumentalist, Poiret des Stationären-Anorganischen. Dann sind Variationen und Perturbationen möglich: instrumentale Lyrik (Futurismus), filmöse Plastik (Futurismus), kinetische Malerei, Simultanismus, Musikprosa usw.
Ich bin der Letzte, der uns dies alles übel nimmt, und es würde auch keinem von uns helfen, daß die Übertreibung die Parodie erleichtert, und daß das Großartige mit dem Zaghaften in derselben Wagenklasse fährt, knistert in den Binsen. Die immer menschliche Aufgabe ist es, zum Bewußtsein des Vorganges zu kommen, ihn zu beherrschen, ihn zu veredeln.
Am krassesten tritt die Organisationsmanie und die Überschätzung des Organisators als des großen Genies in den menschlichen Beziehungen hervor. Ist Organisieren, ist das Talent dazu nicht eine Tugend? Mag Einer an Allem ermangeln, wenn er »organisatorisches Talent« hat, ist ihm vieles verziehen, auch daß es ihm an der menschlichen und charaktermäßigen Beziehung dazu fehle. Die richtige Erkenntnis, daß die Menschheit der Organisation bedürfe, um allgemein und persönlich fortzuschreiten, hat zu dem Trugschluß geführt, daß jedes Organisieren schlechthin Ausfluß der Naturnotwendigkeit und mithin eine [1086] Art religiösen Aktes sei. Organisatorisches Talent ist vielleicht eine Tüchtigkeit, aber noch immer keine Tugend. Der Organisationsbazillus entstand in Amerika und in Neudeutschland. In Amerika zeitigte er jenen berüchtigten Taylor, in Preußen die modernen Gesellschaftslehren, die sich für den Bienenstock eignen mögen, die aber das Wesentliche im Menschen verletzen, von dem das Christenwort geht: Was hülfe es einem, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Die Welt ist mittels Organisation zu gewinnen; für die Organisation als letzte Weisheit und gefeites Sakrament treten die Annexionisten des Lebens ein, die Nichts-als-Annexionisten, die Wachstumswüteriche, die Habebalds und Haltefeste aus dem Faustgedicht. Was aber bleibt in ihrer Hand? Wozu ist all dieses Organisieren nütze? Wen hat es nun schon glücklicher und besser gemacht? Die im Menschen schlummernden Kräfte brauchen die Organisierung, um ihm dienstbar zu werden; die Beziehungen zwischen Menschen sollen durch Organisation bereichert und ausgeschliffen werden. In ihrer heutigen Form aber hat die Organisiertheit nicht die Verfeinerung, sondern die Verrohung dieser Beziehungen zur Folge gehabt, die Ausschreitung der laufenden Politik. Das Massenschwungrad der Völkermaschinen ist nicht mehr zum Stillstand zu bringen. Es liegt eben ein Kurzschluß vor, eine langmütige Gutgläubigkeit der Menschen. Nicht um die sinnlose, wenn auch noch so raffinierte und ins Vieldimensionale gehende Organisierung von Menschen kann es sich handeln; nicht die den Menschen nichtachtende Unterwerfung unter die Satzungen neuer Gesellschaftsapparate ist das Heil, das aus dem Vorbild der Maschine erwartet werden darf. Zeitgemäß und fruchtbringend ist die Organisierung des Menschen und der Menschheit. Den Schlüssel zu einer Anordnung der menschlichen Fähigkeiten zu finden, der Hierarchie zwischen Geist und Praxis, das wäre die Zeittat, die vom Ingenieurmenschen gefordert werden darf. Die maßlose Annexion ins Materielle muß bekämpft, das Molochwachstum der aufs Greifen gerichteten Menschenmaschinen ausgehungert werden. Die Irrlehre ist uns, wir müssen es leider bekennen, von den neudeutschen Staatsprofessoren und preußischen Organisierungsphilosophen gekommen. Der Trugschluß breitet sich über die ganze Erde aus. Nicht Organisierung von Menschen also, aber: Organisierung des Menschen und der Menschheit.
Robert Müller