von ROBERT MÜLLER
Nun weiss man, was »Amerikanismus« ist. Die jungen Europäer haben das Wort in den Kaffeehäusern wie eine grosse Keuschheit ausgesprochen, die Publizisten haben es wie ein schon staubig gewordenes Laken jedesmal ausgeschlenkert, so oft drüben oder herüben ein Malheur passierte, das mit hochstelligen Ziffern, sei's Mensch, sei's Geld, zu tun hatte. »Amerikanismus« bedeutete stets einen Kulturdämon, ein wahnwitziges und lächerliches Lebensgespenst; »Amerikanismus« bedeutete stets »Millionismus«. Seit aber Roosevelt, in die Brust geschossen, eine wichtige politische Rede nicht unterbrach, weil er andere Dinge zu tun hatte, als sich um sein »bisschen Körper« zu bekümmern, weiss man, dass Amerikanismus eine ganz gesunde und schöne Sache ist, nämlich ein ausserordentlich widerstandsfähiges Nervensystem. Vielleicht gibt es auf der ganzen Welt überhaupt nur einen »Amerikaner«: das wäre dann Roosevelt. Denn Roosevelt ist nicht nur in Europa, er ist auch in Amerika ein Phänomen. Nicht alle Menschen in Amerika haben solche vorbildliche Nerven; um die Konstitution eines Amerikaners ist es im Gegen teile schlecht bestellt, der Durchschnitt leidet an Dyspepsie, an [17] epileptischen Erscheinungen, Neurasthenie und allen schwächenden Folgen. Seine Fahrigkeit gilt oft als Fixigkeit, aber sein Mangel an eigentlicher Energie bekundet sich in eben diesem sprunghaften Wesen. Gewöhnlich verwechselt man den gutgenährten faulenzerischen Yankee-Araber, der in den grossen Kulturzentren Europas nomadisiert, oder irgend einen energischen Europäer, der sich alte Arbeitsmethoden vom Halse geschüttelt, also nach Gemeinanschauung »amerikanisiert« hat, mit dem typischen Amerikaner. Aber der Amerikaner gleicht dieser Utopie eines Zukunftsmenschen gar nicht. Jeder fuchsteufelswilde und hartherzige Arnaute ist in dieser Beziehung ein besserer Amerikaner. Eine einzige Ausnahme gibt es und die heisst Roosevelt.
Roosevelt ist ein Prachtexemplar von Amerikanismus, gerade weil bei ihm die zahlenmässige Assoziation wegfällt und weil sein Zuwachs an Kräften ganz aus seiner Menschlichkeit quillt. Er ist hart und auf den Erfolg eingestellt, aber nicht wie eine stupide Geschäftsmaschine, sondern wie ein gänzlich von einer vernünftigen Idee beseelter Reformator. An ihm gibt es diese Romantugenden, die schon Alexander Dumas erfunden hat und die dem heutigen Yankee tatsächlich deswegen leicht eignen, weil er auf den Kopf gefallen und ungebildet ist, also diese verschmockte Sachlichkeit, Geldvergötterung und dieses Ueberunmenschentum nicht. Im Gegenteil, Roosevelt ist ein herzlicher, gutmütiger, lustiger Mann, der Aug und Ohr und meist wohl auch das Sprechwerk offen hat, sich für alles interessiert, zwischen allem Beziehungen herzustellen weiss und gar nicht so sehr auf die Pose versessen ist, wie man ihm vorwirft. Als er Europa vor Jahren seinen Löwenjägerbesuch abstattete, hat vieles an seinem Wesen beleidigt und dadurch zum karikierenden Widerstand herausgefordert. Diese überquellende Menschlichkeit raubte uns fast den Atem, beklemmte unser Selbstbewusstsein. Denn um so leger, so selbstsicher und so unberührt von Grandezza zu sein, muss man schon eine ganz solide Kenntnis seiner zureichenden Fähigkeiten besitzen. Dieser Reichtum an Schlichtheit wirkte als Pose. Aber die Pose Roosevelts, der er als scharf- [18] sinniger introspektiver Mensch und ein solcher ist Roosevelt trotz seiner burschikosen Glückseligkeit und Sich-selbst-Hinnahme nicht entgehen kann, liegt anderswo, nämlich gerade in seiner Physis. Sein Körper ist das Bewussteste an ihm, er ist das Gesetzte, das heisst die Pose. Gerade weil er ein so spitzfindiger, schlauer und universeller Kopf ist, liegt sein Ehrgeiz auf anderem Gebiete. Man darf nicht vergessen, dass Roosevelt nicht als Hüne zur Welt kam. Er war mit 24 Jahren noch ein schmächtiges Bürschchen und soll auf der Lunge nicht verlässlich gewesen sein. Da schickten ihn seine Leute für mehrere Jahre in den Westen auf die Farm, dort ritt und jagte er mit den Cowboys, seinen nachmaligen Rauhreiterfreunden. Er fällte Baumstämme im Urwald, rang und boxte mit den Kameraden und trainierte sich systematisch zu einem vollkommenen Athleten heran. Das Körperliche Roosevelts ist also eine Errungenschaft; sein Körper ist nicht animalisch, sondern weise. Während unsere Maler und Literaten glauben, sie müssten sich ruinieren, um schöpferisch zu werden, weil Heinrich Mann irgendwo behauptet, dass Ausschweifungen produktiv machten, legte Roosevelt es darauf an, sich z.B. in zehnstündigem Parforceritt nervös zu reiten, um nachher eine ungeheure literarische oder diplomatische Arbeit in seinem Zeitpensum zu leisten. Man sieht schon, Roosevelts Gesundheit ist keine triviale, sondern eine höchst geistige und raffinierte. Man könnte beinahe sagen eine literarische. Jedenfalls ist sie allein das an ihm, was man eventuell als Pose ansprechen könnte.
Die Gesundheit nicht als atavistisches Merkmal, sondern als Pose, das ist also der Witz des Amerikanismus. Wenn Roosevelt wie ein Amokläufer dasteht, berauscht von der Sensation, die seinem muskulösen Körper entströmt, so kann das dem Pauper und Paria der Körperlichkeit wohl missfallen und geistlos erscheinen; aber was verschadet's, wenn wirklich die Bullenkraft dahinter steht, während das Blut ins Hemd sickert, eine politische Rede mit ganzem hinreissenden und überzeugten Temperamente vom Stapel zu lassen? Das ist dann ein Mann, der in Amerika noch seltener [19] ist als in Europa und eigentlich wirklich als der einzige »Amerikaner« angesehen werden kann. Seit Bismarck, mit dem Roosevelt ebensosehr die nicht zu beeinträchtigende private Ehrlichkeit wie diplomatische Schlauheit und Intrigenlust gemeinsam hat, hat es bis Roosevelt keinen zweiten Vertreter solcher Rassigkeit gegeben. Und das Hinreissende an Roosevelt ist, dass er eine Fundgrube an aller Humanität darstellt. Er hat der Nur-Technik seines Landes und seiner Nation erst die entwickelte moderne, sozial interessierte und physisch exekutiv gewordene Psyche eines »Amerikaners« entgegenzusetzen, bekümmert sich um die Politik nicht als Geschäftsmann, der um seine Aktien besorgt ist, auch nicht als Anwärter auf einen einträglichen Regierungsposten, sondern als weitschauendes menschliches Genie, das unter Menschen Ordnung machen will. Er vertritt ebenso alte wie neue Mannesideale und gibt damit der ganzen Welt ein schönes Beispiel, das sie heute recht nötig hat. Er sieht, wo's fehlt, und legt darum Wert auf die physische Autorität eines Mannes: dass er sich an den Resultaten eines solch geschulten Trainings freut und ein wenig mit ihnen am eigenen Leibe renommiert, kann man dem lieben Kerl wahrhaftig nicht übelnehmen.
Roosevelt ist für uns kein Mann, sondern ein Mythos, so wie Wilhelm II. es für die anderen Nationen denn die deutsche ist. Da hat er denn eine Kugel in die Brust bekommen, hat sich aber nicht stören lassen, sondern seine Blitz- und Donnerrede zu Ende gebracht trotz dieses »Wetterschiessens«, hat sich schliesslich wie ein ausgetobtes Gewitter zurückgezogen und die Luft rein gemacht. Nein, das ist kein Mensch, das ist ein Mythos. Ein paar Meridiangrade dahinter aber kommt das Harakiri eines Japaners. Roosevelt gegen Nogi, die aktive Energie gegen die passive Indolenz, der Kaukasier gegen den Asiaten. Solange dem Japaner ein solcher Amerikaner gegenübersteht, sind unsere Kulturgüter noch nicht bedroht? Oder ? Sind denn dieser Roosevelts mit den breiten Brustkasten und dem Humor ihrer Zielbewusstheit so viele unter den Amerikanern? Leider nein, [20] die Brustkasten sind wohl da, aber das andere, das Geistige, das zu diesen Blasebälgen einer menschlich entfachten Lebensflamme gehört, fehlt. Es fehlt die Reinheit dieser Flamme. Roosevelt ist ja auch unter Amerikanern der einzige Amerikaner. Er ist Anti-Yankee, er geht gegen den rücksichtslosen, dummen und unsozialen Geschäftsgeist los, gegen die Verrottung, die Ausbeutung und die Egoisierung. Amerikaner wäre ein Mann, der gute Kräfte in den Dienst eines menschlichen Ideals, nicht in den einer räuberischen Manipulation stellen kann. Und ein solcher ist in Amerika nur Roosevelt und hat Kollegen vielleicht in Europa, niemals aber im eigenen Lande. Seine Gesundheit ist jene hohe moderne der »heroischen Nervosität«. Und man vergleiche die seelische Tiefe und Kraft, zu der ihm seine Physis also verhilft, vergleiche seine Haltung, seine Pose, seine unsentimentale Verachtung für das »bisschen Körper« mit jener des Asiaten dort Vernunft und weiser Humor als ethisches Prinzip, hier ein leeres, letzten Endes unkultiviertes und abergläubisches Pathos, hinter dem kein Zweck, kein Idealismus, keine Energie, sondern eine fatale höfische Faxe steckt. Roosevelt hat zu tun, er hat das Leben eines ganzes Volkes zu sanieren und das will etwas heissen; Nogi aber hatte nichts zu tun, darum wurde er in einer antiquarischen Samurai-Moral geschäftig.
Roosevelt, für den alle Welt drüben schwärmt, ist doch nicht Präsident geworden, denn gegen den Präsidenten, den ihm die Dschingiskhane des roten Geldes entgegenstellten, gegen »president Bakschisch« konnte auch er nicht aufkommen; aber das tut nichts; er ist der anerkannte Staats- und Kriegsmann, Roosevelt americanus Asiaticus, die einzige Ariernase, die die gelben Huzelknaben wegriechen wird. Er wird das begonnene Werk von Lüle-Burgas fort setzen. Dem Oesterreicher, dem ohnedies der Asiate in den Stiefeln geht, kann dies nur von Vorteil sein.