Der Nationalitätenstaat
von ROBERT MÜLLER
Die geschichtliche Formel des XIX. Jahrhunderts zur Chiffre des »Nationalen Prinzips« vereinfacht zu haben, ist eines der geschichts-feuilletonistischen Verdienste des dritten Napoleons. Diese Auffassung ist handlich und vulgär, also jedenfalls ein geeigneter Kursbegriff für die politische Oberflächlichkeit einer bis in die Seele hinein parlamentaristischen Zeit. Sie hat nicht gegeizt, ihren Schatz unter die Tatsachen zu bringen und im Getriebe der Entwicklung zirkulieren zu lassen. Aber seit die volksimperatorische Prägung abgegriffen erscheint, zeigt auch das Metall der Fräse sich als eine billige Erkenntnis und theoretische Bezahlung der zum Kauf ausliegenden Erscheinungen. Die letzten Kriege am Balkan sind um dies Geld noch für die Zeit und ihre Zeitung erworben worden. Gebilde aber und Ereignisse schatten auf, deren Unverkäuflichkeit für den liberaljournalistischen Zwischenhändler Napoleons Wort als schlechten Nickel wird einmünzen lassen müssen.
Das nationale Prinzip ist für die Balkanfrage so unstichhältig, wie es sich von unserm Zeitpunkte aus für die Zukunft, aber auch bereits für die Vergangenheit erweist. Es war für eine Spanne Zeit die Theorie, die Manches der eigentümlichen Kräfte Europas verständlich machte und praktisch eine Arbeit tat, der alle Ehrfurcht kommender Geschlechter gehören dürfte. Die Früchte solcher Arbeit waren zugrößt Deutschland und Italien. Hier wurden zwei Gebilde geschaffen, die fest in ihrem Boden wurzeln, in Not, Möglichkeit und zureichender Kraft organisch strebend; und die nicht nur dem politischen, auch dem menschlichen Begehren genug tun, daß ein [2] Staat der Körper eines kulturellen Fluidums sei. Der Hebel, der diese Körper an ihren Platz setzte, war jene Theorie. Und dennoch könnte diese Theorie, an ihren Meisterleistungen zuerst, Verdacht an eigener Zuverlässigkeit erwecken.
Denn weder Deutschland noch Italien haben als gestaltendes Mittel das nationale Prinzip erschöpft. Beides sind Staaten, die das ihm zugrunde gelegte Volk nicht decken; sie sind darin nicht weniger lebensfähig als andere Staaten, die nur eine Anzahl von Segmenten verschiedener Völker in sich schließen. Hätte die nationale Idee Anrecht auf ihre Gültigkeit als staatliches Produktiv, wie ihre Politiker sie vortragen, so wäre vollständige Ausnützung der Materie, auf die sie anwendbar erscheint, die uneinschränkbarste Bedingung. Wenn es richtig wäre, daß in einem völkischen Dasein ein geschichtliches Schicksal enthalten ist, das zur Staatenbildung mit der Notwendigkeit eines biologischen Prozesses drängt, dann müßte die nationale Grenzeinschränkung sich als Vitalitätshemmung im Staatlichen bemerkbar machen. Der Nationalstaat wäre als Motiv der völkischen Erlösung beeinträchtigt und müßte diesen Defekt irgendwie praktisch äußern. Die Geschichte nun bietet Staaten, deren Mangel einer staatlichen Abrundung im Bedürfnis einer solchen nationalen zum Ausdruck kommt: dies hat dazu geführt, den staatlichen Expansionstrieb mit dem immanent geäußerten nationalen Kontrektationstrieb zu verwechseln. Denn die Tatsache, daß die Geschichte gebietsmäßig saturierte, national unbefriedigte Staatswesen, wie Deutschland, als lebensfähig erwies, entkleidet den Nationalismus, soweit er über sein soziales und humanitäres Wesen hinausgehend sich als allein seligmachender staatsbildender Faktor aufspielt, der politischen Autorität.
Zur Hygiene des einen Staates mag der Pannationalismus als konstitutive Kraft gehören; die Hygiene eines andern Staates aber mag auf ein tiefer liegendes Element, dessen Äußerung dann der Nationalismus allein in deutlicher Form übernommen hat, angewiesen sein. Dieses Element, das den Nationalismus verlockend staatspolitisch färbt, ist die Homogeneität der Bürger eines in Betracht kommenden Staates. Kein Staat entsteht aus Zufällen, sondern als eine Krystallisation aus der Gemeinsamkeit von Bedingungen. Diese Homogeneität wird durch nichts anschaulicher verbürgt als durch die Materie des nationalen Gedankens. In einem ebenso natürlichen, obwohl weniger dem Gefühl als vorerst einmal der Reflexion zugänglichen Ausmaße aber können sie auch die wirtschaftlichen, geographischen, und in einem späteren, bereits fortgeschrittenen Stadium auch die kulturellen Beziehungen involvieren. In der Fähigkeit vom ersten Gefühlsimpulse zu abstrahieren und [3] die eines neuen Gemeinsamkeitsgefühles trächtige Reflexion zu Worte kommen zu lassen, wird die staatsmännische Anlage zu suchen sein. Das unmittelbar inmitten des Durchschnittshorizontes Gegebene ist der Nationalismus; der Horizont des Staatsmannes sieht die Grenzen des Gemeinwesens nach den Gesichtspunkten einer national wünschenswerten, aber durchaus selbstwilligen Homogeneität verlaufen.
Das nationale Prinzip ist in der Tat niemals als allgemein gültiges Metrum der großen Weltepopöe nachgewiesen worden; gültig ist es eben für die Staaten, für die es sich sinnvoll erwiesen hat. Aber auch hier ist es, wie vor allem bei Deutschland, daß Teile seiner Nation in Österreich und der Schweiz belassen und dafür die fremde Nation der Polen sich einverleibt hat, nie in seinem radikalen Ausmaße in Aktion getreten und hat, dank der Klugheit der Staatslenker, fremde Staatsgedanken verschont. In der Kraft und Vernunft seiner territorialen Geschlossenheit hat auch Italien gegenüber der Zerflossenheit seines ausfransenden Nationalgedankens den geschichtlichen und normalen Halt für kommende Arbeit gefunden. Sein nordafrikanisches Kolonialprinzip ist weitaus gesünder als seine Irredenta. Auch künftige Kriege würden weniger die Entscheidung über Savoyen und Südtirol, als über die nordafrikanische Küste der Franzosen bringen; denn in diesen Gebieten hat die überwiegende Mehrheit italienischer Kolonien europäische Wirtschaft eingepflanzt und den Grund zu baldiger Blüte gelegt. Südtirol ist wirtschaftlich einem fremden Staatsgedanken charakteristisch eingeeignet und wird vor allem strategisch einer fremden militärischen Tüchtigkeit in die Hände gespielt, die theoretische Abhandlungen über dies Thema wohl kaum jemals gestatten wird. Savoyen, wenn schon militärisch diskutabler, ist arm; Algerien aber ist reich und voller Zukunft. Und das koloniale Prinzip fesselt die Staaten seit je mächtiger denn das nationale.
Denn die Bedingungen zur Staatenbildung waren seit je die gleichen, und nur verschobene Machtverhältnisse vermochten die natürlichen Bedingungen nach neuen Gesichtspunkten zu gruppieren und damit den Verlauf der Staatenbildungen zu beeinflussen. Umso überraschender erscheint die Entdeckung des Nationalen Prinzipes für das XIX. Jahrhundert, das damit zu einer funkelnagelneuen Grundlage seiner Staatenproduktivität gekommen sein soll. Die notwendige Homogeneität des Menschenmaterials der alten Staaten wurde durch kulturelle, religiöse, wirtschaftliche, territoriale Bindungen, vor allem aber solche grundlegende der Kommunikation erzielt. Die sprachliche, das heißt nationale Bindung kam originär, niemals aber auffassungsgemäß in Betracht. Diese nationale Homogeneität formal hevorzuheben, blieb ein Vorbehalt des [4] sozialistischen XIX. Jahrhunderts und war als solcher ein sozialistisches, also inneres Motiv. Erst ein Volk, das innerhalb eines Staatsgedankens zu einem Durchschnittsstatus von Erziehung, Selbstbeobachtung und Kritik gelangt war, erkannte die äußere Freiheit und innerlich gebundene Rassigkeit der Güter, die es zu einer Einheit verdichteten. Die Gemeinsamkeit der angenehmen Last beließ den sympathischen Druck als Gefühl. Das sozialistische Motiv kann also in einem schon vorhandenen realisierten Staatsgedanken die nationale Erweckung eines Volkes betreiben, wie es die Gegenwart an der ruthenischen, die nahe Zukunft an der slowakischen Nation beweisen wird; das Schicksal eines Staates aber kann es nicht entfesseln. Die nationale Erhebung der Balkanvölker ist nicht ein Beweis für deren staatenbildenden Rückschlag gegen ein innerlich fremdes Los; sondern ein Beweis der sozialistischen Reife einer begabten Unterschicht und der Brüchigkeit eines Staatsgedankens, den schon Moltke in die gesunde Magerkeit von Kleinasien, Syrien und Mesopotamien zurückgewiesen hatte. Die Zukunft wird zeigen, daß der serbische Nationalgedanke sich nicht auch mit einem Staatsgedanken deckt; daß vielmehr der Staatsgedanke, dem er durch Natur und Geschichte zugewiesen ist, jene Ländergesamtheit umfaßt, die sich um die zwei Punkte des Donau-Adriasystems krystillasiert hat. Schlechte Politik und einer weitaus weniger zu befürchtende militärische Untüchtigkeit der entwicklungsgeschichtlich fixierten Macht können die Etablierung dieses Zustandes verzögern; aber nicht einmal die Möglichkeit, daß ein zweites Gehirn dieser Macht in der Nähe seines Aktions-Zentrums an der Adria sich heranbildet, könnte diese staatliche Zukunft willkürlich verschleudern.
Als sozialistisches Moment ist das Nationale Prinzip erfreulich und berechtigt; wo es auftritt, quittiert es den Staatsgedanken,, dessen innere Festigkeit und Arbeitskraft, ja dessen kulturelle Gestaltungsfähigkeit es bestätigt. Auch das deutsche Reich, das als Paradigma des staatsbildenden Nationalismus abgewandelt wird, verdankt weit weniger diesem als seinem uralten kräftigen Staatsgedanken sein Schicksal. Dieser Staatsgedanke hatte sich im Verlaufe von Machtverschiebungen, technischer Entwicklung und damit zusammenhängender Umgestaltung der Kommunikation verändert, verringert, verstärkt, ausgebreitet, verkleinert und zeitweise, im dreißigjährigen Krieg, sogar die Form einer über ihm stehenden Organisation, des nordischen Bundes angenommen. Aber er hatte lange bestanden und seine feste Form geschichtlich bloß schroffer manifestiert, als die in seinem Kulturkessel aufdampfende soziale Expansionskraft ihn selbst vom Gefühl in die Reflexion rückte. Man kann sagen, Deutschland, wie es leibt und lebt, [5] verdankt seine so diätetisch und heilsam geschaffene Gliederung der Dampfmaschine und dem intellektuellen Sozialismus. Für das Postkutschenzeitalter besaß es vorerst einmal staatsgedanklich keinen Reifen; mit dem Nationalgefühl allein wäre es, nachdem die großen wirtschaftlichen Verbände und Kommunikationen des Mittelalters ohnmächtig oder flau geworden waren, ein taubes Faß geblieben. Erst die durch die Maschine hergestellte räumliche Verdichtung und der beschleunigte Austausch des geistigen Verkehrs schufen die notwendige tatsächliche Homogeneität und zeigten jene immerhin substantielle Wissensstimmung, die man den intellektuellen Sozialismus nennen wird. Alle großen Menschen der letzten 100 Jahre waren von seinem Geiste bewegt und selbst der herannahende durchaus gesunde Konservativismus und Reaktionarismus stellt nur seine konzentriertete Art dar. Der intellektuelle Sozialist, den die Geschichte als sinnfälligen Urheber Deutschlands nennt, war, damals noch einsam, heute schon begriffen, Bismarck. Niemals war gerade Bismarck im alldeutschen Sinne national; jedenfalls aber als Nationalist der größte Diätetiker und schon darum mehr vom Staatsgedanken denn vom nationalen Gedanken fasziniert. Er liebte sein Volk, heißt, er liebte dessen voraussichtliche Kulturbegabung und ihre Erfolge, in Szene zu setzen durch eine bestimmte territoriale Möglichkeit. Es bedeutet aber niemals, daß er sein Volk, pflichteifrigst dessen Zahl erledigend, je blindäugig an sein Herze drückte. Er weinte um keinen Deutschen, den die Grenze streng vom Himmelreiche deutschländischer Kulturstatt, im Staatsgebäude klug umzimmert, ausschloß. Es gibt Stimmen, die ihn darum einen Pfuscher heißen, und sein Werk als nur halb getan betrachten. Was sie wünschen, ist die gemütliche Vereinigung beim vollen Tische und die Ablehnung einer eigenen staatlichen Aufgabe und zivilisatorischen Existenzberechtigung. Was Bismarck haben wollte, war die visionäre Entfaltung studierter oder intuitiv gesichteter Kräfte, die den Ungeeigneten ausschloß und an andere mit gleichem Scharfsinn ihm kongenial erfaßte Entfaltungen wies, dem Staatsgedanken aber den auf bestimmten Geschmack hin gesonderten Sukkurs der Nation zuführte. Bismarck verbrauchte genau soviel an Nationalismus, als davon auf die Homogeneitätsforderung gegenüber dem Menschenmaterial des zur Bildung vorgesehenen Staatswesens kam. Der nationale Gedanke hat den Reichsgedanken nicht begründet; dieser bestand seit Karl dem Großen und war durch innere und äußere Politik modifiziert worden; der neue deutsche Reichsgedanke Bismarcks war eine sozialistische Neuorientierung seiner alten Fassung; der intellektuelle Sozialismus selbst wieder ein Produkt des alten Staatsgedankens. [6]
Das Wesen des »Nationalen Prinzipes« radikaler Observanz ist, daß es das staatliche Gesundheitsideal in seiner vollständigen Anwendung erblickt. Es wirkt verbrecherisch, hochverräterisch, wo es den »Staatsgedanken« stört. Jeder Staat hat seine Homogeneitätsprinzipe; eines davon kann der Pannationalismus sein, muß es aber nicht sein. Gedeihlich, schön und formelkräftig wirkt der Nationalismus, wo er das Produkt von Kultur und ihres grundlegenden staatlichen Körpers ist, seines Homogeneitätsgehaltes entkleidet, aber wirkt er an sich nicht staatenbildend.
[Der Ruf (Wien) - Fünftes Heft, Oktober 1913]