Das Kompliment der Neuen

von ROBERT MÜLLER
Eine freudig-ernste Bejahung des tätigen Lebens bricht sich Bahn und rückt die nächsten Dinge wieder zunächst, auf daß wir ihre Freunde würden. Der Mut, den Dingen ins Gesicht zu sehen, weitet sich zum allumfassenden Ja, bezieht das Fragwürdigste und Grausigste, das Nüchternste und Skurrilste in denselben Kreis des Seins. Es ist die Zeit der abgehärtetsten Muskeln und der empfindlichsten Nervenkontakte, der spartanischen Maschinenfügung in Form und Stil, stählern, klingend, voll innerer Harmonie der Bewegung, gestrafft bis zu den letzten Fibern. Es ist ein athletisches Jahrhundert, das mit höchster Kraftanspannung noch das Molekül zerteilt und die Atomistik der Seele und die Mikroskopie der Körper zu himmelhohen Abgründen verfolgt. Die Mediceer der Technik bauen Reiche in neue Dimensionen und der Scharfsinn der Macchiavelle wird an den Schraubstock gestellt, um das Proletariat der irdischen Kräfte der Republik der Erfindungen dienstbar zu machen. Harte Güte und unsentimentale Milde, der Instinkt zu unumgänglicher Disziplin, der Schwung der Nüchternheit, der an der Poesie der nackten [3] Tatsache ausholt, prädestinieren den Soldaten des neuen Lebens. Und über alledem liegt der keusche Schmelz des täglichen frohen Staunens über die sonnige Einfalt der Welt-Schöpfung. Ein Siegfried-Idyll breitet sich über Fabriksdächer und Maschinenräume, über Paläste aus Ziegel, Marmor und Stein, und Paläste aus Laub und Reisig, über Blüten aus lebendigem Safte gleicherseits, wie über Blüten aus Stahl und Eisen, wenn der Mensch von morgen mit den geschweißten Erbstücken seiner Kultur hinauszieht, um die Zukunft nach seinem Bilde zu zwingen und den Grenzpfahl kommender Zeiten aufzurichten.
Und jene Ändern, Unfreien unter den Vogelfreien, die mit dem Bann und Fluch der Sicherheit beladen sind, die, wo sie gehen und stehen, der Poesie verfallen scheinen, die nicht die Prosa der Angelegenheiten als Kunst, Kraft, Spiel, Wert sprechen hören können – – – Wer weiß etwas? Ein Steckbrief. Wer kennt ihn nicht, wie er unter uns wandelt? Hinaus mit ihm. Setzt ihn vor die Türe. Hinaus aus diesem anständigen Zeitalter. Hier sind Ungezogenheiten nicht Poesie, aber auch nicht Prosa. Hier benimmt man sich unauffällig, weder lyrisch noch dramatisch. Etwa wie ein alter Mohikaner, denn das wäre beiläufig Kultur, Ekstase und Würde, Wildheit und Beherrschung. Singende Weisheit beim Kalumet, und Sprunggelenke und Muskeln und Hinterlist in der Schlacht.
Kultur entsteht als Reibungsfluidum in den Gelenkspunkten eines Systems. Die Welt begann sogenannt mit den Chaos, dahinter steckt ein tiefer Sinn, denn das Chaos ist immerwährend da und es beginnt überhaupt alles mit dem Chaos. Das Chaos vom Chaos ward zur Ordnung, das Chaotische, das blinder Sinn und Zweck der Rebellion war, gipfelte in einer phänomenalen Neugeburt. Und es stimmt schon, nur die Rebellennatur ist produktiv. Freilich, ums zu sagen, in guter Gesellschaft, in etwas kulturell so wünschenswertem wie guter Gesellschaft, sind ein vorgestreckter Ellebogen und eine rammbereite Schulter ein fatales Ding, scheinbar höchst überflüssig und abgeschmackt.
Es gibt eine Reinlichkeit, die keinen Wert mehr hat, denn es ist Zimperlichkeit, die die Exklusivität der Motive für geboten hält und die Kasten-Grimasse eines äußerlichen Aristokratismus nachahmt. Der echte Aristokrat hat stets Distanz, mitten unterm Pöbel, es ist Feigheit, wenn er die Reibung meidet, nein, mittendrin ist er einsam, schrecklich einsam. Bleibt tatsächlich eine Art Gleichheit, gerade das Genie ist vom Hornochsen nicht so weit verschieden, darauf ist man heute schon gekommen. Ist das ein jammervoller Anblick für Souveränstalente, denen ihr Abstandskreis von Gottes oder einer [4] anderen Tradition Gnaden vorgeschrieben ist? Man erwartet nichts anderes von ihnen, als daß sie hingehen und das Leben nicht mehr lebenswert finden – weil sie nüchtern sind von Natur aus, schießen sie sich den Gedanken in den Kopf. Tanagra-Seelchen. Vollkommen ungotisch, denn Gotik ist pyramidal zuerst und minutiös auch, wenn man will, trotz einem Puppen-Künstler. Arme Teufel, talentlose Phantasten, Schablonenritter von der schöntraurigen Poesie. Erbärmlich, wer sich nur in die Brust werfen darf angesichts des Abstandes zwischen vier und zwei Beinen. Unsere Übersicht über die Dinge ist geräumiger geworden, in Dimensionen sind wir verwöhnt, und, seit wir überall dort, wo gut sein ist, Wolkenkratzer und Sternwarten bauen, ist auch unsere Bescheidenheit gewachsen. Die Entwicklungsleiter vom Bandwurm zum Dichter scheint uns nicht mehr so unerschwinglich. Und höher gelangt man vom Proleten gleich zum Ästheten. Nur die reaktionären Fortschrittsgemüter weinen um das stimmungsvolle Postwagentempo von ehemals, nervenlose Gemüter, die an Geschwindigkeiten sich die Seekrankheit holen statt eines Zustandes höchster Gesundheit.
Die Zeit hat ein Mannsgesicht, durchaus markante Züge. Es werden Männer gesucht, nicht mehr und nicht weniger als Männer, aber vielleicht in einem erweiterten Sinne, mit einer kolossalen Inversionskraft, gemäß dem größeren Reichtum der Zeit, Aber jedenfalls Männer. Offiziere mit Soldaten-Tugenden. Hart, kühn, schlau wie Landsknechte der großen kriegerischen Jahrhunderte, bereit, jedes Brot zu essen, und jedermanns Lied zu singen, versteht sich, zu singen, zu singen. Verfeinerung ist eine Zuspitzung aller Instinkte. Nervosität, das sind Nerven, empfindlich wie gespannte Saiten, sie machen Musik bei jedem Atemzuge wie eine Aeolsharfe im Morgenwind. Nervosität, das sind nicht Nerven wie Bindfaden, die bei jedem Atemzuge auf und davon wedeln. So ist es und so soll es sein. Es wird das prononcierteste Zeitalter werden, es wird gotisch zugehen, bizarr und phantastisch, modern prähistorisch und man wird großes Interesse an allen Anfängen haben, statt wie bisher an Peripetieen und Endpunkten. Alles wird prononciert sein wie ein Tannenforst und das weichere Laubvolk unter den Gemütern wird sich sinngemäß bei den Weibern einbürgern, sozusagen. Der Fichtenbaum im Norden wird sich besinnen, einsam stehen bleiben und nicht mehr von der Palme träumen. Im Gegenteile, die Palme, die ja ein räckeliges Frauenzimmer ist im ewigen Sonnenscheine, wie sichs gehört, knappgestaltig und ein wenig verhüllt, wie sichs gehört, wird sich bettelarm nach ihm träumen, wie er da steht, so saftig und so sehnig und so grade empor. Wie sichs gehört.