Apologie des Krieges

von ROBERT MÜLLER
Der Krieg kommt aus dem Blute in die Welt; Blut ist eigentlich Krieg in tropfbar flüssigem Zustand. Das irgendwie Bestechende am Krieg ist seine Blutigkeit; wo Krieg ist, da ist Blut, aber wo Blut ist, da ist auch Krieg und eins ist die Eigenschaft des andern. Der Mensch ist sein Blut, daher kommt es, dass gutes Blut sich keine Ruhe lässt, den ganzen Menschen, so sein Geschöpf ist, bejaht, aber ihn zu sich, zu Blut, reduziert. Blut macht den Menschen kriegerisch und schwemmt die Erfahrungen des Verstandes, der jede Ruhestörung als höchst unsittlich und unbrauchbar ablehnt, hinweg. Es hat die Intelligenz sich stets gegen den Krieg gewehrt, der Intellekt aber, der eine Sache des guten und stürmischen Blutes war und ist, hat dessen Reize schon darum als erfrischende Nadelbisse empfunden, weil das Schwer gewicht des Lebens in den Geist verlegt war, ohne realistischer weise die Körperlichkeit abzudanken. Denn wenn das Körper- [2] liche vehement wird, ist es Geist, und wenn Tausende in der Schlacht als empirisch wertbare Objekte eingehen, steht Einer siegreich auf – der Mensch.
Die normale Intelligenz ist zur Erhaltung des Einzelwesens tätig, der Intellekt zur Höherentwicklung oder natürlichen Nachholung der Art. Intelligenz ist das schlechthin Areligiöse, darum ist sie friedlich, beschränksam und ohne Impuls. Der Intellekt aber hat Religion, das heisst eine Betrachtungsweise quasi mit dem perspektivischen Sitz im Erdzentrum, wo in ungeheuren chemischen Wallungen die kriegerische Verwicklung kosmischer Kräfte aus getragen wird. Intellekt lebt im Vulkan, inmitten eines Klimas absoluter Hitze und Kälte, dem Schnittpunkte einer Parallelität im Räume vergleichbar. Intelligenz aber bröselt an der Erdkruste, mit dünnem Lebensgefühl und ohne Kohäsion zum Allermenschlichsten. Darum haben die feinen Geister den Krieg, die Königsorganisation aller Organisationen, verehrt und die plumpen Geister ihn mit dem Einmaleins widerlegt. Darum heissen die Intellektuellen Friedrich II., Moltke und Liliencron und darum steht diesen Grundbarbaren eine Intelligenz gegenüber, die Herr Fried und Frau Berta von Suttner heisst.
Intellekt ist auf die Menschheit, Intelligenz auf Menschen gerichtet. Intelligenz prämiiert den Menschen als Berufstier: Werk und Philosophie drehen sich um die Abwicklung seines spezifischen Geschäftes, das Gemüt ist in Berufswerten aufgegangen und er selber als geistiger Kontur in die Hilfslinien zurückzerlegt, die als das Technische seines Berufes da sind. Und das ist gut so, ein solcher Mann hat als Glied einer Gesellschaft Aufgabe und Ziel und nichts ist nützlicher als seine Verblendung. Der kleine, am Weltmarkte nicht engagierte Handelsmann, der Beamte und der wissenschaftliche Mensch, die zusammt ihrer motivischen Details der Gesellschaft wertvoll sind, treten jedoch als soziale Faktoren erster Ordnung zurück, sobald es sich um ein Ganzes handelt. Denn über das Ganze entscheidet besser der Laie, dessen Interessen nicht in einer Spezialisierung gefangen sind. Der Laie ist der beste Staatsmann, darum sind Knaben [3] mit ihrer frischen, naiven Urteilskraft und ohne die sogenannte bürgerliche «Erfahrung», die eigentlich nur die praktische Kenntnisnahme von den Annehmlichkeiten des geschäftlichen Egoismus darstellt, die reinen politischen und staatsmännischen Genies. Dem Acht zehnjährigen ist nicht Michelangelo, James Watt, Shakespeare oder Rothschild, sondern Cäsar, Napoleon, Cromwell und Bismarck der menschenwürdigste Typ und jene Erfinder, Dichter, Künstler und Wissenschaftler repräsentieren ihm je nach Massgabe allein Etappen des staatsmännisch tendenzierten Betriebes. Die staatsmännische Phantasie, instinktive Praxis, Aufopferungsfreude und Ideenkraft des normalen Knaben sind enorm; und wie richtig die Einschätzung nach sozialen Werten von solcher Seite her erfolgt, beweist die Bewegung der Natur. Wenn diese so vielfach orientierte und allseitig in Beziehung stehende Jugend bürgerlich ausmündet, nachdem sie auf Ungelegenheit von Zeit und Umständen gestossen ist, ergibt sich als sekundäre Bildung erst der Künstler, Philosoph oder Forscher, die alldrei als Spezialisierungen des ursprünglich kompletten Typus hervorgehen. Dieser ursprüngliche Typ selbst bleibt in Gänze erhalten oder rekonstruiert sich nach einer Spezialisierungsperiode des Individuums, sobald Zeit und natürliche Umstände günstig sind. In diesem Augenblicke erscheinen an Stelle des exaltierten Bürgers Buonaparte. des unfolgsamen künstlerhaft-launischen Fritz und des verwildert-genialischen Otto die phantasievollen, aber so unendlich knabenklaren Köpfe Napoleons, Friedrichs und Bismarcks. Theatermann und Literat, die Umwertung der Anlage eines staatsmännischen Primats im tüchtigen organisatorisch begabten Individuum, folgen den Dreien als Reste einer zurückgenommenen Spezialentwicklung auch im späteren Sich-Ausgeben noch nach.
Der qualifiziert geniale Mensch ist Staatsmann und die Erscheinung des Künstlers und Denkers eine bereits bürgerliche Einrangierung innerhalb einer stabil gewordenen Gesellschaft. Der Staatsmann schiesst über Nacht aus dem Boden sobald nur die Rasse diesen gesunden Menschen beherbergt, wenn einmal die Gesellschaft in Frage gestellt ist. Denn der Staatsmann ist nicht ein einziger, [4] sondern er ist gleichsam nur der treffendste von vielen ihm ähnlichen, das Charakteristische an ihm ist seine Durchschnittsphysiognomie und der Umstand, dass er mit Tausenden in Kontakt ist. So gab es zu Napoleons Zeit nicht nur den einen Mann, sondern viele in seiner Art und Napoleon war nur relativ, nach Quantität nicht Qualität, der Beste. In Deutschland gab es gleichsam Millionen von Bismarcks, als die Zeit es verlangte; und Bismarck war nur der Richtigste von allen, er verkörperte den notwendigen Menschen, den Staats-Mann, der plötzlich von allen Details ab- und aufs Ganze hinsieht, am konsequentesten. Der Staatsmann muss mit einem Ruck die kleineren Interessen hinlegen und sich mit der Allgemeinheit, mit der äussersten Epidermis, die er besitzt, nämlich mit der Landesgrenze, identifizieren können. Er muss riesig gesund, ungebunden und auf Kilometer hin empfänglich sein. Darin, dass ihn Dinge irritieren, die sich ihm zunächst nicht direkt fühlbar machen, liegt ja gerade sein Genie. Er ist der Achtzehnjährige, dessen Aufgewecktheit vielleicht den engeren Vorteil von heute übersieht, der in Schule, Geselligkeit und kleinbürgerlicher Vernunft unaufmerksam dasteht, aber ganz hypnotisiert ist von Vorgängen, die über sein Ich hinaus ins Allgemeine deuten. Er sieht das Notwendige einer Gesellschaft besser, blickt unbeirrt über Einzelschicksale hinweg aufs Ganze und ist nur ärgerlich über die Ansprüche der minorennen Tendenzen: dazu gehört Naivetät und Freude am Grossen, Monumentalen. Es gibt wohl manchen Staatsmann unter uns, aber es gibt zu wenige von seinem Schlag, gibt zu wenig Staatsleute.
Ein solcher Knabe ist mitunter auch eine ganze Rasse, wie sich gezeigt hat. Einst war es der Deutsche, heute ist es der Amerikaner und in Europa der Südslave, morgen kann es wieder der Deutsche sein. Plötzlich ist allerorten, am Thron und in der Schulstube, der Staatsmann da, das Genie der Rasse bricht durch, der Ungebildete weiss aus Instinkt, worum es sich handelt. Ein geistiger Elan entreisst dem bürgerlichsten Körper Heldentaten, Europa lächelt Kultur, aber der Tiefstand seiner Volkskräfte ist nicht mehr zu bemänteln. Jene slavischen Nationen werden mit [5] derselben Pracht, mit der sie eine neue europäische Gesellschaft in Rotglut schweissten und die Chandscharschneiden ihres organisatorischen Genies am alten Blocke: Asien funkenstiebend schliffen, grosse Künste gebären und phantasievolle Wunder der Kultur. Den Völkern des plötzlich um Jahrzehnte gealterten Nordeuropas aber werden ihre Künstler, die von der Tatkraft vergangener Mannheit zehren, nicht einmal zur Kunst verhelfen. Denn auch Kunst wird, wie alles in der Welt, mit Blut gemacht, Zarathustra hat seine Wurzeln im Sterbelager vor Metz und der letzte deutsche Lyriker hat seinen Sturm auf Adjutantenritten sich geholt!
Die Drückeberger aber lassen sich zur Kultur assentieren und möchten der Weltgeschichte eine gut bürgerliche Erziehung geben, nette Umgangsformen, ein geschmeidiges Wesen und Weitblick nur einen Stumpen, wie sich's für ein zum Beruf erzogenes Junges ergibt. Und wenn die Weltgeschichte erst gemütlich ist und nicht immer allein Recht behalten will, sondern zu den Meinungen der Pazifizisten schweigt, dann, hoffen sie, würde das Töchterchen im heutigen Leben wohl schon Karriere machen. Sie vergessen immer wieder, dass der Streber selber in Frage gestellt ist, sobald die Gesellschaft, innerhalb der er sich durchsetzen will, umfällt. Die Griechen nannten den Privatmann, der sich um die Sozietät nicht kümmerte, den Idiotes. Der Werdegang dieser Bezeichnung bis zu unserem Idioten vollzieht sich über die starke ethische Verurteilung, die von grossen hellenischen Philosophen gegen den staatlich indifferenten Bürger gefällt wurde.
Der Mann, der von dem Geschäft im einzelnen nichts, aber den Sinn aller menschlichen Geschäftigkeit versteht, ist Staatsmann; derjenige, der sich von seiner Intelligenz beraten lässt, dass er bei den grossen Rassen- und Weltwirtschaftsfragen nichts verloren habe, ist der Idiotes. Er vermag nicht einzusehen, dass die Menschheit nach anderen Geheimnissen denn denen des lukrativsten Geschäftes prosperiert, und dass auch der methodische und gründliche Gelehrtensinn, dem jede Störung verhasst ist und der inner- [6] halb stabilierter Zustände der höchste wünschbare Bürgerstatus ist, eine Armseligkeit bedeuten kann. Denn Ordnung wird erst durch Unordnung erstrebt und muss eingerissen werden, wenn sie erreicht ist, und das Glückliche an ihr ist's, dass sie als Kind der Widersetzlichkeit, der Revolution und des Krieges eintritt. Friede existiert als Gipfel des Krieges, sonst aber nimmer, nicht über, unter und auf der Erden und nicht in der heftigen Feindseligkeit der Zellen, unter der das Individuum sich als Körper entwickelt. Krieg ist mitnichten wider die Kultur, denn er ist selbst Kultur. Und wie alles in uns eine Entwicklung durchgemacht hat, das Somatische ins Technische, das Psychische ins Intellektuelle, so hat auch der Krieg als Faktor der Kultur sich geändert. Der Kulturkrieg, den Europa, zwischen Amerikanismus und Asiatismus, zwischen Roosevelt und Nogi eingeklemmt, wird zu führen haben und auf den es sich präparieren und einschlagen muss, ist genauer berechnet, schlichter und grosszügiger organisiert und will mit stärkeren Nerven ertragen sein, denn der Mann-an-Mann-Kampf primitiver Jahrtausende. Friede, Diarrhöe und Plattfüsse haben mit Kultur nichts zu schaffen; wohl aber Kaltblütigkeit und grosser Sinn, Scharfschützenaugen, Marschierbeine und Dreadnoughts, die mittels Logarithmentafeln manövriert werden, und die Feldgeometrie schlangenschlanker Schützenlinien, die wie ein wunderbares Geheimnis in ein Geheimnis rennen, ein Symbol der Natur, die ihre Schwärme ausschickt, man weiss nicht, von wannen sie kommen und wohin sie stürmen, aber ein dem einzelnen unbekannter kluger Wille sendet sie in langsamen Wellen in die Brandung von klaffendem Tod und hochaufbäumendem Leben.
Die Kunst wird zum Generalissimus des Friedens ernannt; aber die Kunst und das Gehirn, die Industrie und die Wissenschaft und die Technik brechen ihre Zelte ab und ziehen mit hinaus, und verjüngt kehren sie aus der Schlacht zurück. Es ist die Kultur unseres hochentwickelten Krieges, dass ihn nicht allein der Bizeps schlägt, sondern der Mathematiker, der Schuster und der Schachspieler, und dass nicht allein die Agrarier, sondern [7] auch die Metaphysik ihn erklärt. Der Mensch steht so hoch, als sein Krieg steht, aber er darf nicht nur die Antithese, er muss auch Blut haben, ja, die Antithese muss ihm dann geradewegs aus dem Blute kommen. Wir sind eine Rasse von Siegfrieds, denn der lebenslängliche Frieden kommt praktisch der unverwundbaren Hornhaut gleich. Aber es ist ein altes Motiv der Dichtung, dass diese Unverwundbarkeit ihren Reiz verliert, wenn sie nicht an irgend einer Stelle aufgehoben ist.
Der Krieg ist nicht als solcher wünschbar, sondern in seinen ethischen Erscheinungen und in seiner Produktivität. Der Krieg ist immer prägnant, es handelt sich stets um den siegreichen Krieg. Ein anderer Krieg ist nämlich kein Krieg, sondern Krankheit und man führt ihn nicht. Wenn sich ein ungeheurer Körper, wie ihn unsere bürgerlichen Gesellschaften und Staaten darstellen, nicht wehrhaft erhält und das Gehirn, die Regierung – die allerdings womöglich ein Gehirn sein soll – im Staatshaushalte nicht auf alle Fälle die Wehrhaftigkeit bis zur Sieghaftigkeit budgetiert, ist es ein redender Leichnam, ist es Literatur, und die Zeit naht, wo seine Nachbarn von Nekrophilie befallen werden. Solch ein Staat ist »Glieder ein Hackbrett voll«, wie man's erlebt hat. Der gesunde Staat trainiert sich unausgesetzt nicht zum Kriegen, sondern zum Siegen; und die Flotte und die Armee eines Staates sind darum die Kulturmaße seiner Bewohner; denn der ethische Stand einer Bevölkerung zeigt sich in der Einsicht und Opferwilligkeit seiner Einzelglieder, für das allgemeine Interesse von einer Bequemlichkeit abzusehen. Ein Staat jedoch, in dem ein rechtschaffener Minister sich ausnahmsweise einmal getraut, den süffisanten Säckelbürgern ihre Luxusvillen und Weinfeiertage und ihre hysterische Steuerhypochondrie vorzuhalten, und der dafür von einem Zeitungspacket erschlagen wird, ein solcher Staat trägt seine »Intelligenz« als Totenmaske. Jener Minister doch hatte recht und war er ein redlicher Durchschnittskopf, dann ist's dies, was das staatsmännische und alles menschliche Genie ausmacht. Denn es ist das Ungeniale am Bürgerlichen, dass er eigenartig und eigensüchtig ist und nie den Durchschnitt durch das Leben eines Staates macht. [8]
Einen siegreichen Krieg soll man führen, wie unser Blut ihn lehrt, wenn an einem schönen Sommertage des Gemüts die Blutkörperchen in Schlachtordnung gegen die »Fremdkörper« ausrücken und in wilder Schlacht die Eindringlinge vollständig vernichten. Nach diesem Morden wird der Kopf klar und hell, die Organe gedeihen und das Gemüt hat Sommer von innen her. Die Wohlfahrt kommt dem kleinsten Teile zugute. Die Muskeln liegen zart, voll und produktiv wie lange Knospen, verdächtig und mit ausprobierten Nervenkontakten versehen wie Explosivkörper hinter der Haut, dieser à la miniature eingestellten Reichsgrenze des Individuums. Sie arbeiten und schaffen und bauen die Idylle der Menschheit aus; aber sie schwellen auch auf und gehen los wie Torpedos und schiessen Fäuste und Klingen mit derselben Kraft, mit der sie sonst fürs Handwerk da waren. Dieses wird geschützt und die grössere Tüchtigkeit im Sieg verdreifacht. Der wehrhafte Mann und der wehrhafte Staat bewähren sich im Frieden, der wiederum das Ideal des Krieges ist und darum erkämpft werden muss.