Es stimmt, es stimmt. Alles in der Welt kommt von Deutschland: die sogenannten amerikanischen Schuhe, der Amerikanismus selbst. Der chicagoer Däne Mister Johannes V. Jensen hat dieses unter Deutschen ungehörige Wort das erste in einem seiner ersten Bücher sein lassen und hat, in einer Zeit, wo alles einen neuen Anfang zu nehmen scheint, das altehrwürdige Ex Oriente lux entkräftet und dementiert. Erst war es ein geistreicher Einfall von ihm, eine graziöse dänische Werbung, verbindlich einem Publikum zugeworfen, das sich seither unter seinem Namen als nennenswerte geistige Partei konstituiert hat; dann wurde es ihm aus einer Interjektion ein Thema; als er sah, daß aus dem Spaß Ernst ward, daß er in der Tat Deutschland entdeckt hatte, und zwar sowohl als Absatzgebiet für die Arbeiten seiner fabelkräftigen Feder wie auch als das wahre Vaterland seiner Geistigkeit, in dem er der Prophet wurde. Ein blutjunger Mensch, dem schon damals der Schnabel und die Phantasie hold gewachsen waren, zog in die Welt hinaus und übersah dabei, was ihm am nächsten Gutes lag: Berlin, diesen Wucherboden für Exotismen. Er wandte sich traurig von den Fabrikschloten der rheinischen Industrie-Gegend ab und voltigierte mit einem echt skandinavischen Luftsprung, den er vielleicht bei Knut Hamsun einstudiert hatte, über die düsseldorfer Turmspitze, die ihm sentimentale Erinnerungen an Heine und andere Pubertätserscheinungen erweckte. Von hier aus begann er eine Rundreise durch die Wälder der Sehnsucht, bis seine Wünsche jene bestimmte Gestalt annahmen, die er, weil nun einmal Entdeckungen nie den rechten Namen bekommen, Amerika hieß. Aber eines Tages, als er nach Amerika rief, parierte ihm Deutschland, ein anderes Jung-Deutschland, das die Kaiser-Peer-Gynt-Phantasien seines damals auf Heine gestimmten Dichterherzens erfüllte. In diesem Herzen begann es plötzlich angesichts der begeisterten Jugend zu singen, der Abglanz eines erotischen Verhältnsses huschte zwischen Dichter und Leserin hin und her, und aus der köstlichen Wortphantasie eines begabten Stilisten schlüpfte [542] züngelnd und schillernd wie ein Schlänglein eine geheimnisvolle biegsame Form, die der inzwischen Mister gewordene Jensen in allen den größern und anspruchsvollern Journalisten thematisch verarbeitet hat ein sagendeutendes Fingerspiel, in dem Deutschland den Daumen und Protagonisten, der Gote Jensen den Zeigefinger darstellt: Alles kommt von Deutschland, wie vom Weibe.
Es gibt also einen deutschen und einen amerikanischen Amerikanismus; aber seine Begriffsmasse hängt gegenwärtig noch undifferenziert in den Gehirnen. Am Anfang war das Wort: Amerikanismus. Und dieses ist eine deutsche Erfindung, die an sich beweist, daß die eigentliche überlegene Erkenntnis und Wertsetzung ihren Ursprung in deutschen Köpfen hat. Köpfen. Wenn die Ausnützung menschlicher Energien, deren methodische Zusammenfassung eben jener -ismus involviert, hat eine gebildeten, icherfahrenen und nervösen Typus zur Voraussetzung. Und dies sind Eigenschaften, die der Deutsche hat, nicht der Amerikaner; die nationalen Folgeerscheinungen akuter Dispepsien nämlich ergeben durchaus nicht jene gewünschte hochrassige Nervosität, die die äußere Fixigkeit zu einem innern Ereignis des schnellen Menschen macht und zu einer säkularen geistigen Haltung bestimmend beiträgt. Der Amerikaner ist ein Standardmensch unsrer Entwicklungssehnsucht. Aber ihm gleichen in Amerika genau so wenige wie in Europa, und alle andern siebzig Millionen freier Bürger sind ebenso verzweifelt arbeitende Schurken und Mühlentreter wie anderswo. Der Träger des Amerikanismus im amerikanischen Sinn ist nur der große Unternehmer, die personifizierte Profitlawine, der Boß. Seine sozialen Rangnächsten schon die ärmsten und gottverlassensten Kulis; man vergesse doch nicht, daß der asiatische Kuli in seinen Mußestunden Schach spielt, der Amerikaner aber nur Fußball, und auch dies nicht einmal, weil er sich es von hochbezahlten Professionals vorspielen läßt. Dieser Amerikanismus steht ohne Epitheton da. Er ist kaum widerwärtig oder unberechtigt, nur zufällig, ach, so zufällig: ein echauffiert gewordener Beamten- und Tätigkeitseifer schwitzt sich hemdsärmelig in die hohen Ziffern hinein. Amerikanismus aber wird die Geschichte erst, wenn sie in die deutsche Phantasie kommt und zur Form gefriert. Und jetzt ergibt sich ein Wille zur Typen- und Heroenbildung, das Außen menschlicher Energien wird organisiert, um diesem steifgeschraubten, ekstatischen, im Nüchternheitsrausche tanzenden Ich den heftigsten und wildesten Ausdruck zu finden, so daß man sagen möchte: Der Amerikanismus ist die Poesie jener gesteigerten Generation seit 1900.
Der Europäer weiß nicht, daß der Amerikaner sein Geschäft mit jenen romantischen Methoden macht, wie sie Kinder gebrau - [543] hen: dem Superlativ. Für den Europäer handelt es sich darum, von der im täglichen Lebensbetrieb so schleppenden Romantik und Genialisierung der selbstverständlichen Dinge loszukommen. Der Amerikaner aber subtrahiert im Vorhinein den fünfzigprozentigen Aufschlag an dekorativem Talent und würde als Geschäftsmann jedem Unternehmen mißtrauen, das nicht mit grotesken Übertreibungen arbeitet. Durch diesen Prozeß wahrt er sich noch immer den richtigen Blick für Proportionen, die dem Europäer naiver erscheinen, als sie in der Tat sind. Dieser schwört auf Rekorde und professionelle Geniestreiche wie auf Durchschnittsleistungen. Der Amerikaner hingegen hat das Temperament eine Backfischs: er schwärmt und hat doch den großen Ernst fürs Leben, soweit dieses aus Taschengeld und Rosinen besteht. In diesem schwärmerischen Sinne kann man sagen, er habe eine Leidenschaft für den Rauhreiter, er ist ihm nationales Heroentum und eine Art homerisch primitiven Kunstempfindens, das am Inhalt haftet. Amerikanische Schöpfungen sind großzügig und lückenhaft. Der Amerikaner fühlt sich unbeschränkt in seinen Möglichkeiten; als Persönlichkeit ist er von unmöglicher Beschränktheit; denn Persönlichkeit weiß, daß sie eine einzige Möglichkeit zufriedenstellen kann und - muß. Ein Amerikaner will nichts hören von Müssen. Er haßt die Disziplin.
Und hiermit gelangen wir zu dem reinen Amerikanismus, jener intellektuellen Strömung, die man meint, wenn man das falsche Wort hofiert. Der praktische Amerikanismus, der darauf beruht, daß man Geld über alles schätzt, war zu keinen Zeiten originell: er existierte bei den Krämern aller Epochen und Nationen und konnte die neue Perspektive nicht sein, die sich plötzlich den Führern der mitteleuropäischen Kulturen auftat. Der reine Amerikanismus fußte auf der Proklamation eines neuen Menschentyps und hatte vom Amerikaner nur jene Eigenschaften, die dieser nicht besaß: Sachlichkeit, Disziplin, Selbstsucht, Verständnis für Wirklichkeit. Die Idee war, den deutschen Soldaten zu reorganisieren, und diese Idee ist im Zuge. Die intellektuellsten Köpfe Mitteleuropas haben sie erfaßt. Das alte friederizianische System wird der Technik und der Hand in Hand damit gehenden Entwicklung der gotischen Psyche angepaßt, sowie sich heute ein Truppenkörper in raffinierter Mimicry taktisch und koloristisch dem Terrain anpaßt. Von Moltke und Roosevelt, der die San Juan Hills pittoresk gestürmt hat, mit Schlapphüten, Schärpen und mexikanischen Cowboy-Sporen, war Moltke der bessere Amerikaner. Moltke ist auch unser Mann. Er hat den kühnen Blick für Realität, an der der Idealismus nicht zugrunde geht; sondern, die er befruchtet, daß sie ethisch wirkt. Es ist dann eine Tugend, innerhalb dieser Re- [544] alität zu leben, und jenes peinlich Verhältnis bleibt erspart, bei dem die eigentliche Befriedigung des Individuums erst eintritt, wenn seine wichtigsten Bedürfnisse im beargwöhntesten Abteil des Lebens und wie mit einem ewigen Attentat auf den doch allein seligmachenden Idealismus gestellt sind. In diesem Falle ist die Welt fürs Essen, Trinken und Verdauen, fürs Robotten und Geldverdienen und sehnt sich doch und sagt sich doch, unzufrieden im Geheimen, daß das Leben ohne diese Dinge reinlicher wäre. Aber es fällt den Leuten nicht ein, diese reellen Dinge schön zu gestalten, indem man sie ins Helle rückt, das Leben großzügiger verteilt und es in seiner Sachfälligkeit Kunst und Idealismus sein läßt. Denn die Verheimlichung einer Realität ist Zeitraub. Nur durch prompte Anerkennung und Erledigung der einen gelangen wir zu jener nächsthöheren Realität, auf die wir uns konzentriert zu sehen wünschen.
Jenes ist der amerikanische, dieses wäre der deutsche Amerikanismus; jener ist eine Schmiere, bei diesem handelt es sich um einen Protagonisten. Die Stichworte zu diesem sind da. Alle wirklich bedeutenden Dichter der letzten Dekade haben sich um sie bemüht. Wie aber soll das Leben dazu aussehen, wie der Mann? Amerikanisch nur insoweit, als dies deutsch bedeutet. Denn die Urzelle des Amerikanismus ist deutsche Tüchtigkeit, aber als exotische Marke rückimportiert. Sowenig der Deutsche drüben gesellschaftlich rangiert, so ausgeprägt deutsch ist Vieles und grade das Beste im administrativen und organisatorischen Verlauf. Aber die verfremdeten, entgeisteten Werte der eigenen Seele kommen Deutschland zurück und lasten ärger auf ihm als seine treuesten Laster. Der deutsche Amerikanismus ist schöpferischer als der amerikanische, denn er ist auf einer weitaus menschlicheren Grundlage errichtet. Der amerikanische Amerikanismus in Deutschland aber amerikanischer und gefährlicher als der in Amerika aus demselben Grunde. Der deutsche ist immer, noch in seinen fragwürdigsten Existenzen, schöpferisch. Der Amerikaner aber menschlich unschöpferisch noch in seinen größten. Denn man irre sich nicht: Die Dekadenz des deutschen Typs um 1890 herum war nur eine Vitalitätsverschränkung, keine wirkliche Entartung. Gabriel Schilling, der aus innerm Dilemma und nervöser Erschöpfung in den Tod geht, ist weit weniger dekadent als Carnegie. An das intense life Kramers oder Arnolds in Heinrich Manns Zwischen den Rassen reicht keine Roughrider-Seele heran; deren Kunststücke sind von uns wieder einmal phantastisch überschätzt worden. Immerhin mit dem biologisch wertvollen Erfolg, daß nun diese Innerlichkeit zur bewunderten Roughrider- und Chauffeur-Grazie sich kapabel zu machen strebt und erst damit wirklich die Materie unter [545] den Geist zwingt: denn erst wo jene mechanisch und smartest erledigt wird, ist dieser bei sich. Der Amerikaner ahnt nicht auch nur im Entferntesten, wie biologisch wichtig seine Tugenden für den Menschheitstypus sind. Dies tut erst der notorische Ahner, der Deutsche. Er mißversteht es gleich, und davor muß durch rechtzeitige Kritik gewarnt werden; aber er ist selbst dann noch schöpferisch. Der moderne Amerikaner dagegen ist mitsamt seinen Tugenden ein Dekadenzeffekt, organisch betrachtet. Und in der Tat: die Zahl der Irrsinnigen, der unbrauchbaren und gemeinen Art von Irrsinnigen, nicht die der brauchbaren wie Dostojewski, ist in Amerika erschreckend hoch. Ein Beweis dafür, daß es mit der rationellen Ausnutzung menschlicher Energien dort nicht so weit her ist. Darüber kann auch eine Figur wie Roosevelt, der übrigens ganz unamerikanisch, nämlich sehr romantisch-europäisch ist, nicht hinwegsehen machen. Die Hoffnung, aus dem Amerikanismus der Menschheit ein seelisches Dynamo-Prinzip zu gestalten, ist zwischen die Grenzen deutschen Landes gesät.