Die Begabung von Mann und Frau

Von Dr. med. Fritz Künkel – Berlin

[Volk und Welt # 2, (1939), 25-28.]

Es versteht sich von selbst, daß zwischen Männern und Frauen nicht nur körperlich, nicht nur biologisch, sondern auch seelisch, auch charakterologisch ein tiefgreifender Unterschied vorhanden ist. Die Worte "männlich" und "weiblich" drücken in ihren Gefühlswerten und Nebenbedeutungen diese seelischen Verschiedenheiten recht gut aus. Aber man versuche einmal, genau anzugeben, worin der Unterschied im einzelnen besteht, und man wird merken, daß hier eine fast unlösbare Aufgabe vorliegt.
Fast allgemein wird den Frauen die größere Naturnähe und die unmittelbare Verbundenheit mit den körperlichen Quellen des Lebens zuerkannt. Darum erweisen sich die Grundinstinkte der Frau als pflegerisch und lebenerhaltend. Der Mann dagegen gilt allgemein als der Aufbauende, Schaffende, Formende, der im Dienste seiner Ziele auch bereit ist, Leben zu zerstören und im Notfall das Ganze aufs Spiel zu setzen. Darum erscheint die normale Frau in den meisten Schilderungen als weich, als hegend und still; während der Mann als hart, als draufgängerisch und fordernd gedacht wird. – Aber es gibt keine Frau, die nicht auch bis zu einem gewissen Grade die hier männlich genannten Eigenschaften hätte, und umgekehrt auch keinen Mann, dem nicht auch die weiblichen Eigentümlichkeiten zuerkannt werden müßten.
Es gibt wohl kaum eine seelische oder charakterliche Eigenschaft, die ausschließlich dem einen Geschlecht zukommt und dem anderen ganz fehlt. Aber alle Eigenschaften treten beim Manne in einer anderen Färbung auf als bei der Frau. So gibt es auf beiden Seiten Mut bis zum Einsatz des eigenen Lebens; aber beim Manne ist es mehr der kämpferische Mut des Angreifers und bei der Frau mehr der stille, pflegerische Mut des Verzichts. Und ebenso ist es mit allen anderen Dingen. Denkfähigkeit, Gefühl, Gedächtnis, Willenskraft und was auch immer man nennen mag, es findet sich hier in einer mehr männlichen und dort vielleicht in einer mehr weiblichen Ausprägung, ohne daß jemand zu sagen vermag,, worin eigentlich nun letzten Endes dieser besondere Unterschied der Farbe oder des Stils oder der Prägung besteht.
Je weiter wir uns auf die Ansichten und auf die Meinungsverschiedenheiten der einzelnen Forscher einlassen, desto mehr verstricken wir uns hier in die dialektischen Schwierigkeiten der Menschenkunde, der Seelenkunde und der Kulturwissenschaft. Versuchen wir lieber auf eigene Faust, uns einen möglichst durchschnittlichen Mann und eine möglichst durchschnittliche Frau vorzustellen, die aus ihrem mann-weiblichen Gegensatz heraus in einen Streit geraten sind. [25 | 26]
Er sagt: "Das Ehepaar X., das wir gestern kennengelernt haben, ist doch sehr nett. Wir wollen die Leute bald einladen. Sie erzählen interessant und sind in vielen Dingen mit uns einig." – Sie sagt: "Wie kannst du diese Menschen sympathisch finden! Die meinen es doch nicht gut mit uns. Das sind ganz kalte und berechnende Naturen!" – Er: "Wie kannst du nur so reden! Was hast du für Beweise, die dich zu solchen Ausfällen berechtigen?" – Sie: "Sieh doch die Leute an, da braucht du doch keine Beweise. Wie sie sich bewegen und wie sie sprechen – das sind doch Gauner!" – Er: "Warum nur? Sie sind höflich, gebildet, freundlich. Was in aller Welt hat dich darauf gebracht, daß sie Gauner sind? Du mußt doch Gründe dafür haben, beweisbare Gründe!" – Sie: "Gründe! Gründe habe ich hunderttaufend, aber du siehst sie ja nicht!" – Er: "Ist das eine Logik!" – Sie: "Ja, das ist Logik, weil es die Wahrheit ist!" – Er: "Unsinn! Ich lasse mir den Umgang mit so vernünftigen Menschen nicht nehmen, bloß weil du Ahnungen oder Eingebungen hast. Was man nicht beweisen kann, ist nicht wahr."
Drei Monate später hat jener Herr X. seine Stellung verloren, weil allerhand Intrigen ans Licht gekommen sind oder weil er irgend etwas unterschlagen hat. Die Frau triumphiert. Der Mann ist wütend und nennt es einen törichten Zufall. – Dem Gelehrten fallen die berühmten Worte aus der Germania des Tacitus ein: "Die Frauen sind in den Augen der Germanen sogar heilige Wesen prophetischen Blickes, weshalb auch stets auf ihren Rat und Bescheid gehört wird."
Doch wir wollen gern auf die Steigerung verzichten; das weibliche Prophetentum ist entbehrlich. Dann bleibt unseren Frauen immer noch eine gefühlsmäßige Sicherheit des Urteils, außerhalb aller logischen Grenzen, im Bereiche des nicht mehr Beweisbaren; und diese Urteilskraft ist um so größer, je klarer und unverbildeter die betreffende Frau bisher gelebt hat. Gewiß gibt es auch Männer, die gelegentlich dieses Ahnungsvermögen oder diese fast hellseherische Intuition in hohem Maße besitzen. Aber das sind dann Männer, die auch sonst in ihrem Charakterbild mancherlei weibliche Züge aufweisen. Aber im allgemeinen neigen die Männer dazu, durch den Ausbau ihrer nüchternen und lebensnahen Logik jene intuitiven Kräfte, an denen sie ohnehin ärmer sind, auch noch absichtlich zu unterdrücken. Die männliche Kultur ist auf Vernunft gegründet.
Man kann sich aber noch einen anderen typischen Streit zwischen einem typischen Manne und einer typischen Frau vorstellen, in dem sich die weibliche Grundeinstellung nicht als über-, sondern als unterlegen erweist. Er sagt: "Der Einkommensteuer-Bescheid ist da; wir müssen für das vorige Jahr noch eine Abschlußzahlung von 36 RM leisten." – Sie sagt: "Jetzt noch für das vorige Jahr? Wo wir doch immer regelmäßig gezahlt haben! Du mußt sofort zum Finanzamt gehen und sagen, daß das unter keinen Umständen geht, da wir doch drei Kinder haben!" – Er: "Nein, da ist nichts zu machen. Ich [26 | 27] habe es nachgerechnet, es stimmt auf Heller und Pfennig." – Sie: "Das ist Unsinn! Wir haben doch schon so viel bezahlt! Und die Müllers nebenan mit ihrem einen Kind, müssen die auch nachzahlen?" – Er: "Herr Müller sagte mir, daß er sogar noch fünf Mark zurückbekommt." – Sie: "Nun hört aber alles auf! Frau Müller kauft sich ein seidenes Kleid, und ich habe nicht mal ein wollenes für den Nachmittag! Du gehst sofort zum Finanzamt und sagst, was den Müllers recht ist, ist uns billig!" – Er: "Aber Kind, das ist doch alles paragraphenmäßig festgelegt." – Sie: "Wenn du ein Mann bist, gehst du hin und bekommst auch fünf Mark zurück!" – Er: "Der Staat braucht sein Geld genau so wie wir." – Sie: "Der Staat soll sich das Geld von Müllers holen. Solange Frau Müller ein seidenes Kleid hat und überhaupt nur ein Kind ..." – Er nimmt achselzuckend den Hut und geht fort. Sein Einspruch, oder richtiger derjenige seiner Frau, wird nach vier Wochen von der Behörde abgelehnt. Er sagt lächelnd: "Das ist logisch." Sie, noch immer flammend, ruft: "Das ist unlogisch bis dort hinaus. Wo Frau Müller doch den ganzen Tag spazierengeht!"
Das Denken von einem übergeordneten Gesichtspunkt aus, und zwar das klare, kalte Denken, das auch die eigenen Interessen nicht anders erscheinen läßt als die Interessen des Nebenmannes, ist eine Fähigkeit, die, wie es scheint, seit jeher und überall den Männern in weit größerem Maße zukommt als den Frauen. Die Frau hält sich in solchen Fällen mehr an das vor Augen Liegende, Handgreifliche, Konkrete. Der Mann sucht nach dem Grundgedanken, erfaßt ihn und sucht von hier aus die Sache zu verstehen. Darum ist auch die Gerechtigkeit im weiblichen Empfinden etwas anders gefärbt als im männlichen. Aber die Frau ist nicht etwa weniger gerecht als der Mann, sondern nur in anderer Weise gerecht, so daß es manchmal fast aussieht, als ob es zwei Gerechtigkeiten gäbe. Aber bei näherem Zusehen zeigt sich, daß die Frau stets mehr dem konkreten einzelnen Falle gerecht wird, während der Mann die abstrakte Idee verwirklichen will. Die Frau widerspricht im Notfall der Idee zugunsten der augenblicklichen Wirklichkeit; der Mann tut meist lieber der Wirklichkeit Gewalt an, um die Idee durchzusetzen.
Der Frau als der Hegenden, Tragenden, Gebärenden liegt das Sein, das stoffliche Vorhandensein, das Bleiben, das Beharren und Bewahren am Herzen. Dem Manne dagegen liegt nicht das Sein, sondern das Werden am Herzen, das Gestalten, Formgeben und Führen, das uns meist im engeren Sinne als das Schöpferische erscheint (daß die Frau, besonders als Mutter nicht weniger schöpferisch ist, wird meistens vergessen). So stehen sich Frau und Mann nicht nur gegenüber wie Sein und Werden, wie Natur und Schicksal, sondern auch wie Stoff und Form, wie Leben und Geist.
Es ist kein Wunder, daß sie sich oft mißverstehen, sich streiten und sich voneinander entfernen. Aber es ist auch klar, daß sie als gleichwertige Teile eines Ganzen zusammengehören und aufeinander [27 | 28] angewiesen sind, und daß sie in lebenswidrige Einseitigkeiten verfallen, wenn sie sich nicht gegenseitig helfen, korrigieren, ergänzen und bereichern. Darum verkörpert das Wesen der Ehe im kleinen Maßstabe das Wesen der Geschichte: Wie ein Volk den Staat braucht, und wie der Staat nicht ohne Volk sein kann, so bedarf das weibliche Prinzip des männlichen und umgekehrt. Und wie es in der Geschichte von Volk und Staat eine Gefahr bedeutet, wenn das eine einseitig überwiegt zuungunsten des andern, so kann eine Ehe nicht bestehen, wenn das eine der beiden Prinzipien zu stark wird und das entgegengesetzte zu sehr in den Hintergrund tritt.