ERNST WILHELM ESCHMANN

CARL CHRISTIAN BRY - Versuch eines Porträts

Nach der Ausgabe von Brys Verkappte Religionen hrsg. v. Klaus E. Zippert, Lochham: Gans 1964 


I

Es war, als der brausende Anfang der Zwanzigerjahre des Jahrhunderts in die ruhigere und zunächst stabilisiert scheinende Mitte überging, nach dem Ende der großen Geldzerstörung, da man doch noch nicht genau wußte, wie arm man wirklich geworden war; denn das schöne neue Geld mit dem Dollarzeichen verhieß einen Wohlstand, wie er erst sehr viel später nach fürchterlichen Katastrophen und Krisen erreicht werden sollte.
Gerade dieses Sicherheitsgefühl der Jahre 1924/25 beunruhigte die Jugend. Sollte die Stabilisierung der Währung, wie Erich Maschke damals schrieb, zugleich eine Stabilisierung der Seelen bedeuten? Sollte alles, was seit dem Ende des Ersten Weltkrieges an Dynamik und Forderungen, an Verheißungen und Verkündigungen aufgestanden und ausgebrochen war, nun zu Ende sein, in sich selbst vergangen: der Expressionismus in Malerei und Dichtung, der Glaube an eine neue Menschheit, den selbst die Politiker nicht umhin konnten gelegentlich anzurufen, eine neue Religiosität und ein verändertes Verhältnis der Menschen untereinander, eine neue Brüderlichkeit?
Schon wenige Jahre später erwies sich, daß von allen diesen Dingen nichts zu Ende war und daß, wer damals jung und beunruhigt war, genauer fühlte als die erklärlicherweise nach dem ersten großen Krieg stärker ruhebedürftigen älteren Generationen. Die Jugend, die Schüler und Studenten, die jungen Arbeiter und Angestellten empfanden das Fortbestehen jener Forderungen, Erwartungen und Aufrufe. Es forderte der So- [10] zialismus, der Kommunismus; von rechts die verschiedenen Nationalismen, vom schlicht Preußisch-Nationalen bis zum betont anti-preußischen Ideal des »Volkes« oder gar bis zu einer weltweiten arischen Blutsgemeinschaft, die auf geheimnisvolle Weise allen eigentlichen Kulturleistungen der Menschheit zugrundeliegen sollte. Es riefen die Aufforderungen zur Staatserneuerung oder zur Lebensreform, die auf verschieden angepriesenen Wegen durch das richtige Trinken, das richtige Essen, die richtige Kleidung, das richtige Schlafen und Atmen zu erreichen sein sollte, die selbst aber auch nicht weniger verlangte, als daß man sich ihr ganz und rückhaltlos widmete. Es riefen die internationale Friedensbewegung oder die sportliche Ertüchtigung der deutschen Jugend, etwa durch den eben aufkommenden Skilauf, gleich schon vorbedacht für kommende Auseinandersetzungen um den Lebensraum. Es gab seit einem Jahrhundert wieder die ersten, noch mißverstandenen und reichlich verblasen auftretenden und doch zum Aufhorchen bringenden Ahnungen östlicher Religiosität und ihrer möglichen Bedeutung für den Westen; es gab die ersten Anstürme der abstrahierenden und der abstrakten Kunst; es gab, obgleich sie dem Anschein nach zusammensanken, die Nachwirkungen jener eigentümlichen seelischen Erregtheit, mit der sich der Deutsche zum zweitenmal fremd inmitten seiner Nachbarn befand - vielleicht den Russen ausgenommen - und deren künstlerischer Ausdruck der Expressionismus war, der dann merkwürdigerweise erst spät und auch nur über die ausländische Wertschätzung nach Deutschland zurückkam, vielleicht eben, weil er so deutsch war.
Im Rückblick erscheint das als eine Zeit überströmender Hoffnungen, einer allgemeinen Offenheit, deren Nichtwiederkehr nach 1945 man der zweiten Nachkriegsepoche immer wieder zum Vorwurf machen zu müssen glaubt. Was aber dabei für gewöhnlich übersehen wird, ist das Bedrückende, ja Zerreißende jener Ansprüche, die von allen Seiten auf den damals jungen Menschen eindrangen, und zwar weil es sich im Grunde [11] immer um einen religiösen Anspruch handelte. Jedesmal war die Frage gestellt, ob man sich denn wirklich dem da verkündeten neuen Glauben an das »Volk« oder an das »Proletariat«, an das Reich oder die Menschheit, an das Frontkämpfertum oder den Frieden, an die neue Seele, den neuen Leib oder den organisierten Sozialismus entziehen wolle?
Freilich, es gab auch Dinge, die leicht abzulehnen waren oder doch so schienen, nämlich das, was heute eher unter den Begriff der »Goldenen Zwanzigerjahre« fällt: die neue Sexualität, die exotischen Tänze, die Negersänger, die feierlich zelebrierten Operetten, glänzende Theateraufführungen, die der Jugend ebenso artistisch vollendet wie seelenlos vorkamen, die ersten Filme, die mit der Behauptung auftraten, Kunstwerke zu sein, die Ausstattungsrevuen und die glänzend gemachten »Magazine«, die »Bar-Zivilisation«, das zur Garçonne vermännlichte Girl und der effeminierte Gent.
Und doch: war diese Ablehnung, die in all diesen Dingen nur ein letztes Aufflackern der zum Untergang verurteilten, verachteten »alten Welt« sah, nicht selber im Begriff, überständig zu werden, aus der Gärung zu reicher Begeisterung, ohne je den Wein zu erreichen, zu einem rasch alternden Essig? Dies war die Frage, welche in der Mitte der Zwanzigerjahre die Jugend und ihre vielfältigen Bewegungen und Bünde durchzog. War der Anspruch, eine neue Welt zu vertreten, war ein Dasein, das auf eine schließlich doch nicht echte Weise in Arbeits- oder Lernwoche und Fahrtensonntag zerfiel, wobei der Lebensakzent auf dem letzteren lag, wirklich den harten Forderungen etwa des Kommunismus und des eben aufmarschierenden Faschismus mit seinen Willens- und Männlichkeitsidealen auf die Dauer entgegenzuhalten? Das Einschließende, Gewaltsame, den Menschen Bedrohende jener Ideologien wurde gespürt, und so entschloß man sich doch immer wieder zum Außenbleiben, genau so wie man die Ansprüche der Einzelreformer mit Jugendspott abgelehnt hatte, ohne dies begründen zu können. Aber man führte das alte Dasein mit schlechtem Gewissen wei- [12] ter in einer Fragwürdigkeit, die gefühlt wurde, die aber nicht sich selbst und ihre vielleicht bestehenden positiven Möglichkeiten verstand.
Da kam eines Tages ein Brief aus Mexiko. Er stammte von einem Angehörigen der Jugendbewegung, welcher, der Zivilisation ebenso überdrüssig wie der hochgemuten Verdrossenheit, mit der sie von seinen zurückgebliebenen Freunden abgelehnt wurde, auf das mittelamerikanische Hochland ausgewandert war und sich dort in einem sehr harten Dasein durchrang. Der Brief war voller Leidenschaft und Ironie; er kritisierte sowohl die Fülle der Bewegungen in der Heimat wie unseren Versuch, Formen und Haltungen aufrecht zu halten, die er aus überseeischer Entfernung als doppelt fragwürdig, ja leicht komisch empfand. Doch habe es keinen Sinn, dies alles weiter auszuführen, schloß der Brief, weil ein gewisser Carl Christian Bry in seinem Buche »Verkappte Religionen« das alles viel besser und gründlicher gesagt habe, welches Buch er uns hiermit dringendst zum Studium empfohlen haben möchte.
Nun gehörten die Zwanzigerjahre ganz besonders zu den Epochen, in denen es immer heißt, daß man dies oder jenes unbedingt lesen müsse, und so wäre eine solche Empfehlung zu den übrigen gelegt worden, wenn sie nicht gerade aus Mexiko gekommen wäre und mit solcher Schroffheit. Das Buch wurde beschafft; es war in einem Verlag erschienen, dessen Veröffentlichungen mehr theologische oder geographische Vorstellungen hervorriefen und auch Erinnerungen an die Schule, weil sie auf den Bücherborden der Lehrer standen. »Verkappte Religionen«, das wirkte doch befremdlich. Es war aber offensichtlich kein unbekanntes Buch, das unter Ausschluß der Öffentlichkeit erschienen wäre, stand es doch im sechsten Tausend, was im Jahre 1925, da die leichten Bucherfolge der Inflation vorüber waren, durchaus beachtlich schien.
Wir lasen und waren begeistert und beschämt, erfrischt und widerlegt, bestätigt und ermuntert. Ein Mann, von dem wir nie gehört hatten und der doch unter den Großen der damaligen [13] Zeit eine Rolle hätte spielen müssen - wir wußten nicht, daß er tatsächlich mit Thomas und Heinrich Mann, mit Carossa sich persönlich auseinandersetzte, mit Klabund befreundet war -, durchstach mit fechterischer Leichtigkeit die aufgeblasene Weltanschauung der Zeit. Er tat dies mit sublimer Unbefangenheit, gleichgültig gegen rechts und links, gegen konservativ oder modern, gegen Politiker oder Weltanschauler, gegen Lebensreformer und die Apostel einer neuen Seelenhaftigkeit, gegen Systematiker, Organiker, Heldenanbeter und Sexualisten. Und er wandte sich nicht zuletzt gegen die Verherrlichung der Natur, in der er, wie im Sozialismus der damaligen Zeit - was sich heute »sozialistisch« nennt, hat ja nicht jenes Prophetische der Zwanzigerjahre mehr -, eine Flucht sah.
Anbeter des Willens und Anhänger des reinen Gefühls, Besitzer unfehlbarer Methoden zur Menschenkenntnis und Weltbewältigung erblaßten ebenso vor dem Strahl dieser ruhigen Intelligenz wie die Geschichtsfälscher, die in sich problematische Naturen wie Friedrich den Großen oder Bismarck mit sehr zweifelhafter politischer Auswirkung zu schlackenfreien Heroen machten und damit Bilder aufstellten, denen für alle Zukunft religiös zu folgen war. Derartiges hatten wir wohl schon zögernd selbst gedacht; es aber auszusprechen und zu drucken gehörte ein Mut, der heute, wo solche Kritik allgemeinüblich ist, gar nicht mehr recht vorstellbar ist. Denn der Verfasser konnte sich ja auch nicht auf die Gegenseite stützen, deren uferlosen, bequemen und, wie sich bald erweisen sollte, praktisch ohnmächtigen Pazifismus er gleicherweise durchleuchtete und als Ersatzfunktion für etwas ganz anderes erwies.
Zu allen Zeiten erheben sich spitze Federn, welche die Irrtümer und Einbildungen der Zeit mit einer oft nur scheinbaren Unparteilichkeit aufspießen und zu einer rasch einschrumpfenden Schädlingssammlung vereinigen. Darum aber handelte es sich bei Bry eben nicht, und das hätte uns auch nicht angezogen. Ohne schon fähig zu sein, es zu begründen, spürten wir doch hinter diesen wie leicht hingewehten Urteilen und Deutungen [14] eine strenge Systematik, die eben ihre Wurzel in dem Begriff der »Verkappten Religionen« hatte, spürten eine besondere Bindung zur Zeitgeschichte, die mehr war als die eines reflektierenden Zeitgenossen, weil sie auf einem wirklichen Verstehen der geistigen und seelengeschichtlichen Besonderheit der Epoche beruhte, womit nicht nur die Zwanzigerjahre gemeint sind.
Es war auch nicht die frische, lebendige Polemik an sich, die uns lockte. Dazu traf sie neben dem, was uns nicht so sehr interessierte, zu vieles von dem, was uns lieb war. In dem langen Katalog, der von der Kunst der Selbstbemeisterung bis zu den Anhängern der Fließ'schen Periodik ging, von der Esperanto-Bewegung bis zur Heimatkunst, von den Antisemiten bis zur »Ernsten Bibelforschung«, von der Faust-Deutung bis zur rhythmischen Gymnastik, kurz alles umfaßte, was im heftigen Konkurrenzkampf miteinander wie in einem verwilderten Garten Anspruch auf die Gefolgschaft gläubiger Seelen erhob, blitzte der erste Strahl eines entschiedenen, aber menschenfreundlichen Rationalismus auf, der die Epoche traf. Es war die Darlegung eines Mechanismus, der mit jeder beliebigen Ausrichtung in Bewegung gesetzt werden konnte, als Brennstoff aber immer etwas gebrauchte, was bisher nur die Religionen in Anspruch genommen hatten: die menschliche Glaubenskraft. Vor unseren Augen wurde der Mechanismus weiter auseinandergenommen, sein Prinzip enthüllt: nämlich immer eine einzige Sache, am liebsten eine, die sich mit allen großen Menschheitsfragen verbinden ließ, aber auch Dinge, um die sich ein normaler Mensch, auch ein sogenannter »Interessierter«, nur am Rande bekümmerte, wie die Frage, ob Shakespeare eigentlich Bacon war, oder die Frage, inwieweit Genie Wahnsinn sei, zum allein Wichtigen in der Welt zu erheben, eben sie zur Religion zu machen - aber, und darin lag gerade das Kennzeichnende der Erscheinung, ohne daß je von Religion die Rede war. Es wurde uns gezeigt, wie dann in diesen Mechanismus das Gebläse der Überzeugung eingesetzt wurde, bis das Ganze sich ausdehnte [15] und immer mehr ausdehnte, ohne aber auf natürlichem Wege auseinanderzufallen, weil zuviel Menschen ihren Glauben, ihre Energie und oft auch ihr Leben darangesetzt hatten. Es wurde uns weiter gezeigt, wie die Dinge, Probleme, Aufgaben, die zu den Ansatzpunkten solcher verkappten Religionen gemacht wurden, eben dadurch der Denaturierung, der Entleerung verfielen und ihr ursprüngliches Recht auf Aufmerksamkeit und Dienst, das sie vielleicht besaßen, verloren.
»Verkappte Religionen«, das hieß, daß die Schuld und das Verhängnis nicht so sehr darin lagen, daß sie »Religion« waren, sondern daß sie als solche verborgen blieben, daß sie sich also über ihre eigene Beschaffenheit nicht klar wurden und klar werden wollten.
Die Wirkung des Buches war sofortig und durchdringend. Sie war auch in einem gewissen Sinne allgemein. Denn hinzukam, daß die »Verkappten Religionen« C. C. Brys zu den Büchern gehören, deren Titel nicht nur die exquisit leitende, schimmernde Ankündigung eines reichen, sorgfältig ausgebauten und in sich verfestigten Reichtums war. Der Titel konnte sich auch durch das, was er hinter sich hatte, von dem Buch ablösen und eine eigene Macht gewinnen. »Verkappte Religionen«, das war auch für diejenigen, die sich nicht die Mühe machten, das Buch zu lesen, eine magische oder richtiger anti-magische Formel. Sobald sie angewandt wurde - wenn man sie nicht vergaß, und darum war es doch vielleicht gut gewesen, das Buch wirklich zu lesen - zerstob mancher mächtige Anspruch, der darum so gefährlich war, weil er die besten Eigenschaften des Menschen, seine Hingabefreudigkeit und seine Lust zum Vertrauen, aber auch seinen Willen, etwas Gutem zu dienen, zu Verbündeten aufzurufen wußte.
Man könnte die damalige Wirkung des Buches mit einer Impfung vergleichen, die Immunität hinterließ, wenn auch nicht in allen Fällen und nicht dauernd. Genauer wäre aber ein Bild aus dem hormonalen Bereich, und zwar nicht, woran man üblicherweise dabei denkt, der Wachstumshormone, sondern [16] der feinen, vom Zentralnerven des Nervensystems ausgehenden Wirkungen, welche ein formzerstörendes, unfruchtbar werdendes Längenwachstum hemmen. Wie diese Hypophysenprodukte eine biologische Inflation hindern, so die »Verkappten Religionen« C. C. Bry's eine psychische, intellektuelle und emotionale.
Aber wer war dieser Carl Christian Bry? Mit der ganzen Undankbarkeit der Jugend, deren Schuld nur dadurch etwas gemindert erscheint, daß sie von der nächsten Generation pünktlich wiederholt wird, stellten wir uns diese Frage nicht. Und eingeschlossen in den Hag unserer eigenen Gruppen und Bewegungen - so erschüttert diese Eingeschlossenheit bereits war - ahnten wir auch nichts von dem großen Echo des Buches, das von der »Times« bis zum »Deutschen Volkstum«, vom katholischen »Hochland« bis zum »Berliner Lokalanzeiger« ging, von der liberal-protestantischen »Christlichen Welt« zu den »Werkblättern der katholischen Jugendbewegung«, von der »Deutschen Hochschule für Politik« zum »Deutschen Offiziersblatt«. Es war ein Echo, in dem »rechts« und »links« übereinklangen, vielleicht zum letzten Mal. Fragt man sich heute zurückblickend nach dem Grund, so liegt die Antwort wohl darin, daß hier ein Wesentliches der Zeit und nicht nur der Zeit, sondern ein Problem der menschlichen Struktur überhaupt berührt wurde.
Abseits der Politik und von ihrer obligaten Alltäglichkeit abgestoßen hörten wir auch nichts davon, daß ein anderer Mann, für dessen spätere Laufbahn die Gegensätze von rechts und links recht bedeutungslos werden sollten, mit dem Spürsinn für alles Wertvolle, der ihn auszeichnete, den Begriff der »Verkappten Religionen« zu einem praktisch politischen Werkzeug, zu einem Mittel der Auflösung von Komplexen und der Verständigung wenigstens in sachlichen Fragen zu machen wünschte. Es geschah dies durch den Abgeordneten Theodor Heuß bei einem uns heute wenig berührenden Anlaß, nämlich einer Debatte über die amtliche Bevorzugung einer bestimmten [17] Art der Stenographie [Sitzung des Deutschen Reichstags vom 16. Mai 1925]. Aber die von Bry's Buch angeregten Worte sind noch heute lesenswert:
Meine Damen und Herren! In einer Stadt nördlich von Peking lernten sich zwei Deutsche kennen und sie befreundeten sich in ihrer Einsamkeit. Nach einiger Zeit stellten sie fest, daß der eine ein Preuße, der andere ein Bayer sei, und es fiel ein Schatten auf ihre Freundschaft... Doch das Alleinsein trieb sie wieder zusammen, bis es sich ergab, daß der eine Gabelsbergianer sei, der andere Stolze-Schreyaner - und da haben sie sich nie wieder gesehen. - Gewiß, das ist eine heitere Übertreibung; sie verdeutlicht vielleicht, was wir eigentlich heute verhandeln: den ungeheuer schwierigen Versuch, eine praktische Frage praktisch zu lösen, die in Deutschland weltanschauungsgemäß versteift ist, weil die Deutschen aus technischen Problemen sofort eine Weltanschauung machen ... Auch die Stenographie ist ein Stück Glaube. Ein geistreicher Schriftsteller, Carl Christian Bry, hat neulich ein Buch geschrieben, in dem Anthroposophie, Rassenglaube, Yoga und alle solche Formen von Ersatzreligion beschrieben sind: »Verkappte Religionen«. Auch die Stenographie ist für viele eine verkappte Religion geworden.
Der Begriff der »Verkappten Religionen« gelangte also in den Sprachgebrauch. Damit erweiterte sich aber nur die Undankbarkeit; der Mann, der ihn geschaffen hatte, verschwand hinter seiner Entdeckung. Dies verstärkte sich im Krieg von 1939 bis 1945, von dem aus gesehen die Zwanzigerjahre zum Mythos wurden. Die »Verkappten Religionen« - der im Vergleich zu den jetzt üblichen Publikationen schmale Band im gelbbraunen Ballonleinen - wurden für viele zum Begleiter in Krieg, Lazarett, Gefängnis, Zwangseinsatz. Es gehört zu den beziehungsreichen Zufällen dieser Existenz und ihrer Nachwirkungen, daß der bescheiden wirkende Band gelegentlich mit den auseinandergenommenen Bogen des Riesenvolumens der ersten Auflage des »Mannes ohne Eigenschaften« aufbewahrt wurde. Niemand wußte davon, daß Musil und Bry sich auch im Tatsächlichen begegnet waren. Es war dies lange vor [18] dem Erscheinen der »Verkappten Religionen«. Musil, angetan von der Interessenweite und der Darstellungsfähigkeit des noch unbekannten Schriftstellers, wünschte ihn als Mitarbeiter im S. Fischer-Verlag und an der damals von ihm herausgegebenen »Neuen Rundschau«.
Daß Musil und Bry sich anzogen, wirkt heute nach dem Vorliegen der »Verkappten Religionen« und des gigantischen Werkes des »Mannes ohne Eigenschaften« nur zu verständlich. Werden doch auch in dem großen und wiederum im einzelnen so detaillierten, ja mikroskopisch ausgeführten Zeit- und Seelengemälde Musils viele Arten von verkappten Religionen künstlerisch dargestellt und in unvergeßliche Gestalten gebannt, eine nach der anderen von der Erbarmungslosigkeit eines reinen und klugen Herzens durchleuchtet. [Anfang]

II

Die Wiederherausgabe der »Verkappten Religionen« gibt Gelegenheit, jene Ungerechtigkeit gegen die Person wenn auch nicht gutzumachen, so doch wenigstens einzuschränken. Carl Christian Bry, eigentlich Carl Decke, war am 18. April 1892 in Stralsund geboren. Sein Vater, Inhaber eines großen Metzgereigeschäftes, stammte aus Schlesien und hatte sich in den Reihen des Stralsunder Bürgertums einen angesehenen Platz erworben. Die Familie seiner Mutter war in Pommern ansässig; ihr Vater war Kantor; die mütterliche Linie dieser Familie war holländischer Abstammung; Bry nahm ihren Namen als seinen Schriftstellernamen an, wobei er das y deutsch wie i aussprach.
Der Welt, aus der er stammte, entwuchs Bry früh. Er stand stets in dem, was für ihn gerade Gegenwart war, und interessierte sich mehr für die Zukunft als für die Vergangenheit. Dennoch blieb er seiner Familie, dem Vaterhaus und der Heimatstadt verbunden. Es war ein Bild wohlhabenden, freien, von der herrschenden protestantisch-konservativen Strenge wenig beeinflußten Bürgertums und einer patriarchalischen Hausordnung, in welcher die zahlreichen Gesellen und Angestellten des Geschäftes wie in einer großen Familie in Fürsorge und Disziplin eingeschlossen waren, ein deutsch-handwerkliches Milieu, das am Ende des 19. Jahrhunderts an seinen Anfang, an ein anderes Stralsunder Bürgerhaus, das Elternhaus von Philipp Otto Runge, erinnern mochte.
Nach allem, was sich noch erkennen läßt, war es ein liebevolles, harmonisches Elternhaus, dem freilich das Glück nicht treu blieb. Von den beiden Brüdern Brys verscholl der eine im Ersten Weltkrieg, der jüngere starb am Herzschlag im Augenblick der Verhaftung durch die Gestapo. Die behütende, warme Umfassung durch das häusliche Milieu war für Bry besonders [20] notwendig, weil schon bald nach seiner Geburt entdeckt wurde, daß seine linke Körperseite nicht richtig reagierte. Links blieb er teilweise gelähmt und zog diese Seite nach. Doch hinkte er nicht eigentlich, sondern sein Gang wird als »ein fideles Schwingen der gelähmten Seite« beschrieben. Da die Lähmung auch auf das linke Auge und die Unterlippe übergegriffen hatte, erschien er denen, die ihn kennenlernten, zunächst geradezu unintelligent.
In solchem Fall gibt es entweder die Möglichkeit eines Minderwertigkeitsgefühls, das sich in einer komplizierten Neurose verstecken mag; oder es bleibt für den Betroffenen der positive Ausgleich: die Erkenntnis der erhöhten Anforderungen an Seele, Intellekt und Leib und eine darauf folgende überdurchschnittliche Leistung. Bry ist diesen Weg gegangen. Er war nicht nur der beste Schüler des wie in den meisten Ost- und Nordseestädten mit alter Tradition besonders anspruchsvollen humanistischen Gymnasiums, sondern er kämpfte auch in trotzigem Aufbegehren um körperliche Gleichberechtigung. Ungeachtet seiner Behinderung beteiligte er sich an Schülerkämpfen, und darauf führte es seine Mutter auch zurück, daß er eine Zeitlang immer wieder mit Kratzwunden und blauen Flecken nach Hause kam. Der Elfjährige aber hatte sich heimlich allein das Radfahren beigebracht, bis er triumphierend vor den Auslagefenstern des väterlichen Geschäftes vorbeifahren konnte. Auch ließ er sich durch seine körperliche Benachteiligung nicht daran hindern, wie jeder normale Junge von damals auch einmal auszurücken, und zwar als Sechzehnjähriger mit dem durch Nachhilfestunden heimlich erworbenen Geld nach Brüssel und Paris. 1911 beginnt das Studium, zunächst in Berlin und Leipzig; entscheidend werden aber wohl die späteren Semester in München und Heidelberg. Gerade zu Beginn des Hochschulstudiums geraten die Eltern in eine geschäftliche Krise. Bry, der Student der Geschichte und Nationalökonomie, Jurisprudenz, Germanistik, Theaterwissenschaft und natürlich Philosophie, muß sich selber helfen. Er tut dies als Theaterkritiker und Verfasser von [21] Filmmanuskripten. Somit gerät er in eine Umgebung, die der Atmosphäre seines Elternhauses aufs Äußerste entgegengesetzt ist. Es ist die erste Stummfilmzeit, die außerhalb jeder bürgerlichen Ernsthaftigkeit und Schätzung, ja auch der Kunstvermutung liegt.
Mit der neugierigen Intensität, die ihn charakterisiert, arbeitet sich der schon als Gymnasiast von Literatur und Theater Besessene in dieses dennoch fremde Milieu ein. Eine natürlich nicht mehr verifizierbare Legende deutet an, er habe zu den Günstlingen des damaligen Stars der deutschen Filmwelt, der klugen und sympathischen Dänin Asta Nielsen, gehört. Asta Nielsen vertrat das Dämonische; daß Bry an der anderen, der blonden Seite des jungen deutschen Kinos, an Henny Porten, die er ebenfalls kennenlernte, weniger Geschmack fand, ist verständlich. Mußte ihm doch diese Schauspielerin, die später ein so trauriges Schicksal haben sollte und durch die Treue zu ihrem jüdischen Mann aus Glanz und Reichtum in Armut und Unbekanntheit sank, damals als die Verkörperung dessen erscheinen, was er bereits leidenschaftlich abzulehnen begann: des Spießigen, des Sentimentalen, des »Nationalen« im eingeklemmten Sinne -eben als »Königin Luise«, in welcher Rolle sie ja damals ihre Triumphe feierte. Das menschlich wichtigste Ereignis der Berliner Zeit war aber die Freundschaft mit dem Dichter Klabund, der mit Bry dasselbe Schicksal haben sollte, eine Freundschaft, die sich später in München erneuerte und verstärkte.
Von den akademischen Lehrern Brys erscheinen im Zusammenhang seiner Entwicklung zunächst Dessoir und Simmel von Interesse: beides Philosophen, die sich mit Vorliebe außerhalb des Rahmens der von Bry selbst in der Einleitung zu den »Verkappten Religionen« mit respektvoller Ironie gezeichneten begriffstechnischen Philosophie der Zeit bewegten. Dessoir beschäftigte sich mit dem Okkultismus und schrieb eines der besten Bücher über die Kunst der Rhetorik, vielleicht das einzige in Frage kommende in deutscher Sprache; Simmel, stark soziologisch gerichtet und den Erscheinungen des Lebens zuge- [22] wandt, entwarf eine Philosophie nicht nur des Geldes, sondern auch anderer Dinge und Geräte, die er in ihrem unmittelbaren philosophischen Bezug anpackte.
Daß Bry gerade in Richtung der Herausarbeitung seiner eigentümlichen, lockeren, freimütigen Darstellungsart von diesen beiden Männern beeinflußt wurde, ist anzunehmen. Weit sicherer aber erscheint das bei den Lehrern in Heidelberg, bei dem Kulturgeschichtler Gothein, dem Nationalökonomen Lederer und den Völker- und Staatsrechtlern Thoma und Fleiner. Hier handelt es sich freilich nicht so sehr um die Darstellungsart als um den gründlichen Aufbau eines Wissensgrundes, von dem sich die spätere Polemik Brys und sein begriffliches Einfangen der Zeiterscheinungen und nicht nur Zeiterscheinungen erheben sollte. Die Verbindung des Schweizer Staatsrechtlers Fleiner von Humanität, begrifflicher Klarheit und strengem Freiheitsdenken, die präzise, wenn auch etwas trockene und ebenfalls vom Geist der Humanität getragene Begriffsarbeit Thomas sind hier nicht weniger anzuführen als der weite kulturgeschichtliche Überblick Eberhard Gotheins: Er gehört zu den ersten, die ganz in der Art, die später Bry auf seine so unverwechselbare Weise entwickeln sollte, religiöse, geistige und soziologische Erscheinungen zusammensah, mochte es sich nun um das Bürgertum Neapels in der Renaissance handeln oder um den Versuch der Jesuiten, Platons »Staat« mit einer indianischen Bevölkerung im Paraguay des 17. Jahrhunderts zu verwirklichen. Gothein zog bereits die mißachtete und als Sammlung von Kuriositäten mißverstandene Kulturgeschichte über die Zwischenstufe ihrer schamhaften Bezeichnung als »Kultursoziologie« zur wirklichen Kulturphilosophie empor, die sich geistes- und religionsgeschichtlicher, soziologischer und psychologischer Methoden zur Beschreibung und zum Verständnis der Erscheinungen der Kultur, der vergangenen wie der gegenwärtigen, bedient.
Die »Verkappten Religionen« sind eine Anwendung dieses Verfahrens, doch so fein angebracht und in den persönlichen [23] Stil eingearbeitet und so von der Leidenschaft fast immer gerechter Polemik bestimmt, daß dies - wie es ja auch sein soll - nicht mehr sichtbar ist. Es wäre ein schlechter Künstler, der sein Werkzeug in der vollendeten Arbeit stecken ließe. Doch ist auf diese wissenschaftliche Herkunft Brys hinzuweisen, weil sonst leicht der Eindruck entsteht, als läge hier nur etwa Begabt-Improvisiertes vor. Denn Bry gehörte, immer abgesehen von der spezifischen Genialität seines Blickes, zu den glücklicherweise auch in Deutschland nicht so seltenen Schriftstellern, die ihre Verwurzelung in der Universität, unmerkbar, wie dies bei Wurzeln angemessen ist, in der Publizistik Früchte tragen lassen.
Doch sind die Beziehungen zu den genannten Lehrern auch wieder nicht zu überschätzen. In der Weise seines Sehens und Prüfens stand Bry, worauf noch zurückzukommen sein wird, einer anderen Richtung, der damaligen südwestdeutschen Soziologie und Geistesgeschichte, weit näher. In der Tat ist es auffallend, daß sich weder in Heidelberg noch in München unter seinen Lehrern der Name Max Webers findet. Möglich, daß hier eine instinktive Scheu vor einer zu großen Nähe am Werke war. Beide waren Kämpfernaturen, Kämpfer gegen ihre Gegenwart bei leidenschaftlicher Bejahung der großen Gestaltungsmöglichkeiten eben dieser Gegenwart, so sehr auch die schwerblütige, auf asketische Feststellung gerichtete Art Max Webers sich von der plänkelnden, vorprellenden Erkundungsweise Brys und dem darauf folgenden Frontalangriff unterschied.
Nicht weniger charakteristisch erscheint es aber für Bry, daß er auch zu Lederer, dem theoretischen Nationalökonomen, und zu Altmann, dem Finanzwissenschaftler, ging. Es war - wie jeder, der sie noch selbst erfuhr, bestätigen kann - eine in ihrer Synthese von begrifflicher Genauigkeit und theoretischer Verarbeitung des wirtschaftlichen Tatsachenmaterials sehr anspruchsvolle Schule; hinzu kam, daß Bry in Lederer einen der menschlich vornehmsten Vertreter des damaligen revisionisti- [24] schen Marxismus kennenlernte. Die Wahl des Finanzwissenschaftlers aber weist noch auf etwas anderes hin, nämlich auf die bei aller Hingabe an religiöse, kulturelle und literarische Fragen große geschäftliche Begabung Brys.
Zunächst war darum auch nicht die Rede davon, daß Bry seine geistigen Interessen in eigenen Veröffentlichungen vertreten würde. Seine unter Gotheins Patenschaft entstandene Doktorarbeit über Buchreihen in deutschen Verlagen zeigte vielmehr die Arbeitsrichtung, die er zuerst einschlagen sollte: das Verlagswesen erst in fremder und dann in eigener Regie. Es scheint, daß Bry damals ein Ausbau der im zweiten Jahrzehnt des Jahrhunderts eben Mode gewordenen, aber noch sehr schwerfällig aufgebauten Buchreihen in Richtung der heutigen Taschenbücher vorschwebte. Jedenfalls erwies er sich bei Friedrich Andreas Perthes, wo er 1915 als Verlagsdezernent eintrat, mit seinen Vorschlägen sehr erfolgreich. In der von Zweifeln freien nationalen Begeisterung, in der damals jedermann lebte, startete er die Idee der »Kriegsbücher«, etwa über den Kreuzer »Möwe« oder den Flieger Boelcke.
Die Massenauflagen dieser Bücher lenkten die Aufmerksamkeit Ullsteins auf Bry. Mit der üblichen Großzügigkeit dieses Hauses wurde ihm vorgeschlagen, eine besondere Verlagsabteilung für ihn zu gründen, die aber selbständig sein und sogar seinen Herausgebernamen tragen sollte. Wenn Bry auch auf seinem damaligen Wirkungsfeld zu einem für sein Alter von nur vierundzwanzig Jahren erheblichen Einkommen gelangt war, so war dieses Angebot doch äußerst verlockend. Nach einigem Schwanken lehnte Bry ab. Es war gerade die Größe des Projektes, die unkontrollierbare Übermacht großer Mittel, in die er hier hineingeraten mußte, die ihn nach seinen Angaben abschreckte und zurückhielt; in Wahrheit wohl ein Instinkt, der ihn vor einer Festlegung warnte, die seine eigene spätere Produktivität unmöglich gemacht hätte.
Gegen Ende seiner Tätigkeit bei Perthes kam es zu einer physischen Katastrophe, die mit dieser seiner Tätigkeit in kei- [25] nem Zusammenhang stand, möglicherweise aber zu den Ursachen seines frühen Todes gehörte. Bei der Revolution von 1918 versuchten linksradikale Elemente das Verlagshaus zu stürmen und die Druckmaschinen zu zerstören. Die Arbeiter des Hauses baten Bry, der mit einer Rippenfell- und Lungenentzündung in hohem Fieber lag, den Angreifern entgegenzutreten. Er raffte sich tatsächlich auf, und es gelang ihm, die Zerstörung des Verlages zu verhindern mit dem Versprechen, abends in die kommunistische Versammlung zu kommen und sich zu rechtfertigen. Er tat es auch mit Erfolg, erlitt aber einen so schweren Rückfall, daß man das Virulentwerden der Tuberkulose in seinem ohnehin geschwächten Organismus auf diesen Zeitpunkt zurückführte. Von da an bis zu seinem Ende in Davos war er eigentlich nie mehr fieberfrei.
Um so intensiver pulsten nun die intellektuellen Energien, die nach Betätigung drängten, zunächst in der sich selbst mißverstehenden Form des eigenen Verlegertums. 1919 verließ Bry den Perthes-Verlag, um nur einmal kurz als Berater zu ihm zurückzukehren. Dann gründete er in München den »Heimkehr-Verlag«.
Der Name der Verlagsgründung kündigt bereits die Tendenzen an, die sich später in den »Verkappten Religionen« aussprechen sollten. Er sollte einer Rückkehr zu den Werten eines geläuterten Konservativismus dienen; nicht ohne den Überschwang, der künstlerisch gleichzeitig in dem plötzlichen Aufstieg des an sich ja schon älteren Expressionismus seinen Ausdruck fand. Der Heimkehr-Verlag erlitt das Schicksal unzähliger Gründungen in der ersten Hälfte der Zwanzigerjahre (und dann wieder in den Jahren 1945 und 1946): er zerging mehr, als daß er stürzte, an der zeitüblichen Kombination von Idealismus des einen Teilhabers, unmöglichen Ansprüchen des anderen, Unsicherheit, Unredlichkeit und phantastischen Gewinnerwartungen der Mitarbeiter. Als dies sichtbar wurde, überließ Bry den Verlag seinem Teilhaber und wurde damit für seine eigentliche Arbeit frei. [26]
Vorher jedoch war in das Leben des Kranken, stets Bedrohten, von Jugend auf nach gewöhnlichen Begriffen Invaliden das Wunder eingetreten. Eine schöne, junge, geistig bedeutende Frau, dazu nicht unbemittelt - auch das gehört zum Märchen - hatte sich ihm zugewandt und ist dann bis an Brys Ende, und in der Pflege seines Andenkens darüber hinaus - Gattin, Gefährtin, Wächterin, verständnisvolle Freundin gewesen und geblieben, Bry immer neu die Möglichkeit gebend, nicht nur ungehindert zu arbeiten, sondern auch in einem stets gastlichen Haus Mittelpunkt eines Kreises von intellektuellen und musischen Freunden zu sein. [27] [Anfang]

III

Wenn uns die erste Nachricht von den »Verkappten Religionen« aus Mexiko zukam, so hatte das sogar eine gewisse Stimmigkeit, weil paradoxerweise Süd-Amerika die Ursache war, daß die »Verkappten Religionen« geschrieben werden konnten, und dies in einer Ruhe, die ihnen gestattete, ein Muster der Polemik zu werden. Zu den besten Freunden, die Bry während seiner Studienzeit in Heidelberg gewann, gehörte der Sohn und spätere Nachfolger des Inhabers der größten deutschen Zeitung »drüben«, des liberal gerichteten »Argentinischen Tageblattes« in Buenos Aires. Dieser Freund Alemann ergriff mit Begeisterung die Gelegenheit, Bry in seiner Zeitung regelmäßig über die politischen und kulturellen Dinge des damaligen Deutschlands berichten zu lassen. Die an sich nicht hohen, aber in Dollars ausgezahlten Honorare gestatteten dem gelähmten und nunmehr unheilbar erkrankten Bry, ohne äußere Sorgen über die Inflation hinwegzukommen und außerdem Kollegen, welche dieses Glück nicht hatten, gastlich beizustehen. Berühmt waren die nachmittäglichen Kaffeegesellschaften in der Villa in Pasing, wo der herankommende Gast schon von dem Duft der Obstkuchen begrüßt wurde, die auf den Balustraden des Aufganges abkühlten.
Wenn man sich vorstellen will, wie Bry damals in München wirkte, muß man sich aber besser an eine von Hans Brandenburg berichtete Erinnerung halten, nämlich wie er in der alten Buchhandlung Lehmkuhl in der Leopoldstraße einmal den roten Samtvorhang aufhob, der den Zugang zur Hinterstube verbarg, in der gerade Thomas Mann, Heinrich Mann, Hans Carossa und Hans Brandenburg versammelt waren. Der Empfang war zunächst gar nicht freundlich. Bry, der sich noch durch keine literarische Leistung ausgewiesen hatte, wenn er auch [28] als Mitarbeiter beim »Hochland«, beim »Deutschen Volkstum« und bei der sozialdemokratischen »Münchner Post« bekannt geworden war, erschien als Eindringling und wegen seiner Art als Spötter. Der Erzähler schildert aber nun, wie sich dies wandelte, wie die anwesenden Berühmten doch eine gewisse Überlegenheit, ein merkwürdiges In-sich-Ruhen dieses gelähmten Mannes mit seinem auffallenden Gang empfanden. Bry seinerseits konnte bei dieser Gelegenheit die Vertreter einiger »verkappten Religionen« erblicken, in Heinrich Mann die Überhöhung der politisch-sozialen Revolution in romantischer Form zu einem verpflichtenden Menschheitsglauben; in Hans Brandenburg, dem nach Bayern exilierten Norddeutschen, die Verherrlichung des süddeutschen Lebens und Lebensgenusses um ihrer selbst willen; im gewiß verehrungswürdigen Hans Carossa doch auch wieder eine verborgene Religion der Verwandlung aller Dinge in Stille und Harmonie selbst gegen den Protest ihrer Schreie und Tränen. Nur Thomas Mann hätte in die von Bry entdeckte Kategorie nicht einbezogen werden können.
Aber Bry war Pasing, nicht Schwabing, und dies ganz bewußt. Er liebte die Distanz von dem politischen und intellektuellen Treiben, das in Schwabing kulminierte, oder einmal unglücklicherweise zwischen Schwabing und der Innenstadt an der Feldherrnhalle, und liebte auch die volkstümliche Art, welche diese Vorstadt, damals noch keine eigentliche Vorstadt, sondern ein Ort für sich, bewahrte. Es gab aber wiederum zwei Pasing, zwischen denen er seine Wahl traf: das Pasing der »Gartenstadt« in der steckengebliebenen Form einer Reformbewegung aus wilhelminischer Zeit, und das alte Pasing des Dorfes in noch unverfälschter, allerdings immer städtischer werdenden Volksart. In einem seiner Berichte nach Argentinien entwarf Bry ein eindrucksvolles Bild der »Gartenstadt«: die Familien, die früher einmal bessere Tage gesehen hatten, der Gegenwart grollend, gelegentlich noch ein Papier verkaufend, was sich sofort in einer Steigerung der Einkäufe beim örtlichen [29] Kolonialwarenhändler in der Straße äußert; die Neureichen der Inflation, die es irrtümlich noch für fein hielten, in diese Gartenstadt zu ziehen, und die in der Inflation Verdämmernden und Verhungernden.
Bry wählte nach mehrjähriger Erfahrung der »Gartenstadt« für sich das andere Pasing; er liebte es, über den Geräuschen der Straßen und dem Lärm der vorstädtischen Wirtshäuser zu leben. Er legte auch Wert darauf, über möglichst viel von dem, was in diesem Gemeinwesen geschah, unterrichtet zu werden; als er kränker wurde, gehörte es zum Beginn seiner zwangsweise im Bett verbrachten Morgen, bevor er zum Schreibbrett griff, sich während des Frühstücks von der langjährigen Aufwartefrau das Neueste aus Pasing erzählen zu lassen, und den Kommentaren der selbst tapfer gegen Unglück und Krankheit ankämpfenden Berichterstatterin ein freundliches Echo zu geben. Es war eine Spiegelung des Weltlaufs im kleinen, dessen selbstbewußte Bewegungen und noch mehr dessen unbewußte Einkapselungen im großen er selber zu reflektieren suchte.
Dies sprach sich aus in einer ausgebreiteten tagespublizistischen Tätigkeit, die von Anfang 1921 bis 1926 vierhundert Arbeiten hervorbrachte. Vom Tage angeregt, den Tag schildernd, erscheint aber auch in den kürzesten Feuilletons immer im Hintergrund die Zeit, welcher dieser Tag angehörte. Es sind Arbeiten, die schon durch den Raum zwischen Europa und Argentinien gezwungen waren, zusammenzufassen, aber dies auch aus einem inneren Bedürfnis taten. Bry war hier im eigentümlichen und positiven Sinne deutsch, wenn er sich wehrte, auch das Einzelhafteste, den zufällig aufgehobenen Kiesel, einen flüchtigen Theatereindruck, anders als in Beziehung zum Ganzen zu sehen.
Die selben Jahre, in die Brys journalistische Tätigkeit fällt, die Münchener Jahre, sind von Thomas Mann in den betreffenden Kapiteln seines Dr. Faustus so meisterhaft umrissen und angedeutet worden, daß sich der Versuch erübrigt, diesen Hintergrund von Brys damaliger Tätigkeit noch einmal darzustel- [30] len: dieses Ineinander von unerschütterter Volkskraft und politischen Aspirationen, die sich mit der bayerischen Eigenstaatlichkeit verbanden, von allerlei »Weltanschauungen« und vermeintlichen »Erneuerungen« im Kontrast mit einer angeblich realistischen Lokalpolitik, von lebhaftem intellektuellem Treiben und dumpfer Abwehr gegen die »Literaten«, vom Spielen mit der Diktatur, von Herrschaft des Unrechts in Putschen wie in brutal geführten Prozessen, von einem Separatismus, der mit einer Entente Paris-München-Wien liebäugelte, und einem vermeintlich konservativen Humanismus, der die Möglichkeiten, die Republik und Demokratie gaben, nicht verstand, nicht erfaßte und dadurch zum Wegbereiter des Verbrechens und des Unmenschen wurde.
So könnte man sagen, daß sich allein schon die Titel und Untertitel der Bry'schen Berichte wie eine Paraphrase, eine Variation der Schilderung von Thomas Mann lesen, oder auch, daß die gesammelte Zusammenfassung der von dem Lübecker entworfenen Bilder wie eine Konzentration des Materials ist, das der Pommer im einzelnen mit immer neuer leidenschaftlicher Teilnahme erlebte. Besonders in den als »Münchener Bilderbogen« bezeichneten Berichten kommt die sonderbare Mischung von Liebe und Gereiztheit zum Ausdruck, die wohl jeder »zugezogene« Intellektuelle für die Stadt in ihrem damaligen Zustand empfand, für das Miteinander von nicht mehr loslassendem Zauber und Narretei, von Anti-Geist und Fasching, von gutmütiger Derbheit und plötzlichem Verfallen an emotionale Selbstüberhebung.
Es ist aber auch der Boden, auf dem der Nationalsozialismus wuchs. Der Spürsinn, mit dem Bry auf die neuralgischen oder explosiven Punkte weist, ist erstaunlich: etwa auf den Widerspruch zwischen betontem Nationalismus und einem Separatismus, der die wahre Einheit der Nation aufhebt, oder auf die Bedeutung der Auseinandersetzung zweier Temperamente wie des Kardinals Faulhaber und Adenauers, deren spätere große Rolle ja damals niemand ahnen konnte. [31]
Er nimmt die Beziehung der Wirtschaftspolitik von Keynes vorweg, die erst so unheilvoll, später durch ziemlich alle Staaten der Welt erfolgen sollte; er hat als einer der ersten den Mut, das »Nationale« in Anführungszeichen zu setzen, was ihm die sogenannten »Vaterländischen« von damals mit wildem Haß heimzahlten.
Sein Ahnungsvermögen geht so weit, daß er bereits damals für die Zeit und was sich in ihr vorbereitet den Begriff des »entfesselten Wotans« prägt, eine Formulierung, die C. G. Jung oder Stanley Baldwin dann zehn Jahre später ihrerseits finden. Wie er aus seiner geistes- und kulturgeschichtlichen Schulung heraus gegen Spengler polemisiert, wozu damals eine große innere Unabhängigkeit gehörte, wie er beim Fechenbach-Prozeß die systematisierte Herrschaft des Unrechts voraussieht, so warnt er die konservativen Deutschnationalen der Zeit, etwa Gottfried Traub und Cossmann, den Herausgeber der »Süddeutschen Monatshefte« - einen der nicht wenigen jüdischen Rechts-Intellektuellen der damaligen Epoche - vor dem Untergang, den sie sich selbst bereiten.
Der gleiche Scharfblick waltet, wenn Bry vorübergehend in seine Heimat zurückkehrt und die Verhältnisse in Pommern analysiert: den Spuk des »Landbundes«, die Vermischung von gröbstem materiellen Eigennutz und einem dumpfen Gefühl, »Recht und Ordnung« in einem »nationalen Staat« wiederherstellen zu müssen, das Ungewandelte des Großgrundbesitzertums, kurz alles, was er unter dem Titel der »Monarchie des Roggens« zusammenfaßt.
Daneben das Interesse am Besonderen: An Ludwig Thoma; an unbekannteren Dichtern wie Arnold Ulitz oder an Ludwig Hardt, am Münchener Marionettentheater oder an seiner alten Liebe, dem Stummfilm, der folgend er den Nachruf für eine der liebenswürdigsten Gestalten der Filmgeschichte, den französischen Schauspieler Max Linder, schreibt. Auffallend dann der Vorstoß in und das Interesse für das Technische, und zwar vor allem, soweit es in Beziehung zu den Elementen [32] steht. Bry unternimmt ein umfassendes Studium der bayerischen Wasserwirtschaft, er macht sich ein Bild der Versorgung mit der neuen, damals noch so neuen Energie, der weißen Kohle, wie auch Sorgen um die Erhaltung des Wassers selbst - eine damals belächelte Eigentümlichkeit von Naturschützern, heute eine Daseinsfrage.
Folgen wir der heute so verbreiteten Gewohnheit, möglichst alles statistisch zu erfassen, so zeigt ein Überblick über die Arbeiten Brys in den Jahren 1921-1926 eine unvergleichlich hohe Zahl von Aufsätzen im Jahre 1923. Jemand, der nichts von den Zusammenhängen wüßte, müßte also allein schon daraus schließen, daß dieses Jahr ein irgendwie besonderes war. Und das traf ja denn auch zu. Es war das Jahr des Hitlerputsches, dessen und der darauffolgenden Prozesse Bedeutung Bry völlig erfaßte und über das Meer berichtete. Es blieb aber nicht bei der Analyse. Wie mancher andere Intellektuelle oder verabschiedete Offizier hegte Bry die Erwartung, daß der Schock des fehlgeschlagenen Putsches zur Ablösung Hitlers und zu einer Krise führen müsse, die positiven Kräften gestatten würde, sich der Partei und ihrer Presseorgane zu bemächtigen, um sie zu einem Aufbauwerkzeug des Nationalen - diesmal jedoch ohne Anführungsstriche - zu machen. Bry wußte um jene Versuche »völkischer Phantasten«, die Hitler rückblickend mehrmals anklagte, daß sie gerade in der Zeit der Verwirrung versucht hätten, sich des »Völkischen Beobachters« zu bemächtigen. All diese Versuche schlugen fehl, frühere oder spätere von immer verschiedenen Richtungen unternommene, die »Bewegung« zu reformieren und zu spalten oder von außen zu beherrschen, um sie für andere Zwecke einzusetzen. Man wußte nicht, mit wem man es zu tun hatte: einem außerhumanen Machtwillen, der unabwendbar auf seine Erfüllung drängte, auch um den schon gefühlten Preis der schließlichen Selbstzerstörung. Bry ahnte es. Dennoch gab er sich erklärlicherweise wie viele andere der Hoffnung hin, die »Bewegung« möchte in ihrem eigentlichen Impuls schon erloschen sein oder [33] jedenfalls bald erlöschen. Es ist wenig wahrscheinlich, daß Bry, wenn er 1933 noch gelebt hätte und in Deutschland, der Vergeltung für seine unbarmherzige Kritik entgangen wäre.
Auskunft über Brys eigentliche geistige Stellung muß aber verständnisvollerweise von woanders hergeholt werden als aus den Verzeichnissen seiner Tagesarbeit: aus den Abhandlungen, die er an so weit auseinanderliegenden Orten wie dem katholischen »Hochland« und der »Christlichen Welt«, der Zeitschrift des Verlages der »Verkappten Religionen«, oder der sozialistischen »Münchner Post« veröffentlichte. Am merkwürdigsten und sympathischsten wirken hier seine Arbeiten über Shaw und Chesterton, die im »Hochland« erschienen. Carl Christian Bry dürfte wohl der einzige Mensch und gar Schriftsteller gewesen sein, der es fertigbrachte, »G. B. S.« und »G. K. Ch.« gleichzeitig zu schätzen. War doch im zeitgenössischen England die bloße Gegenübersetzung der beiden Buchstabengruppen das Sinnbild des Streits zwischen dem Modernen oder vermeintlich Modernen und dem Konservativen oder vermeintlich Konservativen, eine Formel, welche einen über beide Persönlichkeiten hinausgehenden Kampf andeutete.
Seine gleichzeitige und gleichmäßige Vorliebe für beide Denker und Dichter, die sich untereinander mit einer Heftigkeit befehdeten, die vor allem bei Chesterton gelegentlich die Grenzen der Fairneß überschritt, entsprang aber nicht den Wertungen ästhetischer oder formaler Könnerschaft, die er bei beiden fand. Es war eher die Vermutung, daß beide einen gemeinsamen Gegenstand, ein gemeinsames Anliegen haben könnten.
Es lohnt, die Geltungsgeschichte der beiden englischen Schriftsteller in den letzten Jahrzehnten kurz zu zeichnen. Der souveräne Standpunkt Bry's tritt dann umso mehr hervor. Als Shaw im Zenit seines Ruhmes stand, galt er als Vertreter der rationalen Auflösung übernommener Formen der viktorianischen Moral und Geselligkeit, als Reformer, als »Sozialist« im allgemeinen, wenn auch eben sehr allgemeinen Sinn. G. K. Chesterton erschien demgegenüber als der amüsante Reaktionär, [34] der ritterliche und dadurch imponierende Vertreter an sich überholter Positionen. In England schon während des Krieges von 1939-1945, auf dem Kontinent bald anschließend wandelte sich dann das Bild. Shaw sank, Chesterton stieg. Er erschien als Prophet, als frühzeitiger Ankläger der ebenso fürchterlich explodierten Zeitübel, der Ideologien und intellektuellen Barbarismen. Shaw wirkte demgegenüber blaß, sein Reformeifer überholt, weil das, wogegen er polemisiert hatte, hingesunken schien. Darauf folgte wieder eine Drehung. Das Reaktionäre, Zukunftslose, den Fragen der Zeit nicht wirklich Antwortende bei Chesterton konnte auf die Dauer nicht unbemerkt bleiben.
Es war eben nur eine Re-Aktion, ein Widerspruch, der von seinem Gegenstand lebte - eine Gefahr, in die sich Bry nie begeben hat. Auf der anderen Seite begann gerade nach dem Versiegen der aktuellen Bezüge wieder das Dichterische bei Shaw hervorzutreten; Briefwechsel der verschiedensten Art und Tönung wurden bekannt, in denen sich das persönliche Leben und Streben des scheinbar kühlen, puritanischen Spötters gerade auch im Erotischen und Religiösen offenlegte. Ein Überzeitliches trat hervor und mehr noch, eine Relation zum Dauernden, wenn nicht zur Ewigkeit.
Es ist das Erstaunliche bei der Bry'schen Shaw-Deutung, daß er diese Wechselpunkte, Chesterton einschließend, in seiner Deutung schon vorweggenommen hat. Noch erstaunlicher ist es, daß er, durch die Verschiedenheit von Land und Herkunft und Konfession hindurchblickend, den irischen Protestanten Shaw im Religiösen dorthin stellte, wo ihn sonst gewiß niemand gesucht hätte, nämlich neben die dialektische Theologie der Barth und Gogarten.
Wie diese, meint Bry, den ganz unverbundenen, außerweltlichen Gott verkündet, auf den sich im Grunde keine Kirche, kein Staat, keine Theologie berufen kann, so denkt dies auch Shaw oder geht doch heimlich von einer Gottesvorstellung aus, der gegenüber das ganze Treiben der Menschen puppenhaft er- [35] scheint, was ja Voraussetzung für den Satiriker ist. Aber, wie auch nach der Grundauffassung der dialektischen Theologie, kommt dann eben aus dieser Entfernung der unerwartete, »vertikale« Einbruch in den Menschen, kommt es zu einer Erscheinung wie der des »Mädchens Johanna«. Darum ist Karl August Meissinger beizustimmen, wenn er Brys knappen Essay als verständnisvollste Deutung Shaws bezeichnet.
Die Fähigkeit zum Erfassen der unmittelbaren Umgebung, zur Wiedergabe der visuellen und menschlichen Eindrücke des Ortes, wo er sich befand, hat Bry bis zum Ende nicht verlassen. Noch wenige Wochen vor seinem Tode in Davos, am 9. Februar 1926, entwirft er humorvolle, aber auch unwillige Schilderungen des Krankendorfes und der eigentümlichen Mentalität seiner Bewohner, die er so viel weniger romantisch findet, als Thomas Mann es in der Überhöhung seines »Zauberberges« tat. Hier trifft er noch einmal seinen alten Freund und Leidensgenossen Klabund, dessen Wirken und Schicksal eine so merkwürdige Parallele zu dem seinen zeigt. Beide genossen eines kurzen, fast jähen Ruhmes, dann aber trat das Schicksal des anonymen Fortlebens ein, für Klabund durch seine zu Volksliedern gewordenen Gesänge, für Bry durch die Kette der Vorstellungen und Impulse, die er anregte, und gewiß nicht allein mit dem Begriff der »Verkappten Religionen«, die weiter wirkten, ohne daß man ihren Ursprung noch kannte.
Klabund, der Bry noch kurze Zeit überlebte, hat dem früher Fortgegangenen eines seiner schönsten, im Unterschied zu seiner sonstigen Art an das Klassische reichenden Gedichte gewidmet. Es ist März 1926 im »Berliner Tagblatt« erschienen. [36] [Anfang]

BEIM TOD EINES FREUNDES
Carl Christian Bry zum Gedächtnis

So fahren sie dahin, so sterben sie dahin.
Ihre Füße, die gestern noch über die Erde gingen,
entschweben heute zum Firmament.
Kleine Flügel entschießen den Hüften,
und plötzlich
schwirren in Lüften
flammende Engel, feurige Teufel.
Du, Freund,
hinaufgerissen zu den Stürmen
und Elementen
getragen vom goldenen Schild einer Wolke:
schon wandelst du über eine Frühlingswiese
und pflückst beglückt die ewigen Gedanken,
dir zart vertraut,
wie Blumen.
O wirf,
ach eine Blüte,
Schneeblüte,
Krokus,
herab mir auf die kahle, fahle,
die winterliche Erde.

KLABUND
[37]


IV

Zu den Versuchungen eines einleitenden Porträts, wie es hier versucht wird, gehört es unausweichlich, den Inhalt des eingeleiteten Textes selber darstellen zu wollen. Dies ist nicht unsere Absicht; im Gegenteil: es soll niemandem vorweggenommen werden, die Thesen und Positionen Brys selbst kennenzulernen, die er mit der »angenehmen Natürlichkeit« darstellte, die ihm schon in seinem Abitur-Zeugnis bescheinigt wird, und die Freude über den dauernden Charakter seiner Grundprinzipien selber zu empfinden. Noch weniger soll verwehrt, vielmehr angeregt werden, nach diesen Prinzipien die Frage nach den »Verkappten Religionen« in der Gegenwart zu stellen. Dabei wäre etwa zu prüfen, ob bestimmte heutige Erscheinungen die Bezeichnung der »Verkappten Religionen« wirklich verdienen, beispielsweise die Anwendung mathematischer Methoden an Orten, wo sie nicht hingehören, wie in der Biologie, Psychologie, Philosophie, oder die triumphierende Verherrlichung der Akausalität, oder ob es sich nur um Moden oder allenfalls um vorübergehende Kulte handelt.
Notwendig ist aber noch, wenigstens annähernd zu umreißen, in welchem größeren, geistesgeschichtlichen Zusammenhang oder in welcher Nachbarschaft sich Brys Position befindet. Dabei ist zunächst zu erinnern, was die »Verkappten Religionen« eigentlich definiert. Es ist nicht so sehr, daß sie Religionen sind, sondern daß sie sich dessen nicht bewußt sind, daß sie sich in ihrem religiösen Antrieb vor sich selber verhüllen und verschleiern und sich in dem Gewand einer Wissenschaft, einer Wertung oder einer Willenshaltung verstecken. Hier ergeben sich nun Parallelen, aber auch nur Parallelen zu den Leistungen der bereits erwähnten südwestdeutschen Gruppe der Geistes- und Kulturgeschichte, wie sie durch die Namen [38] Max Weber und Ernst Troeltsch bezeichnet wird. Deren Leistung bestand darin, die unsichtbare, unbemerkte und völlig unbewußte Rolle theologischer Haltungen, etwa des Prädestinationsglaubens, für die Entstehung der modernen Gesellschaft und Wirtschaft nachzuweisen, ein Bestreben, das sich zunächst auf den protestantischen Teil Amerikas und Europas richtete, dann aber durch Franz Xaver Kraus und Bernhard Groethuysen auch auf die katholischen Gebiete ausdehnte.
Diese Forschungsrichtung ist mit Bry gleichzeitig oder geht ihm noch etwas voraus. Selbstverständlich handelt es sich bei ihr nicht eigentlich um »Verkappte Religionen« oder wenigstens nur zu einem Teil. Denn von der bewußt weiter bekannten und geglaubten Religion wird lediglich ein Teil »verkappt«, er sinkt ins Unbewußte und wird eben dadurch zu einem mächtigen dynamischen Antrieb, der nun gerade Dinge hervorbringt, die zu dem offenbaren Inhalt der weiter bekannten Religionen in sonderbarem Gegensatz stehen, so die puritanische Askese des Calvinismus zu der von ihm mit herbeigeführten Steigerung der kapitalistischen Wirtschaft. Die Parallele zu Bry liegt darin, daß er und die genannten Forscher sich geistesgeschichtlich gesehen in der gleichen Richtung bewegen und den gleichen Blickpunkt haben. Man könnte diesen als die »Methode der theologischen Reduktion« oder »der Reduktion auf das Theologische« definieren. Wenn das 19. Jahrhundert darin exzellierte, Geistiges und besonders Religiöses auf Materielles zurückführen zu wollen, auf ein Physiologisches, Biologisches oder Oekonomisches, auf Nutzen, Vorteil, Trieb und Trug, so begann das 20. Jahrhundert dahin zu gelangen, auch für scheinbar bloße Nützlichkeitsstrukturen in Staat, Wirtschaft, Gesellschaft, in der persönlichen Einstellung und Psychologie nach theologisch bestimmten Grundstrukturen zu forschen. Es bezeichnet die ganze Wucht des Umschlags und die Länge des zurückgelegten Weges, wenn heute von einer »Krypto-Theologie des Marxismus« gesprochen werden kann und diese ein anerkanntes Forschungsobjekt ist.
Bry war und ist einer der Promotoren dieses Umschlags. Was sich von seiner besonderen Position aus und seiner Entdeckung an weiteren Fragen und Überlegungen ergibt, kann hier nur angedeutet werden. Zunächst würde es sich darum handeln, seine Urteilskategorien für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts weiterzuführen. Dabei ergibt sich bei der ersten Gesamtüberschau im ganzen ein auffallendes Zurücktreten der »Verkappten Religionen« - mit Ausnahme des Marxismus. Im Licht der Bry'schen Begriffe scheint die Lage so zu sein, daß die »offenen« Religionen sich hauptsächlich mit dieser einzigen großen, weltweit gewordenen verkappten Religion auseinanderzusetzen haben.
Bry hat nicht den verhältnismäßig bequemen Weg gewählt, der ja damals schon in der protestantischen Theologie selber beschritten wurde, nämlich wie so viele andere Übel und geistige Abirrungen auch die Erscheinung der »Verkappten Religionen« auf den modernen Kulturprotestantismus zurückzuführen. Die Frage ist vielmehr, wie sie der geschichtliche Vergleich zu stellen zwingt: nämlich warum nur auf christlichem Boden »verkappte Religionen« entstanden sind und wahrscheinlich auch nur entstehen konnten. Man soll übrigens nicht in den Irrtum verfallen, daß »verkappte Religionen« nur eine Angelegenheit der allerjüngsten, modernen Zeit seien: der französische Königskult im 17. und 18. Jahrhundert war durchaus eine »verkappte Religion«. Wie genau, eindringlich und unbefangen das Bry'sche Denken war, erhellt schon daraus, daß er auch die Möglichkeit in Betracht zieht, daß selbst offene Religionen zu »verkappten« gemacht werden können, etwa indem in einer solchen Religion der Kult ihrer Institutionen zum Ansatzpunkt einer Verkappung wird. Dies wird dann zur Konkurrenz des eigentlichen Inhalts der Religion. Auch ein Hinweis auf die Stimmungen und Erwartungen, die sich mit dem Namen Teilhard de Chardin, auf der anderen Seite Ernst Bloch verbinden, wäre hier angebracht. [40]
Doch ist wohl der Mut, aber nicht die Genauigkeit der Analyse immer am Werk. Wenn es die andere Versuchung eines biographischen Porträts ist, den Menschen, dem es gewidmet ist, unbedingt zu loben und nichts auf ihn kommen zu lassen, so ist zu sagen, daß Bry selbstverständlich nicht gefeit gegen Übertreibung und Irrtum war. Seine Bemerkungen über die Psycho-Analyse sind so einseitig, daß sie ein falsches Bild vermitteln, seine sich immer mehr steigernde Anklage gegen Rudolf Steiner zeigt in Ton und Inhalt die große Entfernung von Person und Sache.
Was seine Stellungnahme zur Psycho-Analyse betrifft, so ist sie allerdings dadurch entschuldigt, daß er sie nur in ihren Anfängen kennenlernte; Jung und Adler, die damals schon wirkten, waren noch nicht in das allgemeine Bewußtsein eingetreten. Sie sind es eigentlich heute noch nicht. Was man gegenwärtig im allgemeinen unter Psycho-Analyse versteht, nämlich eine möglichst enthüllende, auf das Sexuelle zentrierte Entdeckungstaktik, ist im Grunde noch dasselbe wie vor vierzig Jahren. In Bezug auf Bry selber liegt ein historisches Paradox vor, weil er von sich aus mit der Methode der theologischen Reduktion das Verfahren einer allgemeinen Analyse kollektiver Erscheinungen entwickelte, die dann die spätere Tiefenpsychologie auf ihren Wegen fand, von der Entdeckung des symbol- und mythenträchtigen »kollektiven Unbewußten« durch C. G. Jung bis zur geschäftstüchtigen Motivationsforschung der amerikanischen Werbepsychologie.
Ferner findet sich bei Bry nicht als Begriff, doch als erkanntes und beschriebenes Phänomen der Tatbestand der Projektion: der Übertragung des eigenen, ungelösten Problems auf eine »Sache«, einen Menschen oder auch mehrere, einen »Führer« oder eine »Gefolgschaft«. Was Bry als den typischen Entstehungsprozeß einer »verkappten Religion« im einzelnen beschreibt, kann ohne weiteres auch in Ausdrücken der Individual- wie der Kollektiv-Psychologie als Fixierung ungerichteter seelischer Energie auf ein ziemlich beliebiges Objekt beschrie- [41] ben werden. Als Begriff aber findet sich bei ihm schon die unbewußte innerseelische »Inflation«.
Zusammengefaßt könnte man die »verkappten Religionen« also auch als Neurosen des religiösen Triebes im Menschen definieren, wenn wir diesen an sich bedenklichen Ausdruck hier einmal für einen Augenblick als Arbeitswerkzeug gebrauchen wollen. Was aber die neue, tiefere Anschauung von der älteren unterscheidet, ist, daß man nicht mehr die Neurosen selber als die Krankheit ansieht, die anzugehen und zu behandeln ist, sondern nur als Symptom, als Zeichen eines Vorgangs, in welchem ein vielleicht ursprünglich berechtigtes Streben nach Heilung einer Verletzung, nach Erfüllung des persönlichen Daseinsentwurfes, nach Ausweitung der allgemeinen Lebenssphäre durch die äußeren wie durch die inneren, aus dem Ich selber kommenden Hemmungen und Hindernisse eine krankhafte Erscheinungsform aufgezwungen erhält.
Schon in den »Verkappten Religionen« selber stellt Bry Warnungsschilder dagegen auf, in bequemer Weise das Zeichen für die Ursache zu halten. In seinem bisher nur als Privatdruck zugänglichen »Nachwort«, das der Öffentlichkeit zugänglich zu machen ein weiteres Verdienst dieser Neuausgabe der »verkappten Religionen« ist, gibt Bry in wahrer ärztlicher Gesinnung Auskunft über diese Ursache. Dies Nachwort ist auch dadurch bemerkenswert, daß sich hier ein Schriftsteller erfolgreich von seinem eigenen Erfolg distanziert. Bry weigert sich ironisch, nun aus dem mit großer Wirkung lancierten Begriff eine weitere »verkappte Religion« machen zu lassen. Daher ein neues Bekenntnis zur Leichtigkeit, zum bewußten Verzicht auf Herausstellen des geistesgeschichtlichen und philosophischen Hintergrundes und einer Fundamentierung von daher, obgleich Bry in feinen Linien die mögliche Richtung einer solchen Fundamentierung etwa durch die Erwähnung von Hans Driesch andeutet.
Der Entdecker der »verkappten Religionen« bringt auch ihre Rechtfertigung. Sie sind pathologische Verhüllungen, aber [42] was sie verhüllen, sind Mangelerscheinungen. So sind sie gewissermaßen Ödeme, Aufschwellungen aus Hunger. Bry meint nun, daß dieser Hunger aus verweigerter Nahrung stammt. Und wer die Nahrung verweigert hat, sind die »offenen«, legitimen Religionen.
Mit rücksichtslosem Spott wendet sich Bry bereits gegen die Lieblingsvorstellung einer erst nach seinem Tode, genauer seit 1945, einsetzenden, heute wohl schon dahinsiechenden Kulturkritik, als seien die Fehler und Fehlentwicklungen der Moderne und insbesondere die »Verkappten Religionen« die Folge einer Art grandioser Verschwörung, welche den Menschen aus einer vermeintlich heilen und bergenden Zeit von früher herausgerissen hätte. Er stellt fest, daß die Dinge umgekehrt liegen: der Mensch tritt mit berechtigten Fragen und Anliegen an die Religionen heran, die offen Religionen zu sein wünschen. Doch diese ziehen sich vor den Fragen zurück oder, in der Bry'schen Terminologie, »sie werden immer weltloser«. So kommt es zum Ersatz- und pathologischen Phänomen der verkappten Religionen, ein Vorgang, der zunächst nicht als Schuld beurteilt werden kann, wenn auch sein Verhängnis darin besteht, neben der Auswirkung auf die von ihm ergriffenen Menschen - Abtrennung von der Metaphysik und Transzendenz - die Dinge selber zu denaturieren, die dabei unerlaubt ins Zentrum gesetzt werden. Bry findet gute Worte dafür, was Psychoanalyse oder Yoga bedeuten könnten, wenn sie eben nicht - zu seiner Zeit - zu Pseudosakramenten gemacht worden wären.
Zu seiner Zeit: viel von dem, was in seinem Buche zu lesen ist, hat sich heute in eine von überallher verkündete Selbstverständlichkeit verwandelt. Insbesondere sein Vorwurf an die Kirchen, sich Schritt nach Schritt von einer immer problemreicheren, aber wachsenden Welt zurückgezogen zu haben, ist heutigentags in den Kirchen selber zu Hause geworden.
Vor beinah vierzig Jahren jedoch standen diese Bry'schen Äußerungen sehr inselhaft da. Noch mehr aber zeigt sich seine Einsicht und Voraussicht neben dem Hinweis, daß auch echte Religionen zu verkappten Religionen werden können, in seiner Befürchtung, daß die offenen und legitimen Religionen, um die gefühlte Lücke zur Welt zu überbrücken, sich mit den verkappten Religionen aller Art verbünden könnten ... Die Sorge um die Reinheit des Evangeliums, der Einfluß auch der dialektischen Theologie sind hier unübersehbar.
Aber wie leicht ist das alles gesagt, wie sehr unter Verzicht darauf, ein Gewebe herzustellen, das zum Stoff für einen später bewunderten Prophetenmantel hätte dienen können! Wir würden hier nicht der erwähnten Versuchung des Porträtisten verfallen, sondern nur etwas durch die Tatsachen Erlaubtes tun, wenn wir die Art Brys, das Wichtige und Entscheidende - und »Entscheidung« heißt ja das die Scheidung Überwindende - wie nebenher mitzuteilen, mit der Ausdrucksweise Montaignes vergleichen würden. Doch hat Bry hier selber schon vorgewählt, wenn er nicht den gascognisch-jüdischen Aristokraten, sondern den Märker Theodor Fontäne als sein Vorbild nennt. Freilich regen sich hier Einwände. Denn bei aller Bewunderung für den Neuruppiner Apothekerssohn französischen Geblütes und seine künstlerische Größe unterscheidet sich Bry von ihm doch durch das Fehlen jeder wirklichen Skepsis, durch seine ungebrochene Heiterkeit, eine allgemeine Hoffnung. [Anfang]

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