Bry lesen

1. Carl Christian Bry, geboren 1892 in Stralsund, umfangreiche politische und feuilletonistische publizistische Betätigung, gestorben 1926: Tuberkulose.
Ein Buch, »Verkappte Religionen« (1924) - seinerzeit in gebildeten Kreisen recht erfolgreich (was auch nur 6000 verkaufte Exemplare heißt). Neuauflagen 1964, 1988; seit Sloterdijk in seinem Zynismusbuch auf ihn hingewiesen hat, auch »irgendwie« bekannt.

2. Bekommt man das schmale Buch in die Finger, so ist man zunächst vielleicht erstaunt: Das gab es damals alles schon? Denn auf den ersten Blick erscheint es als Rundumschlag gegen alles, was man heute als Esoterikszene bezeichnen würde, mit einigen Lücken (kein Wort zur Astrologie), dafür Erweiterungen, die man heutzutage gern anderen Ressorts überlässt - auch Rassetheorien, Faschismus/Nationalsozialismus und Kommunismus fallen ihm unter »Verkappte Religionen«, genauso wie die Psychoanalyse.

Ein Konservativer, dieser Bry, stellt man fest, er mag sie alle nicht. Wenn auch mit gelegentlich überraschend liberalen Anwandlungen. Ein Christ, vorsichtig allgemein und bemüht überkonfessionell im Namen »wirklicher Religion« gegen Religionsersatz argumentierend.
Man stellt auch fest, dass man sich festliest und Spass an diesem Buch hat, der sich stellenweise zu lautem Gelächter steigert. Bry ist sachkundig und kann schreiben, er ist entschieden in seiner Gegnerschaft, aber er hat es nie nötig, boshaft zu sein. Man kann es am Portrait von Rudolf Steiner - einem der Filetstücke des Buchs - überprüfen, wenn man Zweifel hat.

3. Spätestens bei Gesprächen über das Buch kommt einem die Frage: Worum geht es denn da eigentlich? Was sind denn nun »Verkappte Religionen«? - die Frage, die sein erster Abschnitt so relativ unauffällig beantwortet, dass man es zunächst leicht ignoriert.
Es geht, stellt man fest, gar nicht um Inhalte. Die geistigen Erscheinungen und sozialen Strömungen, von denen sein Buch handelt, haben gar keine notwendige sachliche Gemeinsamkeit untereinander. Was die Gemeinsamkeit herstellt und was sie oft - entgegen aller Sachlogik - kompatibel macht, ist die Art, wie ihre Anhänger mit ihnen umgehen. Gegenstand von Brys Kritik ist nicht in erster Linie die Sache (auch wenn es an ihr gelegentlich selbst etwas auszusetzen gibt), sondern die Art des Sachbezugs. Mit einem nicht eben glücklichen psychiatrischen Begriff wird dieser Sachbezug von Bry als »Monomanie« (»Steigerung einer spezifischen Verhaltensweise«) bezeichnet. In einem Entwurf für eine ergänzte Neuauflage schreibt er, dass er das Buch auch »Frömmelei des Verstandes« hätte nennen können.
So richtig zweifellos seine Entscheidung gegen diesen Titel war, so sehr macht er andererseits sein Anliegen deutlich. »Frömmelei«: Jawohl, es geht um eine der Form nach genuin religiöse Art der Gegenstandsbezugs; doch in diesem religiösen Denken und Empfinden arbeiten nicht Vernunft und Einbildungskraft Hand in Hand, sondern es ist der Verstand tätig. Und er zieht - unweigerlich, und daraus erklärt sich der Begriff Monomanie - alles, aber auch alles, die ganze Wirklichkeit in die schlechte Unendlichkeit seiner Unterscheidungen und Kalkulationen hinein. Gesucht wird die Erkenntnis und der subjektive Bezug zum Absoluten, gefunden wird ein Bezug zur Welt, eine Weltanschauung, die so platt und vorhersagbar ist wie eine ordnungsmäßige Buchführung. Die alles auf einen einmal erfassten abstrakten Zusammenhag hin ordnet. Über dieser Weltanschauung und den ihr entstammenden Erklärungen (für alles und jedes) verschwindet der Blick auf die Welt. Hat man schon gesehen, erkennt man wieder.

4. Bry bietet damit einen wichtigen Anhaltspunkt, neureligiöse und lebensreformerische Bewegungen und Lehren in Bezug zu setzen zur Verfallsgeschichte organisierter Religion. Auch auf die Formen und die Leidenschaften der politischen Auseinandersetzung des vergangenen Jahrhunderts wirft diese These Licht, macht vieles, was man in den Quellen findet, verständlicher. (Nein, keine Menüvorschläge - »man serviere Bry zu« - das Gedächtnis besorgt das von allein.) Dass es sich um eine überwiegend europäische und deutsche Perspektive handelt, tut der Geltung keinen Abbruch.
Und es ist nicht vorbei, wenn auch manche Formen sich gewandelt haben und neue Schlagwörter aufgekommen sind - sagen wie »Fundamentalismus«; der Sache nach im christlichen Bereich wahrhaftig nicht neu. Man muss fortschreiben, transponieren und die veränderte Situation in Rechnung stellen, das stimmt, und es ist nicht ganz einfach. Bry selbst hatte genug medientheoretischen Instinkt, im gewachsenen Informationsangebot einen fördernden Faktor dieser Fehlhaltung namhaft zu machen. Angesichts einer fast ausschließlich medial vermittelten Wirklichkeit, angesichts auch immens gewachsener an die Subjektivität gestellter Anpassungszumutungen, angesichts von Channelmedien, die dem Reigen der »moral panics«, der gerade »angesagten« Themen nur ihre halbverdaute Zustimmung hinzufügen, angesichts ... - nun ja, da mag das alles ganz reizend naiv erscheinen. Besser machen.
Vergleicht man Brys Essay mit der heute geläufigen Esoterikkritik, so werden einem nachdrücklich die Mängel dieses publizistischen Genres bewusst. Wo nicht nur der Neid treibt und man den Leser lieber als Schaf in der eigenen Herde hätte, da ist es kaum je die Haltung oder die Denkweise, die kritisiert wird (was sie zweifellos oft verdient hätte - man denke nur an die ganzen Versuche, religiöse Themen und Praktiken wissenschaftsförmig zuzurichten, als brauchten sie eine solche »Legitimation«), sondern es ist immer nur die Sache, die missfällt. Weil sie denn einerseits - oft sind die Gründe dafür uneinsichtig, geradezu okkult - abgelehnt wird, andererseits eben ihrer Natur nach nicht in solcher Weise kritisierbar ist wie wissenschaftliche Theorien und Hypothesen, kommen dann routinemäßig die »Befleckungsargumente« - der typische Fall immer der Rassismus Rudolf Steiners: er hat soundsoviele unserer heutigen Moral »unverzeihliche« Dummheiten von sich gegeben, deshalb sei alles, was mit ihm zu tun hat, schmutzig und ablehnenswert. Nüchterner, ohne jene okkulte Motivation betrachtet, wird man jederzeit zugeben, dass es einem Propheten (Steiner war keiner) schlecht ansteht, öfters mal und mit Gusto so doof wie seine Zeit zu sein; dass es auch als Theoretiker großer Sorgfalt hinsichtlich dessen bedarf, was man sich zum Problem macht - abweichende Antworten innerhalb der Problematik (wie sie Steiner zweifellos gegeben hat, Perspektiven, die durchaus nicht »nach Auschwitz führen«) sind sonst nur noch von sehr beschränktem Wert. Auf seriöse Weise freilich bekommt man kein Warenhaus voll, wird man nicht zum Anbieter einer One-Stop-Weltanschauung - aber muss man denn? Wer sagt, man müsse auf alles eine Antwort geben? Und wenn nicht, was dann? Welche diskursiven Gebote (recht fragwürdiger Art) schreien hier nach Beachtung? - So gäbe es hier allerdings einiges zu lernen, aber man soll ja nicht lernen (was immer die Selbstständigkeit des Lernenden und Vertrauen zu ihm impliziert), man soll ja verurteilen, und bloß nicht auf dumme Gedanken kommen.

5. Man kann - immer noch - Brys Überlegungen sehr vielfältig als Maßstab gebrauchen, besser jedenfalls als die albernen Checklisten heutiger Machart (»Hat Ihr spiritueller Lehrer Sie auf Risiken und Nebenwirkungen hingewiesen?« - Nein, meiner hat mir gesagt, dass ich sterben muss!). Man kann sich auch - wenn man das Vergnügen seines Textes in sich hat wirken lassen - angeregt fühlen, gelegentlich nachzufragen, wie die eigenen Glaubenssätze beschaffen sind - wie viel von den Geheimnissen, um die ich zu wissen glaube, verpacke ich in konkrete Vorstellungen für den Alltagsgebrauch? Wie viel schließe ich damit aus, wie viel geistige Empfängnisverhütung betreibe ich damit? Worauf vertraue ich wirklich?

6. Was ist das übrigens insgesamt für ein Begriff von Religion? Es ist unverkennbar: er ist reaktiv, defensiv, er zieht sich zurück auf eine absolute Transzendenz. Ein Rückzug vor etwas: Einerseits gewiss vor "fundamentalistischen" Richtungen, bei denen fast beliebige Phänomene reichlich unbestimmte Aufwallungen in der Subjektivität auslösen. Ein Rückzug zu etwas, damit ein Rettungsversuch: Wir können es mit dem Verstand nicht erfassen, sagt Bry, aber das ist doch was und geht nicht weg - aber nur, wenn wir es ganz vorsichtig auf Distanz halten.
Wie verhält es sich damit? Gott ist Mensch geworden und am Kreuz gestorben, und wir wissen es auch, dass er tot ist. Dem nachdenkenden Christen (und nur vom Christentum ist ja letztlich die Rede) ist alle Tage Karfreitag. Wir sind schließlich, wie Paulus es sagte, auf seinen Tod getauft (Röm 6,4). Ja, aber Ostern? Ostern kommt und geht bloß wieder nach der mechanischen Regelmäßigkeit des Kalenders. Das Absolute ist Subjekt geworden, und damit hinfällig wie Subjekte nun einmal sind. "Ich werde euch aber einen Tröster geben" - den Geist und das Gedächtnis, aus dem er entspringt (Joh 14,16ff.). Nur darin findet denn Ostern seinen Platz.
Das Christentum ist eine offene Wunde, die sich nicht schließen kann noch darf. Hierin (und nicht in schätzenswerten moralischen Empfehlungen) liegt seine historische Leistung. Wer diesen Zusammenhang nicht denken und entfalten will, dem bleibt nur die Entrückung in eine immer fernere Transzendenz. So Bry, so, in viel ausdrücklicherer und politisch treffsicherer Weise, dann Karl Barth.
Das optimistische Programm des deutschen Idealismus war dem genau entgegengesetzt - eine "Zurückholung des Göttlichen von seiner unendlichen Flucht" (eine Metapher Schellings), ein denkendes Begreifen seiner Nähe. Entgegen anderslautenden Meldungen ist es über die Maßen gelungen. Das Absolute ist Subjekt - und die Subjekte zerplatzen wie Seifenblasen unter der Überforderung.
Es misslingt also nicht oben, es misslingt unten, wie könnte es anders sein. Das Alte ist vergangen, und ein Neues in dieser Art ist nicht mehr möglich. Natürlich werden Menschen immer wieder nach ihrem Platz suchen, das Bedürfnis dazu ist uns eingeboren, und sie können gar nicht anders, als einmal mehr ihren Bezugspunkt außer sich zu legen. Doch dies ist nun eine unabsehbare und unabschließbare Geschichte, die nur scheinbar und an der Oberfläche Teile der Traditionen wiederholt. Man reibt sich die Augen und entdeckt viel Zauber in der Welt, aber es gibt kein "wieder".
Und wie ehren wir Jesus Christus, die wir nun einmal sein Erbe überliefert bekommen haben? Indem wir, wie einst Thomas, unsere Hand in die Wunde legen. Solches tun wir zu seinem Gedächtnis.

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