Anschleichen an Otto Weiningers "Geschlecht und Charakter"

Ideologischer Sperrmüll vom Feinsten: Man stößt von den verschiedensten Kontexten aus auf Geschlecht und Charakter. Doch was fängt man dann damit an? Zweifellos dürfte man dieses Buch nicht ohne einen Stellenkommentar in die Welt laufen lassen – so viel ist falsch oder zumindest zutiefst problematisch darin. Doch so etwas will ich nicht leisten und könnte es auch gar nicht. Ich bin kein richtig intimer Kenner der Philosophie Kants und seiner Nachfolger; dem entspricht, dass ich nie von dem befallen wurde, was ein Freund so treffend als den E-Tick bezeichnet hat. Ich werde den Eindruck nicht los, dass es dabei ja doch nur um die Legitimierung von und Gewöhnung an Unsittlichkeiten geht sowie um alltägliche Konkurrenzen, wer denn nun bessere Mensch sei; an beidem muss und mag man sich ja nicht so recht beteiligen. – Auch aus freudianischer Sicht könnte man viel zu diesem Buch sagen, sicher auch viel Richtiges. Stattdessen kann ich hier nur eine kurze, quasi touristische Führung anbieten, die versucht, auf einige weniger offensichtliche Aspekte seines Werks hinzuweisen und Kontexte einer sinnvollen weiteren Auseinandersetzung zu öffnen.

Ein Titel, ein Thema?

Das Geschlecht werden wir im Verlauf des Buchs nicht los, den Charakter ebenso wenig. Wie im Leben: das heißt nicht, dass man es deshalb schon mit dem Hauptthema zu tun hätte, gar mit dem Brennpunkt von Weiningers Interesse. Es gibt viel, was zum Thema gehört hätte, was Weininger bewusst ignoriert. Man bemerkt z.B. seinen Widerwillen gegen die zeitgenössische Frauenbewegung wegen ihrer Form als Bewegung (84; die Seitenangaben beziehen sich alle auf die hier digitalisierte 19. Auflage), man wünscht sich (auch im Hinblick darauf, wie diese Bewegung für allerlei andere politische Gestaltungsbemühungen paradigmatisch geworden ist) eine Analyse, und sei es auch nur im Horizont des Begriffs Hysterie: Fehlanzeige. Man fragt sich auch ärgerlich, ob der Autor je über den Tellerrand gutbürgerlicher Verhältnisse und Lebensformen geblickt hat; jawohl, stellt man mit Verzögerung fest, er weiß etwas über lohnabhängige Frauenarbeit (88, 277, 504f.), er weiß vielleicht auch, dass man ihm bäuerliche Lebenszusammenhänge als Beispiel entgegenhalten könnte (290). Es interessiert ihn nicht, wie ihn überhaupt Soziales nur am Rande interessieren kann. Kein Wunder: Sein Interesse gilt einer rein individuellen Perspektive, die zumal aus dieser Welt hinausweist.

Auf die Finger sehen

Wie geht die Entfaltung seiner Argumente vonstatten? Wir sehen im ersten Teil, wie Weininger sich ein Instrumentarium zurechtlegt, um der empirischen Mannigfaltigkeit möglicherweise buntscheckiger Zwischenformen eine prinzipielle, typologische Konstruktion entgegensetzen zu können. Kaum ein Gedanke an Operationalisierung, Mess- oder wenigstens Bestimmbarkeit (man mag den morphologischen Vorschlag, Becken-/ Schulterbreite als Maß (11) zu gebrauchen kaum ernst nehmen) – und tatsächlich entzieht sich Geschlechtlichkeit als Persönlichkeitsmerkmal ja hartnäckig dem Nachweis, wie man erst wieder am heiteren Unfug der Bem'schen Androgynitätsskalen erfahren konnte.
Man sieht hier nicht zum ersten Mal eine Immunisierungsstrategie, und man vermutet sogleich, dass die Theorie einer ursprünglichen Bisexualität und daraus resultierender sexueller Zwischenstufen (physiologisch, nicht als Mannigfaltigkeit des Verhaltens gedacht) ihm als Deckung dient, in deren Schutz er alles Mögliche in den Typus packen kann. Dabei fallen schätzenswerte Worte zur Homosexualität und ihrer gesellschaftlichen Verurteilung ebenso wie zu Gunsten einer liberaleren, mehr auf die individuellen Besonderheiten eingehenden Erziehung – Themen, die keineswegs so gegessen sind, wie man es nach hundert Jahren Kauen erwarten sollte.
Jedenfalls tritt einem der Typus schon auf den ersten Seiten des zweitens Teils quasi vollendet entgegen: Mann und Frau sind sexuell, aber der Mann kann auch noch anders, »höher hinaus«. (Spiegelbildliche und darum nicht immer tauglichere Theoreme sind uns wohl heute geläufiger: Frauen können alles, was für die Definition von Männlichkeit wichtig scheint, "auch", aber sie haben etwas "zusätzlich", den Sex und die Fruchtbarkeit.)
Das typische Weib hat letztlich keine Chance – der Versuch ihrer sittlichen Vervollkommnung käme einer Implosion gleich (456ff.) – »wenn das Etwas sich ihm fernhielte« (398), könnte und müsste »doch das Nichts ... verschwinden« – auch dies ›andersrum‹ gut bekannt. Diese grundlegende These gilt es nun zu begründen, gegen naheliegende Einreden zu verteidigen und zu entfalten – was eben heißt, ethische Ideale zu begründen, und sie gleichzeitig so zu fassen, dass man plausibel machen kann, dass sie Frauen prinzipiell unerreichbar sein müssen. Damit werden explizit die Argumentationen des ersten Teils eingeschränkt und zurückgenommen – denn aller, aller Weiblichkeit muss eine Grenze gesetzt bleiben.
Der Weg wird lang und windungsreich, und natürlich mutet es merkwürdig an, Behauptungen prinzipieller Art immer wieder auf recht fragwürdige Alltagserfahrungen gestützt zu sehen. Frauen denken anders (Kap. 3) – es sei »ein Gleiten, ein Tasten, ein Schmecken« im Gegensatz zu begrifflicher Klarheit beim Mann (237-38), sie lebten »unbewusst« (139) ... es gibt Frauen, die leichtfertig genug sind, dazu »Ja, wir sinds!« zu sagen, angesichts ihrer akademischen Position ein merkwürdiger Widerspruch in sich und eine eitle Koketterie. Ansonsten aber hat diese These empirisch wenig Glück, ganz gleich, in welcher Weise man sie an Resultaten heutiger psychologischer Wissenschaft messen wollte. Und »gescheit« waren die Weiber ja damals schon (337), aber ...
Da Genialität als helles, klares (daher gesteigertes männliches) Bewusstsein verstanden wird (nicht zu unserem Schaden haben wir uns mittlerweile ja der Begriffe ›Genie‹ und ›Genialität‹ entwöhnt: sie sind aber einmal sehr ernst genommen worden), sind Frauen natürlich ungenial (Kap. 4), bestenfalls ein bisschen talentiert. Der Begriff des Genies wird uns im Weiteren durchgängig weiter begleiten: Als Zielpunkt individueller Charakterentwicklung – und als heimliches, verführerisches Ansinnen, man möge den Autor doch bitte als ebensolches ernst nehmen.
Frauen haben auch kein so ein Gedächtnis wie ein Mann (Kap. 5). – An einem solchen, stichhaltig begründeten Argument wäre wirklich viel gelegen, für produktive Leistungen jeglicher Art (war nicht schon Mnemosyne,die personifizierte Erinnerung, die Mutter der Musen?) wie für den Zusammenhang der Persönlichkeit überhaupt – aber eine empirische Unterstützung für den hier behaupteten geistigen Geschlechtsunterschied (Kontinuität der biographischen Erinnerung (M) vs. Erinnerung nur an unzusammenhängende einzelne Szenen mit sexuellem Bezug (W)) wird man wiederum vergeblich suchen. Es stimmt einfach nicht, und wo eine solche These manchmal den Anschein von Plausibilität gewinnen kann, hat man auf anderer Ebene nach den Gründen zu suchen. Unterschiedliche Lebensentwürfe (und wo ist die Normativität geblieben, die sagt; es muss genau so aussehen?) ziehen eben unterschiedliche biographische Erzählungen nach sich. – Da Weininger die Folgerungen aus der Gedächtnislosigkeit des »echten Weibes« gerade in religiöser Hinsicht entfaltet (mangelndes Unsterblichkeitsbedürfnis), sei daran erinnert, dass ein solches Aufgehen im Wechsel des Augenblicks inzwischen von sehr vielen Menschen unter einem Begriff von »Erleuchtung« gesucht und ganz überwiegend nicht gefunden worden ist. Noch nicht einmal viel an Erleichterung war zu haben; auch zur Inszenierung seines Verschwindens bedarf es anscheinend einer gewissen Genialität.
Wenn nun das Gedächtnis der Frauen defizitär ist, wie sollten sie dann ein Ich haben (als eben ein solches Konstrukt, wie Weininger es fordert)? »Das absolute Weib hat kein Ich« (232) – wir befinden uns auf einer Rutschbahn der Deduktion, und die Geschwindigkeit nimmt zu. Natürlich gibt es darauf Bruchstellen, Haltepunkte, an denen man aussteigen müsste, so einem nicht dringlichstes Interesse den Wirklichkeitssinn benimmt (z.B. bei der Erörterung weiblicher Logik oder Unlogik 189, einer Stelle mit weitreichenden Implikationen: Man muss an die Logik glauben, denn sonst wäre sie ethisch irrelevant, vgl. die einschlägigen Erörterungen in Über die Letzten Dinge 135ff.).
Natürlich hat man ein Ich, eine Seele, ist ein »kleines transzendentales Subjekt« – oder man hat und ist es eben nicht, tertium non datur; daher schlägt die Aussage über des »absolute Weib« sogleich auf alle seine empirischen Instanzen durch. (Dies wird oft freundlich übersehen, aber mir erscheint diese Folgerung unvermeidlich.) Wenn die Frauen aber nun doch »ich denke« sagen, was tun sie dann? Sie denken nach, was ihnen ein Mann vorgedacht hat – quasi als Teilhabe (kraft ihrer Beeindruckbarkeit und Anpassungsfähigkeit) oder als Widerschein – und verleugnen damit ihr wahres Wesen.
Keine Seele, keine Abgrenzung als Individuum, keine Logik (Kap. 6), kein Bezug zur Moral ... das Weib (ob als Typus oder als empirisches) wird immer mehr zu dem, was es von Anfang an sein sollte. Materie, »eine derartige Raumerfüllung ..., die allem, was in sie einzudringen strebt, einen gewissen Widerstand entgegensetzt« (389 in Paraphrase der Kantschen Bestimmung). Nun gut, so kennt man die Damen ja auch, aber ... und von Natur zu sprechen (der Mond, das Meer, das Wetter; die Blumen ihre Schwestern ... 384-85) macht die Sache nicht eben besser. Wir sind eingekehrt in ein wohlbekanntes und traditionsreiches System von Bedeutungen; in Johann Wilhelm Ritters prägnanter Formulierung: »Der Mann sey der Frau ein Gott, die Frau dem Manne eine Natur.«
Damit zeichnet sich schon Weiningers weitere Strategie ab, auch wenn die Falle erst mit der Erörterung der Hysterie in Kapitel 12 wirklich zuschnappt. Alles Reden über den Geschlechtsunterschied ist in Gefahr, zu einem Gezerre um Identität und Differenz zu werden, und Weininger macht eine Zwickmühle daraus, bei der auf jedem Standpunkt die Frau verliert.
Man könnte darum auch das Folgende – zumal das Kapitel über Mutterschaft und Prostitution – als nur mehr illustrativ auffassen: die Mutter der feste »Wurzelstock der Gattung«, die Dirne das lockende Chaos, die Zerstörung. Einseits wiederholt sich hier die Heuristik der polar entgegengesetzten Typen – und es zeigt sich ihr recht begrenzter Wert. Varium et mutabile, vielfältig und veränderlich hatte Vergil die Frauen genannt, davon darf eine solche Methodik nichts wissen, es muss stattdessen material bearbeitet werden.
Andererseits vollzieht sich nun mehr und mehr eine Verschiebung des Themas, von einer psychologischen Fragestellung zu einer religiösen. Es geht um eine De-Naturierung des Menschen (nicht wahr, »ist etwas, das überwunden werden muss«?) – und die Antworten können nur überraschen, weil man sie nicht gerade hier so erwartet hat. Der Mann kann und soll und muss streben, kämpfen, überwinden (und wer überwindet, wird alles erben, wie man sich erinnert), alles in sich versammeln (das Genie als Mikrokosmos) – aber sich nicht vermischen, um Gottes Willen keine Vermischung. Alle (fleischliche) Fruchtbarkeit ist ekelhaft (458).
Das philosophische Argument dahinter findet im Geschlechtsakt immer eine Anerkenntnis und Bestätigung der Endlichkeit (er gibt einem Menschen das Leben – und damit den Tod) als Einbindung von Mann und Frau in heteronome Zwecke (und natürlich muss Weininger Kants Lösung der »wechselseitigen Benutzung« empört zurückweisen). In einem religiösen Begriffssystem ist der Geschlechtsakt ein immer wieder erneuter Sündenfall, denn die Endlichkeit ist nichtig und soll aufhören, wobei dieses nur als individueller Akt des Aufstiegs (wie man heute sagen würde) zu realisieren ist. Es ist ein merkwürdiger Protestantismus, den Weininger da bekennt – »die Religiosität des Mannes ist höchster Glaube an sich selbst« (366), Glaube wird in unzulässiger Weise abstrakt und formal genommen (vgl. 427). Christus gilt wohl als Muster der Nachfolge, aber nicht als Stellvertreter; jedem immer wieder erneut seine Passion (Nietzsches Kritik am Christentum wird so stillschweigend aufgenommen und umgesetzt). Doch ist Glaube, so faszinierend die Gestaltung der Subjektivität durch ihn auch allgemein ist, ja immer nur mit einem konkreten Inhalt möglich: hier eben als Unterwerfung unter den Namen, der mit Jesus Christus aussprechbar wurde.
Man hat Weininger völlig zurecht einen Gnostiker genannt, und wenn auch an vielen Stellen Richard Wagners Werke den Resonanzraum seiner Vorstellungen bilden, so muss man doch entschieden darauf bestehen, dass derartige Gnosis in der christlichen Tradition selbst enthalten und aus ihr heraus immer wieder neu aktualisierbar ist. Man muss auch seine unartigen Kinder lieben, nicht gleichmäßig, aber angemessen (vgl. dagegen 288). Und man muss auch tatsächlich – dem Weiningerschen Projekt gerade entgegengesetzt – über ein befriedetes Verhältnis zur Endlichkeit nachdenken, über das, was er wiederholt unter dem Stichwort »es gibt keine unbewusste Sittlichkeit« (z.B. 290, 556) abwehrt. Wenn das der böse Gott ist, muss man ihn vielleicht nicht lieben, aber ehren.
Hat man sich einmal ein System aufgebaut, dann kann man es an beliebiger Stelle konkretisieren und es damit scheinbar bestätigen – so dürfte man das Kapitel über das Judentum (jenseits alles Weiningerschen idiosynkratischen Interesses) vielleicht am besten deuten. Denn wie am Weib, wie am Neger, am Chinesen, am Engländer – ach, wie eigentlich an allen vorfindlichen Menschen ist am Juden (ja, ja, als Typus, aber ... und ebenso wie die Frauen mit allen Scheuklappen partikularer sozialer Wahrnehmung gesehen) ein näher zu bestimmender Mangel, eine Differenz zu Weiningers Position. Die findet man – nach interessanten, wenn auch in ganz andere Richtung weisenden Bemerkungen um den Begriff ›Ironie‹ – am knappsten vielleicht ausgesprochen in dem Vorwurf, was dem echten Juden fehle, sei »das Wort: ›ich bin‹« (434). In der Tat, derart im Fettdruck abverlangt müsste es der religiöse Jude verweigern, und auch ein Christ sollte wenigstens stottern dabei.
Deshalb also – wegen solchen vielfältigen Unglaubens – besteht die Welt fort und soll doch überwunden werden; es hat seinen Hintersinn, wenn Weininger nun umgehend auf das Genie als Religionsstifter zu sprechen kommt; »... vielleicht aber liegt auch heute noch im Judentum die Möglichkeit, den Christ hervorzubringen, vielleicht sogar muß auch der nächste Religionsstifter abermals erst durch das Judentum hindurchgehen« (439) – das ist zweifellos mehr als eine Spekulation, das ist ein regelrechtes mission statement in jedem denkbaren Sinn.

Zeitgeschichte

Man hat mit allerlei Zeittypischem zu rechnen, das man sich ohne allzu großen Ärger gefallen lassen muss. Auf die beschränkte gutbürgerliche Perspektive hatte ich schon hingewiesen; sie betrifft natürlich auch die für Weininger typischen Lebensläufe: Frauen heiraten jung einen deutlich älteren Mann – nicht so richtig verwunderlich, wenn dann nach der Ehe noch eine deutliche Veränderung – ein Nachreifen – an ihnen zu beobachten ist (vgl. 564). – Die wiederholte abschätzige Rede von den ›weiblichen Handarbeiten‹ lässt mich unvermeidlich an die Beschäftigung meiner Mutter mit Zündern während des Krieges denken – erstmal nachmachen und nicht explodieren. Auch bei dem grotesken Wort von den »Massenverschlingungen des Venusbergs« drängen sich mir Anlässe auf, bei denen ganz anders Massen verschlungen wurden – doch das lag alles noch im Schoß der Zeit.
Man findet hier auch (warum nicht Rudolf Steiner als Vergleich heranziehen?) als Korrelat des Geniebegriffs den unausstehlichen Krötenkult – merkwürdig, wie viel leichter es fällt, Richard Wagner zu respektieren: bestimmt nicht »der größte Mensch seit Christus« (456), aber viel weniger Mogel in der Packung. Über zahlreiche weitere verblüffende Urteile mag man hinweggehen – Hegel und Darwin sind sehr wirkungsvoll ihre Rächer entstanden, und so auch manchem anderen. Anderes scheint kaum noch erinnerlich – dass Weininger übrigens gerade Chamberlain, dem Mann des hochtrabenden leeren Geredes, jedes sonst so locker sitzende Prädikat erspart, mag wohl taktische Gründe haben.
Im ideologischen Konzept des Genies, wie Weininger es zeitgenössisch aufnimmt und wiedergibt (und gegenüber dem die maßgebliche Bestimmung aus der Kritik der Urteilskraft fast nüchtern scheinen muss), liegt schon ein Versprechen auf Selbsterlösung, nicht nur die Aufforderung, sich an unlösbaren Aufgaben zu verschleißen und die Versuchung, allerlei zu überfliegen, was doch durch banale Arbeit angeeignet sein will. Über den Abstand der Generationen schauen wir nicht nur schadenfroh auf damals, es blickt auch ebenso zurück. Bestimmte Arten der Resignation, auch gerade die Abdankung aus jeglichem Zentrum, sind uns ganz unauffällig und selbstverständlich geworden, ein Prozess, dessen Anfänge Weininger schon vehement bekämpft. Es ist gut, sich in der Konfrontation mit seiner traditionsgewissen und grundsätzlich erkenntnisoptimistischen Haltung klar zu machen, dass hier keine Vertreibung aus dem Paradies stattgefunden hat – da war kein Paradies, man hatte es sich bestenfalls auf der Couch bequem gemacht. Pessimismus in den Aussagen kann dagegen kein Einwand sein – »Weil aber jeder Mann in einem Verhältnis zur Idee des höchsten Wertes steht, ohne dieser Idee ganz teilhaft zu sein, darum gibt es keinen Mann, der glücklich wäre. Glücklich sind nur die Frauen. Kein Mann fühlt sich glücklich, denn ein jeder hat eine Beziehung zur Freiheit, und ist doch auf Erden immer noch irgendwie unfrei« (376) – so muss man erstmal daherreden können. – Genau die vielgestaltige Ernüchterung muss man wohl als den Fortschritt und Gewinn des vergangenen Jahrhunderts werten; entgegen geläufigen Vorstellungen haben dabei übrigens die gewaltigen äußeren Ereignisse nur eine begrenzte und eher indirekte Rolle gespielt – wie könnte es auch anders sein.
Ernüchterung ist durchaus auch ein wissenschaftsgeschichtliches Stichwort, und zwar gerade, was die Psychologie anbetrifft. Ohne es hier im Details darzulegen, kann man doch plausibel behaupten, dass es eine Psychologie, so wie Weiniger sie gern gehabt hätte, schlechterdings nicht geben kann. Dafür haben wir mehrere andere, mit denen man zwar oft unzufrieden sein mag, denen man jedoch schwerlich pauschal Erkenntnis absprechen könnte. Darunter auch eine Psychologie des Mannes, den Weininger doch (262-63) unter dessen Individualität verbergen wollte. – Eine Vergegenwärtigung der damaligen Paradigmenkrise der Psychologie lässt übrigens auch den Freudianismus nicht nur als innovatives Unternehmen, sondern vor allem auch als eine brilliante Rettungs- und Bewahrungsaktion erkennen, so sehr seine Haltbarkeit, zumal in therapeutischer Anwendung, mittlerweile abgelaufen ist.
Etwas anders wird man die naturwissenschaftlichen Passagen zu lesen – man kann verwerfen, wo man es heute definitiv besser weiß, und das trifft hier auf sehr viel zu. Gene, Chromosomen? Blutgruppen? Immunreaktion? – um nur einige Stichworte zu nennen, alles noch unbekannt. Immerhin: Das alles, das Seriöse und das Schiefe, das alles ist einmal als »Wissenschaft« aufgetreten, eher noch selbstbewusster und breitschultriger als Wissenschaft und Expertentum das heute tun. »Und die restlichen Fragen lösen wir dann demnächst auch noch« – da sollte man auch heute nicht zu viel darauf geben.
Ein instruktives Detail ist dabei übrigens die Frage des Versehens der Schwangeren – für die zeitgenössische Biologie und Medizin eine offene Frage, die aus naheliegenden Gründen zu einer weltanschaulich-taktisch bestimmten Antwort einlud. Weininger (ebenso wie Steiner, dem man das heute ignoranterweise gern zum Vorwurf macht) entscheidet sich natürlich für das Versehen und für andere Arten von geistigen Einflüssen auf Zeugung und Schwangerschaft – nicht nur als Paradigma von ›mind over matter‹, sondern auch, um ein für alle Mal mit der ›Illusion‹ der leiblichen Vaterschaft (unsittlich qua Vermischung, wie sie ist) aufräumen zu können (290). Keine Vaterschaftsunsicherheit, keine Eifersucht mehr – nein, überhaupt nur die ›geistigen Kinder‹, die Erzeugnisse seines Hirns, gehören dem Manne an. Der Rest ist schließlich sowieso nur dem Untergang geweiht. Auch Söhnen mag eine solche Vorstellung zuweilen tröstlich vorkommen.

Gender Studies

Dass man vielleicht den meisten Nutzen aus Weiningers unmittelbaren Beobachtungen und Aussagen über Männer und Frauen zieht, mag zunächst überraschen. (Damit meine ich nicht die reich gefüllte Zitatentheke, an der man zuzeiten ja durchaus Freude haben kann – Weiniger verteilt gern Watschen, und öfters mal sitzen sie ja auch richtig.)
Haben sich denn nicht tausend Dinge verändert, hat man nicht inzwischen alle erdenklichen Beispiele und Gegenbeispiele gehabt, die man nur einfordern könnte? Gewiß, und gerade darum überrascht es so, plötzlich mit wohl bekannten Elementen aus der eigenen Lebenserfahrung – Zügen weiblichen und männlichen Verhaltens und Fühlens – konfrontiert zu sein. Es gibt hier offenbar überdauernde Sachverhalte, deren adäquate theoretische Formulierung noch nicht gelungen ist.
»Die Frau lebt stets, auch wenn sie allein ist, in einem Zustande der Verschmolzenheit mit allen Menschen, die sie kennt ...« (248) – das hat man erst vor zwanzig Jahren wieder entdeckt und in eine psychoanalytisch beeinflusste Theorie verpackt, die auch nicht unbedingt überzeugen kann. Dass Männer und Frauen unterschiedlich getröstet sein wollen, dass er schweigt, wo die Frau ihn zureden hören will, dass er umgekehrt keinen Zuspruch annehmen mag, wenn er in der Tinte sitzt usw. (249), das ist eine weitere Beobachtung, die zwar empirisch bestätigt, aber nicht weiter kontextualisiert ist. Über ein differentielles Verhältnis zur Sprache und Rede ist inzwischen eine umfangreiche Literatur entstanden, auch die Thematisierung des Mutter-Tochter-Verhältnisses innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen Psychologie hat recht beachtlichen Umfang erreicht. Man könnte die Beispiele vervielfältigen, es gibt auch tatsächlich »eine gewisse Amphisexualität der Begriffe, indem von diesen viele (Eitelkeit, Scham, Liebe, Phantasie, Furcht, Sensibilität usw.) eine männliche und eine weibliche Bedeutung haben« (385). Damit umzugehen, ist »irgendwie« Teil unserer Lebenserfahrung, aber denken würde man sich auch gern etwas dabei. Ein erster Schritt ist sicher das Sammeln von Hinweisen, und da wird man in Geschlecht und Charakter umfangreich fündig.
Es ist klar, dass man so nie zu einem »Wesen« der Geschlechter kommt, und von vorschnellen Systematisierungen sollte man sich auch nicht viel erwarten. Der aussichtsreichste theoretische Rahmen könnte hier ein evolutionstheoretischer sein, so sehr auch Weininger (vermutlich überwiegend aus dem Ressentiment der feinen Menschen, wie man es heute noch beobachten kann) gegen den Darwinismus seiner Zeit randaliert. Auch heutige Versionen könnten ihm nicht gefallen, thematisieren sie doch immer Handeln als strategisch auf Gattungszwecke hin interpretierbar und von ihnen her verstehbar – quasi wieder eine »unbewusste Sittlichkeit«.
Außerdem können solche »survivals« im Schnittbereich von Natur- und Gesellschaftsgeschichte zu einer Differenzierung unserer Begriffe und zum Überdenken der involvierten Zeitmaße führen. Wie viel sind hundert Jahre? Nicht wenig: Vom biologischen Standpunkt ist seitdem eine Menge geschehen – denken wir an die durchschnittliche Vorverlegung der Menarche um mehrere Jahre, denken wir an das Größenwachstum und die damit einhergehende Veränderung der Proportionen. (Tatsächlich wird man für weite Bereiche der Physiologie und der Psychologie zögern, Daten zu berücksichtigen, die älter als ein paar Jahrzehnte sind – gewiss, meist liegen dem forschungsmethodische Bedenken zu Grunde, aber vielleicht haben sich ja auch die Gegenstände der Forschung verändert?)
Gesellschaftliche Veränderungen vollziehen sich nicht notwendig schneller. Natürlich, Reiche und Republiken gehen unter, Frauenerwerbstätigkeit ist der Normalfall geworden (freilich mit einer überraschend konservativen Verteilung der Arbeitsbereiche und Tätigkeitsmerkmale), Väter kennen sich einigermaßen zuverlässig mit Säuglingspflege aus und könnten das Wurm schon großpäppeln (freilich, wenige tun es) – schön, schön, aber was bedeutet das? Kultureller Wandel ist ganz offensichtlich vielschichtig (und wie spezifiziert man das angemessen?), und die einzelnen Schichten und Bereiche haben höchst unterschiedliche Zeitmaße (welche?). Vorteilhaft, sich hier wenigstens orientieren zu können (von »sich auskennen« kann gar keine Rede sein), sonst bleibt alle Kulturkritik oberflächlich oder gar im Liturgischen stecken.
»Unsere Zeit, die nicht nur die jüdischeste, sondern auch die weibischeste aller Zeiten ist; die Zeit, für welche die Kunst nur ein Schweißtuch ihrer Stimmungen abgibt, die den künstlerischen Drang aus den Spielen der Tiere abgeleitet hat; die Zeit des leichtgläubigsten Anarchismus, die Zeit ohne Sinn für Staat und Recht, die Zeit der Gattungs-Ethik, die Zeit der seichtesten unter allen denkbaren Geschichtsauffassungen (des historischen Materialismus), die Zeit des Kapitalismus und des Marxismus, die Zeit, der Geschichte, Leben, Wissenschaft, alles nur mehr Ökonomie und Technik ist; die Zeit, die das Genie für eine Form des Irrsinns erklärt hat, die aber auch keinen einzigen großen Künstler, keinen einzigen großen Philosophen mehr besitzt, die Zeit der geringsten Originalität und der größten Originalitätshascherei ...« (441) Jede Zeit und jede Generation hat ihre besonderen Chancen und Risiken, auch ihre besonderen Gründe, aus denen die Menschen mit ihr unzufrieden sein können. Mag auch sein, dass Weiningers Vorwürfe stellenweise eine sachliche Grundlage und Berechtigung hatten. Aber was heißt das? Und wohin sind wir, jetzt, geraten? Ist unsere Zeit mehr oder weniger weibisch? Woran erkennt man das? Und macht das etwas aus? Dass die »Köchin den Staat regieren können« sollte, hat sich aus ganz anderen Gründen als verfehltes Ziel erwiesen - kein einzelnes Subjekt kann noch »regieren« oder tut es. Doch wer eine Hauswirtschaft gut verwalten kann, warum sollte sie keine Firma führen können? »Frauen führen anders« (populärer Buchtitel): So, tun sie das wirklich? Alle? Macht es einen Unterschied für die Firma? Einen Unterschied für ihre Geschäftspartner und Kunden? Einen Unterschied für die Gesellschaft als Ganze? Ja, nein, vielleicht: Reden können wir immer noch gut. Wissen tun wir wenig.


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